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Trauergottesdienst für Helmut Kohl
„Gott sei ihm ein gnädiger Richter“

Abschied vom Altkanzler: Trauergottesdienst für Helmut Kohl in Speyer
Speyer. Es war ein würdevoller, bei aller Trauer zugleich Hoffnung gebender Gottesdienst im Dom zu Speyer. Bischof Wiesemann würdigte Helmut Kohls Verdienste um die deutsche Einheit – und erinnerte auch an den "Ehemann und Vater". Von Reinhard Breidenbach

Die Toccata und Fuge in D-Moll von Johann Sebastian Bach (1685 – 1750) wühlt jeden auf, der sie je in einer Kirche hörte. Sie erklang in der Vergangenheit fast immer, wenn Helmut Kohl "seinen" Dom  besuchte. An diesem Samstag nun, beim Trauergottesdienst für den verstorbenen Kanzler, lässt die Toccata einmal  mehr das Speyerer Gotteshaushaus erbeben.

Das Orgelwerk wurde auch als Filmmusik berühmt, in "Rollerball" aus dem Jahr 1975. Darin geht es um einen gnadenlosen Kampfsport der Zukunft, in dem auch böse Mächte ihre Fäden spinnen. Aber am Schluss siegt der Gute, verkörpert vom Amerikaner James Caan, einer Art Weißem Ritter. Vielleicht mochte Helmut Kohl die Toccata ein bisschen auch deshalb.

Pontifikalrequiem im Speyerer Dom für Helmut Kohl FOTO: dpa, axs

Es ist ein emotionaler, würdevoller, bei aller Trauer zugleich Hoffnung gebender Gottesdienst. Die weihevolle Liturgie, die in aller Pracht doch dezente Illumination, die Gesänge und Orgelstücke lassen Friedfertigkeit und Optimismus anklingen. Vergebung und Versöhnung sind Leitmotive.

Weggefährten und Freunde Kohls sind gekommen; aber eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn schlendern, ein wenig gebeugt, auch zwei ältere Herren in das Gotteshaus, Schulter an 'Schulter, emsig miteinander diskutierend: Heiner Geißler, einst Sozialminister im Kabinett des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kohl, und Norbert Blüm, 16 Jahre lang treuer Diener seines Kanzlers. Nach der Spendenaffäre des Jahres 2000 lebte Kohl mit ihnen in bitterem Streit. Versöhnung über Gräbern.

Aber Walter und Peter Kohl sind nicht da. Vielen in der Trauergemeinde werden sie gefehlt haben, andere hatten vielleicht Sorge wegen eines drohenden Eklats. Bischof Karl-Heinz Wiesemann, der Friedfertige, entbietet den abwesenden Söhnen gleich zu Beginn einen besonderen Gruß.

Fotos: Europäischer Trauerakt für Helmut Kohl FOTO: dpa, nie

Der mächtige Sarg, bedeckt mit der deutschen Flagge, thront vor dem Hochaltar; das hat etwas Mahnendes, zugleich Felsenhaft-Beruhigendes. Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier, Norbert Lammert und Malu Dreyer verneigen sich vor dem Sarg. Kohls Finanzminister Theo Waigel,  Ex-Wissenschaftsminister Matthias Wissmann und der frühere Bundespräsident Horst Köhler kämpfen mit ihren Tränen. Maike Kohl-Richter, flankiert von Bill Clinton und Jean-Claude Juncker, trägt auch im Dom ihre dunkle Brille, die nichts erkennen lässt.

Bischof Wiesemann spricht sie in seinen Eingangsworten direkt an. Sie habe ihrem Mann beigestanden, gerade in schweren Krankheitstagen. "Wenn meine Kräfte brechen, mein Atem geht schwer aus, und kann kein Wort mehr sprechen, Herr nimmt mein Seufzen auf": So heißt es in einer eindrucksvollen Stelle des Bach-Chorals "Christus, der ist mein Leben".

Bewegende Trauerfeier für Helmut Kohl

Dem Bischof Wiesemann gelingt eine religiöse und zugleich politische Predigt. "Helmut Kohl war ein großer Staatsmann, das Geschenk der deutschen Einheit wird immer mit seinem Namen verbunden sein." Jedoch sei das nicht Kohls Werk alleine gewesen: Einen gewichtigen Teil habe auch Willy Brandt mit seiner Ostpolitik beigetragen, nicht zu vergessen "die mutigen Menschen in Ostdeutschland" – und auch die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosz.

Kohl habe tiefe Heimatverwurzelung – der Bischof erwähnt eigens "das berühmte Saumagen-Essen" – mit dem weiten Bogen der Geschichte verbunden und damit bei Staatsmännern in aller Welt Vertrauen erworben, unabdingbare Voraussetzung für die Wiedervereinigung Deutschlands. Zu guter Letzt habe Kohl die 'Gunst der Stunde genutzt, die "Stunde der Gnade", als es um die deutsche Einheit ging. All dies jedoch, so betont der Bischof, sei nur möglich gewesen, weil Kohl tief im christlichen 'Glauben verwurzelt gewesen sei und damit in der Grundüberzeugung: Nie wieder Krieg.

Die Worte des Bischofs sind von Verehrung und ehrlichem Respekt getragen, er spricht mit Empathie, aber "sine ira et studio", ohne Zorn  und Übereifer. Und vielleicht bewegt ihn gerade das, bei der Würdigung Kohls die Facetten "Ehemann und Vater" nicht auszusparen. Fast auf den Tag genau vor 16 Jahren, am 11. Juli 2001, fand im Speyerer Dom die Trauerfeier für Hannelore Kohl statt. Daran erinnert Bischof Wiesemann ausdrücklich. "Helmut Kohl wusste um seine eigenen Ecken und Kanten und dass manches zu kurz gekommen war", sagt  der Bischof. "Das Schuldhafte kann nur in Gott Erlösung finden. Gott sei ihm ein gnädiger Richter", lautet die Fürbitte des Bischofs für den großen Toten. 

 
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