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Ministerin Johanna Wanka im Interview
"Gute Noten scheinen heute leichter"

Ministerin Johanna Wanka im Interview: "Gute Noten scheinen heute leichter"
"Ich bin nicht der Meinung, dass jeder, der Abitur macht, auch studieren sollte": Ministerin Johanna Wanka. FOTO: dpa, ped fgj
Berlin. Bundesbildungsministerin Wanka spricht im Interview mit unserer Redaktion über die Leistungsbewertung in der Schule, den Streit ums "Turbo-Abi" und die Weiterbildungspläne der SPD. Sie sagt unter anderem: Vor 20 Jahren war es schwieriger, ein gutes Zeugnis zu bekommen. Von Eva Quadbeck

Im Bildungsministerium, das an der Spree nahe zum Hauptbahnhof liegt, gibt es immer etwas Neues zu sehen. Die aktuelle Ausstellung, die auch der Öffentlichkeit zugänglich ist, befasst sich mit dem ewigen Eis der Arktis. Ministerin Johanna Wanka, von Hause aus Mathematikerin, spricht gerne über die Inhalte von Forschung. Im Interview geht es aber um Bildungspolitik.

Die SPD möchte die Bundesagentur für Arbeit zu einer Weiterbildungsagentur ausbauen. Sollte Weiterbildung über die Sozialsysteme finanziert werden?

Wanka Das halte ich für den falschen Ansatz. Wir brauchen in Deutschland eine breite Weiterbildungsinitiative, die den Berufstätigen zum Beispiel die Möglichkeit gibt, sich gezielt auf die Digitalisierung der Arbeitswelt einzustellen. Das sollte möglichst im Job geschehen. Zentrale Treiber sind hier die Unternehmen. Politik sollte diesen Einsatz begleiten und gezielt ergänzen, nicht ersetzen. Sinnvoll wäre es, wenn sich die Unternehmen zusätzlich für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter mit den Fachhochschulen und Universitäten vernetzen. Dafür sollten wir die Hochschulen auch mit Finanzmitteln ausstatten, anstatt die Bundesagentur für Arbeit aufzublähen.

Also auch kein "Arbeitslosengeld Q"- längeres Arbeitslosengeld für die, die sich weiterbilden?

Wanka Wer arbeitslos ist, benötigt selbstverständlich auch Angebote zur Weiterqualifizierung. Diese sollte klassischerweise die Bundesagentur organisieren. Wichtig ist aber, dass danach auch ein Job in Aussicht ist und nicht von vornherein weitere Arbeitslosigkeit finanziert wird. Darauf muss die Weiterbildung ausgerichtet sein.

Ist denn bisher zu wenig für die Weiterbildung getan worden?

Wanka Nein. Die Weiterbildungsquote hat sich in Deutschland bereits verbessert. Aktuell nehmen mehr als 50 Prozent der Beschäftigten einmal im Jahr an einer Weiterbildung teil. Auch wegen der Digitalisierung müssen wir diese Quote aber noch erhöhen.

Noch nie hatten wir so viele Abiturienten wie heute. Sind es zu viele?

Wanka Die Abiturquote ist in der Tat erheblich gestiegen. Etwa jeder zweite Schüler macht inzwischen Abitur. Wenn jemand Abitur machen möchte, dann ist das gut. Ich bin aber nicht der Meinung, dass jeder, der Abitur macht, auch studieren sollte. Ich möchte also nicht an der Abiturquote drehen, aber die Anforderungen auch nicht absenken.

Sind die nicht längst gesenkt? Oder warum haben die Schulabgänger heute so viel bessere Noten als früher?

Wanka Bei den guten Noten scheint es die Tendenz zu geben, dass man die heute leichter erringen kann als vor 20 Jahren. Allerdings variieren die Bewertungsmaßstäbe von Bundesland zu Bundesland.

Und was tun Sie, damit nicht zu viele junge Leute ein Studium beginnen?

Wanka Derzeit haben wir etwa 510.000 junge Menschen pro Jahr, die ein Studium beginnen, und 705.000, die eine Berufsausbildung anfangen. Es geht nicht darum, das eine gegen das andere auszuspielen, sondern darum, für jeden den geeigneten Weg von der Schule ins Berufsleben zu finden. Gemeinsam mit den Ländern habe ich für die siebten und achten Klassen eine individuelle Berufsberatung auch in den Gymnasien geschaffen. So erfahren Schülerinnen und Schüler auch von modernen Ausbildungsberufen, die sie oder ihre Eltern oft nicht kennen.

Wie erklären Sie sich, dass so viele Bundesländer das Abitur nach zwölf Schuljahren wieder zurückdrehen?

Wanka Eine Umstellung bringt immer auch Schwierigkeiten mit sich. Viele Eltern dringen darauf, zum alten Modell zurückzukehren, das sie selbst kennen. Wir hatten auch bei der Umstellung auf Bachelor und Master große Gegendemonstrationen.

Beim Bachelor hat die Politik durchgehalten . . .

Wanka In der Frage "Abitur nach zwölf oder 13 Jahren?" reagiert die Politik sehr stark auf Eltern- und Lehrerwünsche. Dabei wissen wir heute, dass beide Wege erfolgreich sein können und es vor allem auf Kontinuität an den Schulen ankommt. Nichts ist schlimmer als ständige Systemwechsel.

Wenn demnächst wirklich zwei Prozent der Wirtschaftsleistung für Verteidigung ausgegeben werden, wird es ja auch mehr Verteidigungsforschung geben. Profitiert davon auch die zivile Forschung?

Wanka Ich gehe davon aus, dass ein Anwachsen des Verteidigungsetats auch zu mehr Sicherheitsforschung führen wird. Ich rechne in Deutschland mit einem ähnlichen Effekt wie in den USA. Von den Erkenntnissen der militärischen Forschung kann auch die zivile Nutzung profitieren. Das könnte beispielsweise für die IT-Sicherheit gelten. Wenn im militärischen Bereich dazu sehr gute Software-Programme entwickelt werden, dann können auch zivile Anwender sie nutzen. Ein Mehr an Forschung bringt immer einen Vorteil.

EVA QUADBECK FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
 
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