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Rundumschlag im Interview-Buch
Guttenberg attackiert Lammert

Politiker und ihre Doktortitel
Politiker und ihre Doktortitel FOTO: ddp
Freiburg/München. An diesem Dienstag erscheint das Interview-Buch des einstigen Polit-Lieblings Karl-Theodor zu Guttenberg. Darin verteidigt er nicht  nur seine Fehler, sondern rechnet auch ab. Seiner früheren Uni wirft er Parteilichkeit vor. Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bildungsministerin Anette Schavan seien ihm in den Rücken gefallen.

Neun Monate nach der Aberkennung seines Doktortitels meldet sich der frühere Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg mit provokanten Äußerungen zurück.

Schon vor einer Woche hatte ein Vorab-Abdruck in der Zeit für Wirbel gesorgt. An diesem Dienstag gibt es Nachschlag. In dem Buch mit dem Titel "Vorerst gescheitert", das nun erscheint, greift der gefallene Ex-Minister frühere Parteifreunde an.

Angriff auf Lammert Vor allem Bundestagspräsident Norbert Lammert wird zur Zielscheibe. Er hatte im Zuge der Plagiatsaffäre von einem Sargnagel für das Vertrauen in die Demokratie gesprochen und als einer der ersten führenden Politiker des Landes gegen Guttenberg Stellung bezogen. "Ein Sargnagel braucht immer jemanden, der den Hammer hält und den Sargnagel einschlägt", sagt nun Guttenberg. Und weiter: "Diese Rolle würde ich dem Autor des Satzes zugestehen. Das war wirklich unglaublich."

Angriff auf weitere Größen Freilich bleibt Lammert nicht der einzige, gegen den sich Guttenberg wendet. Auch Bildungsministerin Anette Schavan und der frühere Ministerpräsident Wolfgang Böhmer seien ihm ohne Vorwarnung in den Rückung gefallen, beklagt Guttenberg.

Was war geschehen? Damals, im Februar 2011 hatte Böhmer Guttenbergs Verbleib im Ministeramt bezweifelt, obwohl Kanzlerin Merkel offiziell an ihm festhielt. "Ich weiß nicht, wie lange er das aushalten kann", hieß es damals in Interviews von Böhmer. Schavan zog im Februar 2011 als eine der ersten in der Union noch klarer eine Kante: Ihr Satz "Ich schäme mich nicht nur heimlich" brachte den Rückhalt für Guttenberg ins Rutschen.

Angriff auf die Uni Bayreuth Zudem wirft Guttenberg der Universität Bayreuth fehlende Unabhängigkeit vor. Die Hochschule sei in dem Plagiatsfall "leider nicht unabhängig" gewesen, sondern habe offenbar aus Angst vor dem Verlust von Forschungsgeldern vorschnell ge- und verurteilt, sagte Guttenberg. Guttenberg war im März als Verteidigungsminister zurückgetreten, weil er seine Dissertation in weiten Teilen abgeschrieben hatte. Die Universität Bayreuth entzog ihm deshalb den Doktortitel.

Guttenberg räumte ein, dass die Affäre der Universität geschadet habe. Doch statt die Vorgänge unabhängig zu bewerten, sei die Universität Bayreuth "immer Partei" gewesen. Auch bei einem Ansehensverlust hätte die Wissenschaftseinrichtung "nicht Regeln und den Schutz von Persönlichkeitsrechten über Bord werfen" dürfen, betonte Guttenberg in dem Buch. Er sei schließlich kein "Betrüger".

Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) nannte die Angriffe Guttenbergs "nicht akzeptabel". Heubisch wies die Vorhaltungen energisch zurück. Hier gehe es allein um die Grundsätze guten wissenschaftlichen Arbeitens, "die ganz selbstverständlich auch Grundlage für die Gewährung von Forschungsgeldern sind und sein müssen", sagte er in München. Die Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft der Universität Bayreuth habe sorgfältig und unabhängig geprüft.

Guttenberg über den Vorwurf der Täuschung Erneut versicherte Guttenberg, er habe bei seiner Dissertation "selbstverständlich" keinen Ghostwriter gehabt. "Wenn ich die Absicht gehabt hätte, zu täuschen, dann hätte ich mich niemals so plump und dumm angestellt, wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist." Zugleich bezeichnete er die unter persönlichem Druck entstandene Doktorarbeit, die über weite Strecken nachweislich ohne Quellenangabe abgeschrieben war, als "größte Dummheit meines Lebens".

Guttenberg über sein Krisenmanagement Auch beim Krisenmanagement räumte Guttenberg Fehler ein. Zu Jahresbeginn von den Vorwürfen überrascht, habe er teilweise "völlig falsch reagiert". Er betonte: "Eigentlich habe ich in diesen Tagen immer die falsche Option gewählt." Doch sei er kein Blender, wie Kritiker oft behaupten. "Das ist einfach ein Attribut, das meinem bisherigen Leben nicht gerecht wird."

