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Renate Künast im Interview: Grüne fordern Werbeverbot für Süßigkeiten

zuletzt aktualisiert: 11.01.2010 - 07:22

Berlin (RP). Renate Künast, Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, will Werbung für Schokoriegel und Gummibärchen im Umfeld von Kindersendungen im Fernsehen und im Radio verbieten lassen. Außerdem fordert sie die Deutschen auf, weniger Fleisch zu essen.

 Foto: ddp, ddp
Foto: ddp, ddp

Kaufen die Deutschen ihre Lebensmittel zu billig ein?

Künast Den Billig-Trend gibt es leider immer noch. Was aber im Geschäft billig ist, kommt in der Gesamtbilanz teuer zu stehen. Der Großteil der Lebensmittel bei uns wird mit Einsatz von viel zu viel Chemie produziert, ist energieintensiv hergestellt. Schon sind wir beim Klimaschutz.

Ökotest gibt Grundnahrungsmitteln wie Nudeln, passierte Tomaten und Joghurt von Discountern aber sehr gute Noten. Wie erklären Sie das?

Künast Die Rückverfolgbarkeit in der Lebensmittelkette hat sich bereits verbessert. Die großen Wirtschaftsunternehmen haben gemerkt, dass immer mehr Kunden auf Qualität achten und Produkte, bei denen es Beanstandungen gegeben hat, schlecht verkauft werden. Die Ergebnisse von Ökotest oder Stiftung Warentest sind gefürchtet. Das heißt aber nicht, dass die CO2-Bilanz der Produktherstellung okay ist. .

Der Markt für Bio-Produkte scheint aber gesättigt zu sein.

Künast Nein, das Marktsegment wächst erfreulicherweise weiter. Der Anspruch ist, dass wir grundsätzlich Lebensmittel wollen, die fair, umweltschonend und ohne chemische Rückstände hergestellt sind. In der Bevölkerung ist dieses Denken längst verankert. Der nächste Schub für Bio-Produkte wird kommen, wenn auch die breite Landwirtschaft ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten und zu klimafreundlicheren Anbaumethoden zurückkehren muss. 14 Prozent der Klimagase weltweit kommen aus der Produktion von Lebensmitteln.

Diese Dinge sind öffentlich schwer vermittelbar.

Künast Wir brauchen erstens eine Neuausrichtung der Agrarsubventionen statt eines Weiter So. Wieso sollten wir angesichts der volkswirtschaftlichen Schäden durch den Klimawandel andererseits weiter massive Subventionen für die falsche Produktionsweise zahlen? Da muss Aigner endlich mal Mut beweisen. Und zweitens brauchen wir die Debatte über den Umgang mit Lebensmitteln. Thema Fleisch. Fleischverzehr, vor allem der von Rindfleisch hat größere negative Auswirkung auf das Klima als andere Lebensmittel. Die Rinder geben Methangase ab. Soja wird als Futtermittel aus Südamerika hierher transportiert. Dann wird das Fleisch wieder exportiert. Das ergibt eine miserable Klimabilanz.

Die Devise lautet also: Leute, esst weniger Fleisch?

Künast Ja, die Devise lautet: Esst bewusster. Wir alle sollten weniger, dafür aber besseres Fleisch essen. Da muss die ganze Bevölkerung ihr Verhalten ändern. Es wäre zum Beispiel sinnvoll in Kindergärten und Schulen das Essen entsprechend umzustellen. Es gibt übrigens heute schon viele Eltern, die sagen, die Kinder sollen lieber regionale und biologisch erzeugte Kost bekommen und dafür eine Fleischportion pro Woche weniger essen. Sogar große Unternehmen haben ihre Kantinen umgestellt. Das ist eben die neue Lebensqualität.

Gelingt es Ihnen selbst, sich an Ihre Maßstäbe zu halten?

Künast Wenn ich selbst einkaufe, greife ich nur zu Bio-Produkten. Auch in unserem Büro haben wir Bio-Obst und Gemüse, auch fair gehandelten Kaffee. Unterwegs ist es schwieriger, sich rein bio und regional zu ernähren.

Brauchen wir das Schulfach Ernährung?

Künast Gemessen an der Vorgabe, dass die Kinder fürs Leben und nicht für die Schule lernen sollen, brauchen wir auch eine Ernährungs- und Verbraucherbildung. Ein entsprechendes Schulfach Ernährung sollte eingeführt werden. Kinder sollen nicht nur wissen, wie das Internet und Autos funktionieren, sie sollen den eigenen Körper kennen. Eistee, Cornflakes und Überraschungseier sind nicht schlecht, aber doch eine Süßigkeit. Bei der englischen Ausgabe der Sesamstraße heißt es: A cookie is a sometime food.

Wird man damit die Probleme übergewichtiger Kinder lösen?

Künast Dazu braucht es Eltern, aber auch Kindergärten, die auf gutes Essen und viel Bewegung achten. Aber das aggressive Werbegeschäft gegenüber Kindern bis zum 12. Lebensjahr gehört auch verboten. Lebensmittelwerbung, die ja meist Süßigkeiten-Werbung ist, hat im Umfeld von Kindersendungen nichts zu suchen. Da brauchen wir ein Verbot.

Michael Bröcker und Eva Quadbeck führten das Interview.

Quelle: RP

 
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