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Widerspruch auch in der Partei
Sex auf Rezept für Pflegebedürftige – Grüne in der Kritik

Grüne stoßen mit Forderung nach Sex auf Rezept für Pflegebedürftige auf Kritik
Eine Prostituierte liebkost einen körperlich und geistig behinderten Mann im bayerischen Limbach (Archivfoto). FOTO: dpa, ebe shp cul tba
Berlin. Die pflegepolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion fordert, dass Pflegebedürftige und Behinderte in Zukunft Sex mit Prostituierten bezahlt bekommen. Dafür gibt es viel Kritik, auch aus den eigenen Reihen.

"Eine Finanzierung für Sexualassistenz ist für mich vorstellbar", hatte die pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, der "Welt am Sonntag" gesagt. "Die Kommune könnte über entsprechende Angebote vor Ort beraten und Zuschüsse gewähren." 

Das Konzept und die öffentliche finanzielle Übernahme sind in der Pflegebranche umstritten. Pflegeforscher Wilhelm Frieling-Sonnenberg, Professor an der Hochschule Nordhausen, bezeichnete das Konzept in der Zeitung als "menschenverachtend". Er ergänzte: "Da geht es allenfalls darum, Menschen durch sexuellen Druckabbau wieder funktionstüchtig machen zu wollen: Lasst die Alten Druck ablassen, dann sind sie pflegeleichter." Dagegen argumentiert die Sexualberaterin für Pflegeheime, Vanessa del Rae. Die Prostituierten seien ein "Segen" für Heimbewohner und Pflegepersonal, sagte sie.

Kritik an dem Vorstoß kommt auch aus den eigenen Reihen – in Person von Boris Palmer, dem Tübinger Oberbürgermeister. Denn für ihn sei dies eine Idee, die dazu dienen könne, die Grünen als "weltfremde Spinner" abzutun.

Mit Vorstößen wie dem "Veggie Day" in Kantinen hatte die Partei wiederholt für Kopfschütteln gesorgt. Entsprechend fällt auch jetzt die Kritik in den sozialen Netzwerken aus.

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Posted by Boris Palmer on Sonntag, 8. Januar 2017

Andere kritisieren, dass es in dieser Zeit weitaus wichtigere Dinge zu diskutieren gebe.

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sieht den Vorschlag ebenfalls kritisch. Er sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur: "Prostitution für Pflegebedürftige als Leistung der Kommunen. Damit gewinnen die Grünen die Hoheit über bundesdeutsche Stammtische." Millionen Betroffenen helfe die Partei so allerdings nicht weiter. "Wer täglich damit zu kämpfen hat, beim Stuhlgang, Waschen und Essen Hilfe zu erhalten, hat andere Sorgen. Hier muss die Partei Vorschläge machen."

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nannte den Grünen-Vorschlag in der "Bild"-Zeitung abwegig. "Wir brauchen keine bezahlte Prostitution in Altersheimen, schon gar nicht auf Rezept. Was wir brauchen, ist mehr Intimität für die Heimbewohner."

Immer mehr Prostituierte bieten Dienste in Pflegeheimen an

Vorbild für die Idee wären die Niederlande: Dort gibt es dem "Welt"-Bericht zufolge bereits seit einigen Jahren die Möglichkeit, sich als Pflegebedürftiger die Dienste sogenannter Sexualassistentinnen – zertifizierter Prostituierter – bezahlen zu lassen.

Sexualassistenz ist den Angaben zufolge derzeit ein Trend in der deutschen Pflege: Es gebe immer mehr Prostituierte, die sich diese Zusatzbezeichnung gäben und zum Beispiel in Pflegeheimen ihre Dienste anböten. Da die Berufsbezeichnung nicht geschützt sei, existierten große Qualitätsunterschiede, etwa beim Umgang mit Demenzkranken.

(das/KNA)
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