Guttenberg zur Bundeswehrreform Guttenberg ist überzeugt davon, bei der Bundeswehrreform keinen "Trümmerhaufen" hinterlassen zu haben, wie es ihm anschließend vorgeworfen wurde. Sein Amtsnachfolger Thomas de Maizière (CDU) habe etwa 95 Prozent der Vorschläge übernommen, betonte Guttenberg. "Vor diesem Hintergrund kann man, glaube ich, sehr wohl davon reden, dass ich ein bestelltes Haus hinterlassen habe. Ich habe so weit Hand angelegt, dass die Reform von jedermann übernommen und vollendet werden konnte."

Dass es diese tiefgreifendste Reform in den deutschen Streitkräften seit Gründung der Bundeswehr nun gibt, rechnete sich Guttenberg durchaus als Verdienst an. Dafür seien zwei Dinge notwendig gewesen: Die Überzeugung von der unbedingten Richtigkeit der Reform und die "Bereitschaft, nötigenfalls zu scheitern".

Guttenberg zum Abzug aus Afghanistan  Guttenberg warnt vor einer Beschönigung der Lage in Afghanistan. "Wir werden Afghanistan nicht gewinnen. Es geht darum, Afghanistan nicht zu verlieren". Das Land am Hindukusch sei "keine glühende Erfolgsgeschichte". Daher halte er es nach wie vor für falsch, ein Abzugsdatum zu nennen.

"Man unterliegt einer Illusion, wenn man meint, dass von 2014 an keine internationalen Truppen mehr in Afghanistan gebraucht werden", sagte Guttenberg. Und mit Ausbildern allein - wie es die Bundesregierung bereits für die Zeit ab 2015 in Aussicht gestellt hat - werde es nicht getan sein. Auch Spezialkräfte dürften weiterhin gefordert sein. "Manche nennen das dirty business. Und das ist in Afghanistan nie ausgeschlossen."

Guttenberg zur Kundus-Affäre In der sogenannten Kundus-Affäre will Guttenberg nichts zurücknehmen. Die Entlassung des damaligen Generalinspekteurs Wolfgang Schneiderhan sei gerechtfertigt gewesen, weil dieser ihm wesentliche Informationen "vorenthalten" habe, sagte Guttenberg. Guttenberg betonte: "Ein Minister hat keine Holschuld. Und zwar insbesondere nicht in einem der maßgeblichsten Fälle der deutschen Militärgeschichte seit Kriegsende."

Guttenberg hatte eine Woche nach seinem Amtsantritt Ende Oktober 2009 die Bombardierung zwei Tanklaster in Nordafghanistan als nicht nur militärisch angemessen, sondern auch trotz der von Oberst Georg Klein begangenen Verfahrensfehler als unvermeidlich bewertet. Wenig später revidierte sich der CSU-Politiker seine Meinung. In diesem Zusammenhang entließ er Ende 2009 dann die beiden höchsten Mitarbeiter seines Ministeriums, Generalinspekteur Schneiderhan und Staatssekretär Peter Wichert.

Guttenberg über ein Comeback Eine Rückkehr nach Deutschland und auch in die Politik schloss Guttenberg nicht aus. "Deutschland ist meine Heimat. Dort bin ich fest verwurzelt", sagte der frühere CSU-Hoffnungsträger, der mit seiner Partei zugleich hart ins Gericht ging. Die CSU stehe vor der Gefahr, zu einer Regionalpartei abzusteigen. "Diese Gefahr ist immer gegeben, wenn die CSU glaubt, bayerische Interessen brachial und dauerhaft über gegebene bundespolitische und europäische Ansprüche sowie auch globale Einflüsse stellen zu müssen", sagte er. Das könne schon mal der Fall sein, dürfe aber nicht zu einem "Grundmuster" werden.

Überdies ist bereits fest geplant, dass er im Januar ein öffentliches Comeback in der deutschen Öffentlichkeit feiern wird. Der frühere Verteidigungsminister hat bestätigt, dass er bei der Verleihung des Ordens "Wider den tierischen Ernst" in Aachen die Laudatio auf den neuen Preisträger Ottfried Fischer halten wird.

Guttenberg über eine neue Partei Inwieweit er dem Ruf zum Eintritt in eine neue Partei folgen würde, ließ Guttenberg offen. Da gebe es schon die "lustigsten und skurrilsten" Kontakte auch mit möglichen Parteigründern, sagte er. Doch sei die Wahrscheinlichkeit, dass eine solche Partei bereits vor der nächsten Bundestagswahl entsteht, angesichts des hohen Organisationsaufwandes unwahrscheinlich.

(APD)
 
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