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US-Präsident besucht Konzentrationslager: Große Gefühle in Buchenwald

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 05.06.2009 - 19:55

Weimar (RP). Barack Obama aus der Nähe erlebt: Wie es der mächtigste Mann der Welt schafft, beim Besuch der KZ-Gedenkstätte authentische Emotionen und klare Botschaften auf den Punkt zu bringen

Ein kleiner Streifen Krepppapier vertreibt jeden Zweifel, warum zwischen Weimar und der KZ-Gedenkstätte Buchenwald an diesem Freitag mehrere Sicherheitsschleusen, Leibesvisitationen, Straßensperren und Tausende von Polizisten stehen. „POTUS“ ist auf dem unscheinbaren Papierchen zu lesen. POTUS! Denn das bedeutet, dass hier, vor dem berühmt-berüchtigten Eingang zum früheren Konzentrationslager, bald der mächtigste Mann der Welt eintreffen wird. POTUS: „President Of The United States“.

Obama auf Forschertour

Barack Obama auf den Spuren der dunkelsten Kapitel deutscher Vergangenheit. Barack Obama auf dem Weg, ein Zeichen gegen das Vergessen des Holocaust zu markieren. Barack Obama aber auch auf Forschertour eigener Familiengeschichte: Großonkel Charles Payne hat 1945 das Buchenwalder Außenlager Ohrdruf befreit.

Hubschrauber kreisen immer wieder rund um die Gedenkstätte. Scharfschützen gehen in Stellung. Männer mit dunklen Sonnenbrillen, noch klischeehafter als in den US-Spielfilmen als Agenten des Secret Service zu erkennen, nehmen jeden Zentimeter jener 400 Meter in den Blick, die gleich Barack Obama mit Kanzlerin Angela Merkel und den beiden Buchenwald-Überlebenden Elie Wiesel und Bertrand Herz zurücklegen wird.

An Schlüsselpunkten stehen Fernsehkameras, die das Ereignis live in alle Welt übertragen werden. Alles nur Inszenierung? Alles nicht echt? Schon vor Wochen haben die Vorkommandos aus Washington damit begonnen, in Buchenwald mehr und mehr das Kommando zu übernehmen. Dutzende von Besuchspunkten hätte Volkhard Knigge, der Chef der Gedenkstätte, dem Gast gerne gezeigt. Die Auswahl behält sich das Weiße Haus vor.

Erst wenige Tage vor der Visite bekommen die Gastgeber erläutert, wie der Besuch ablaufen wird. Millimetergenau. Minutenexakt. Wieder sind Hubschrauber zu hören. Zuerst der der Kanzlerin. Sie hat ihr knallgelbes Sakko vom Vormittag in Dresden gegen einen schwarzen Hosenanzug getauscht. Dann die Helikopter der US-Delegation. Zusammen mit den Zeitzeugen absolvieren Präsident und Kanzlerin ein Händeschütteln mit Jugendlichen, die sich für das Gedenken engagieren.

„Meet and greet“ heißt das Format. Treffen und grüßen. Ein Gespräch, wie von deutscher Seite vorgeschlagen, fällt aus. Aber auch ohne Worte wirken die jungen Leute fasziniert. Ohne Hast gehen Obama, Merkel, Wiesel und Herz durch die Gedenkstätte. Es ist still geworden. Keine Autos, keine Hubschrauber.

Stille Momente in Buchenwald

Nur vier Menschen und die Zeugnisse der Vergangenheit. Sie legen auf Vorschlag der Kanzlerin weiße Rosen nieder. Zunächst auf die zentrale Gedenkplatte, die ständig auf 37 Grad erwärmt wird, auf die Temperatur menschlichen Lebens an diesem Ort, an dem über 55.000 Menschen den Tod fanden. Es ist kein bequemer Weg. Die gesenkten Häupter erklären sich auch durch die rutschigen Steine, die Besucher leicht stolpern lassen.

Stiftungsdirektor Knigge empfängt die Gruppe am „little camp“. Zu DDR-Zeiten war dieses „kleine Lager“, jener nach dem Krematorium schrecklichste Ort in Buchenwald verdrängt, vergessen, von Bäumen überwuchert. Jetzt schildern Gedenkplatten das Leid im Quarantänebereich. Obama legt abermals eine weiße Rose nieder. Dann Merkel, dann Wiesel, dann Herz. Und nun verharren sie in andächtigem Gedenken, studieren die Schilderungen jener Qualen von zeitweise 20.000 Häftlingen gleichzeitig auf einer Fläche, die ursprünglich als Stall für 50 Pferde gedacht war.

