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Sommerinterview
ZDF-Mann bringt Gregor Gysi ins Schwimmen

Gregor Gysi kommt im ZDF-Sommerinterview ins Schleudern
FOTO: Screenshot ZDF
Düsseldorf. Gregor Gysi, scheidender Fraktionschef der Linken, offenbart im ZDF-Sommerinterview die ganze Widersprüchlichkeit seiner Partei. Mehrfach gerät er im Gespräch mit ZDF-Mann Thomas Walde mit seiner Argumentation ins Schleudern. Von Philipp Stempel

Das ZDF hat Gysi für das traditionelle Sommerinterview an einem idyllischen Plätzchen besucht. Leger im Hemd mit offenen Kragen sitzen sich der Linken-Politiker und Journalist Thomas Walde braungebrannt gegenüber, im Hintergrund spielt der Wind mit dem Sommer-Schilf des Schermützelsees in der Märkischen Schweiz.

Im Gespräch, das am Sonntagabend ausgestrahlt wurde, weht ein anderer Wind. Nicht wie im Ferien-Plausch, sondern verhörartig nimmt Walde seinen Gesprächspartner in die Zange. Es geht um die Zukunft der Linken, es geht um die Zeit nach der Ära des freundlichen Herrn Gysi. Nach zehn Jahren als Fraktionschef der Linken im Deutschen Bundestag will Gregor Gysi im Herbst nicht erneut für dieses Amt kandidieren.

"Das wäre doch ihr Job gewesen!"

Porträt: Gregor Gysi – der Star der Linken FOTO: dpa, obe wst

Ob sich mit Sahra Wagenknecht die Partei wieder radikalisiere, will Walde wissen. Gysi nimmt das mit dem ihm eigenen Charme. Er versichert, dass neue Verantwortung in neuer Funktion einen Menschen verändern wird. Zu deutsch: Um die Spannungen der Linken zwischen Realisten und strammen Programmatikern auszuhalten, muss sich auch eine Sahra Wagenknecht zurücknehmen.

Schon früh geht Walde seinem Gesprächspartner auf die Nerven. Warum die Linke es denn in all den Jahren der Opposition nicht hinbekommen haben, in Deutschland eine Wechselstimmung zu erzeugen? "Das wäre doch ihr Job gewesen", insistiert Walde.

Gysi verweist auf höhere Mächte: "Ja passen Sie auf, das kann ich ja leider nicht alleine entscheiden, da gehören die Medien dazu, das ZDF, da gehören Kunst, Kultur und Wissenschaft dazu." Er vermisst die gesellschaftliche Atmosphäre, die es für einen Politikwechsel braucht. Gleichzeitig beteuert er aber, dass die Zeit dafür eigentlich doch schon reif ist, es aber nur noch keiner gemerkt hat: "Nach außen hin ist alles ruhig, aber darunter brodelt es", sagt Gysi. Und gibt Walde am Ende doch recht. Die Partei müsse für eine Wechselstimmung streiten.

Einen ähnlichen Eiertanz legt Gysi notgedrungen beim Thema Flüchtlinge hin. Walde hält ihm die "reine Lehre" der Partei vor Augen und zitiert aus dem Programm: "Schutzsuchende dürfen nicht abgewiesen werden. Wir fordern offene Grenzen für alle Menschen."

Flüchtlinge – erschütternde Bilder aus aller Welt FOTO: afp, MM

Gysi relativiert: "Dass die ganze Menschheit in Deutschland keinen Platz hat, wissen auch wir", sagte der Noch-Fraktionschef. Beim Widerspruch von Programmforderungen und Realismus zeigt Walde keine Gnade. Als Kronzeugen holt er gar Gysis Parteikollegen Bodo Ramelow in den Zeugenstand. Der forderte als Ministerpräsident von Thüringen kürzlich sogar, den Zuzug von Flüchtlingen zu begrenzen. Gysi bemüht sich, das auszuhalten. "Offene Grenzen heißt doch nur, dass wir Menschen nicht abweisen."

Nochmals auf den Widerspruch von Programm-Lyrik und umsetzbarer Politik angesprochen verweist Gysi auf die anderen: "Meinen Sie, das gibt's in anderen Parteien nicht?" Zudem wolle man ja nur Menschen in Not aufnehmen, nicht alle Menschen, lacht Gysi etwas unentschlossen.

An einem Punkt allerdings überdreht der chronisch insistierende Walde dann aber doch. Als er auch zwischen der Ablehnung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr und der Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer herstellen will, kontert Gysi: "Hauptsache, die Lebensrettung findet statt. Auch durch die Bundeswehr", sagte Gysi am Sonntag im ZDF-"Sommerinterview". Einen Widerspruch zur grundsätzlichen Ablehnung von Auslandseinsätzen durch seine Partei sehe er nicht: "Das ist ja kein anderes Land. Das ist ja das Meer."

Nach dem Gespräch mit Gregor Gysi folgt in der diesjährigen Staffel der Sommerinterviews von "Berlin direkt" am Sonntag, 16. August 2015, 19.10 Uhr, das Interview mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Bettina Schausten in Berlin führt. Den Abschluss der Reihe bildet am Sonntag, 23. August 2015, 19.10 Uhr, das Sommerinterview mit dem CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer, geführt von Thomas Walde. In diesem Jahr bereits zu Gast waren: am 12. Juli 2015 Bundespräsident Joachim Gauck, am 19. Juli Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel und am 2. August Grünen-Chef Cem Özdemir.

Das ganze Interview mit Gysi zeigt das ZDF in seiner Mediathek. 

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