Obama "wird die Bilder nie vergessen"

5000 Tote allein in den letzten hundert Tagen vor der Befreiung 1945. Obama weiß in diesem Moment, dass er diese Bilder „nie vergessen wird“. Wo jetzt eine auch mit US-Spenden finanzierte kleine Gedenkstätte an das „kleine Lager“ erinnert, stand vor 64 Jahren die „Baracke des Todes“, wo diejenigen, die nicht von alleine an Hunger, Durst und Seuchen starben, mit Spritzen ermordet wurden.

34 Gedenkplatten auf dem Boden erinnern an andere Lager, aus denen die Gefangenen hierher transportiert wurden, um sie hier zu Tausenden zu erschießen und zu verbrennen. Inzwischen hat die Ultrakurzvisite des US-Präsidenten auch den letzten Anflug von engem Zeitplan verloren.

Immer wieder fragt Obama den Überlebenden Wiesel

Immer wieder fragt Obama nach, will von Wiesel wissen, wie das war, als er wenige Meter von hier in Barackenblock 66 zusammen mit 900 anderen Kindern und Jugendlichen hausen, seinen Vater in Barackenblock 57 kurz nach ihrem Transport aus Auschwitz sterben sehen musste. Ein Bild auf einer Informationstafel zeigt den 16jährigen Wiesel als siebten von links in der zweiten von vier Reihen kurz nach der Befreiung.

Obama, der alle anderen deutlich überragt, bückt sich nun ganz tief, um es genau sehen zu können. Beim Heranschlendern hatte Obama noch lässig die Hände in den Hosentaschen. Jetzt hält er sie gefaltet und verschränkt, mal vor, mal hinter sich. Äußeres Zeichen innerer Ergriffenheit. Auch Wiesel ist überwältigt von den großen Gefühlen, die der Besuch in ihm aufwühlt. Er hat Tränen in den Augen.

Bei dem minutenlangen Gespräch wendet Obama die Gruppe wie von selbst in Richtung Gedenkstättenausgang. So hat die Weltpresse noch bessere Bilder. Vieles saugt Obama regelrecht in sich auf, baut es anschließend umgehend in sein abschließendes Statement ein. Die bestialischen Zustände in der einzigen Latrine für 20.000 Menschen, die deswegen von keinem SS-Mann betreten wurde und daher zur Keimzelle des Widerstandes wurde.

Obama schildert Eindrücke

Die Eindrücke aus dem Krematorium, in dem 36.000 Leichen verbrannt wurden, bis den Wachmannschaften das Brennmaterial ausging. Erst jetzt, so bekennt Obama, könne er richtig begreifen, warum das, wovon sein Großonkel immer erzählte, wie ein Schock auf ihn gewirkt hat. Deshalb beschwört Obama die Gedenkstätte als Zeugnis gegen das Vergessen und wendet den Ort als Beleg gegen diejenigen, die auch heute noch und heute wieder den Holocaust leugnen.

Auch Merkel nutzt den Ort und die starken Eindrücke, um das „Nie wieder“ als deutsche Staatsräson zu bekräftigen. Längst spielt das Krepppapier vor dem Tor keine Rolle mehr. Obama hat die ihm zugewiesene Stelle verlassen. Und auch die Zeit interessiert ihn nicht. Sichtlich bewegt von dem, was er in den zurückliegenden anderthalb Stunden erfahren und gesehen hat, bittet er Elli Wiesel selbst um ein paar Worte.

Elie Wiesel spricht über die Hoffnung für die Welt

Es werden mehr als ein paar. Es werden viele. Die Gefühle müssen raus. Die Gedanken an den Vater. Die Hoffnung, dass die Menschen aus dem kaum in Worte zu Fassenden lernen mögen. Die Ernüchterung, dass dies nicht gelungen ist – nicht in Ruanda, nicht in Bosnien. Und der flehentliche Appell, dass die Gewalt im Nahen Osten endlich enden möge.

Nach Plan sind die Hubschrauber längst abgeflogen. Statt dessen steht Obama hinter Wiesel und lässt ihn nicht aus den Augen. Ernst. Bewegt. Und zustimmend, als Wiesel Merkels Mut und Moral lobt. Dann drückt er ihn, nennt ihn „meinen Freund“. Auch Merkel umarmt Wiesel und küsst ihn auf beide Wangen.

Langsam gehen sie dann Richtung Hubschrauber. Obama mit Wiesel, dahinter Merkel mit Herz. Die Verabschiedung zwischen Präsident und Kanzlerin ist so wie die Begrüßung am Morgen. Nicht herzlich. Aber freundlich. Sie schätzen aneinander, wie sie an diesem Tag erneut betonen, ihre jeweilige analytische Schärfe. Und deshalb wissen sie beide, wie wichtig dieser Besuch war. Und wie gut, dass sie ihn genau so absolviert haben. Vogelgezwitscher ist aus den Bäumen zu hören. Bis die Helikopter starten.


 
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