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Zu Guttenberg EU-Kommission Internet
  Foto: dapd, Torsten Silz
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Ein Jahr nach dem Rücktritt: Guttenberg bleibt vorerst verzichtbar

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 29.02.2012 - 16:15

Berlin (RPO). Am Donnerstag ist es genau ein Jahr her, dass Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Rückzug aus der Politk antrat. Vermisst wird der frühere Hoffnungsträger von der Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr. Der einstige Heilsbringer ist verzichtbar. Zumindest vorerst.

Strauchelnd, aber aufrecht, räumte zu Guttenberg am 1.März des vergangenen Jahres vor ausgewählten Fernsehkameras ein, seine Kraft reiche nicht mehr. Das passte zur Inszenierung, und kam entsprechend an: Eine deutsche Eiche glanzvoller Herkunft, so hehr und hoch gewachsen, schmählich gefällt von der geifernden Medienmeute. Zum Jahrestag des Rücktritts von Karl-Theodor zu Guttenberg vermisst ihn jedoch nur noch eine Minderheit. Warum?

Keiner vor ihm hat die Nation derart emotional aufgepeitscht, und zwar für und gegen ihn. Die in die Millionen gehenden Anhänger sahen ihn mindestens als künftigen Bundeskanzler, besser noch als Inkarnation eines künftigen Königs, ach was: Kaisers! So oft in den Zeitungen kritische Fragen auftauchten, wie einer derart den Überblick über seine Doktorarbeit verlieren kann, dass er versehentlich seitenweise fremdes Gedankengut als eigene Schöpfung auszugeben vermag, so oft schwollen die Proteste an.

Auf die Figur Guttenberg projizierte die Hälfte des Volkes alle Wünsche und Sehnsüchte, die Hoffnungen auf eine bessere Politik, eine ideale Welt, in der alles großartig zusammen passt: Klarer Blick, aufrechter Gang, Reichtum, Schönheit, Adel, intakte Familie. Die besten Zutaten einer Erfolgs-Fernsehsoap, nur in echt und seriös. So etwas lässt man sich von ein paar lächerlichen Fußnoten nicht kaputt machen. Schämen sollten sie sich, die Kritikaster!

Die andere Hälfte hielt es nicht für möglich, wie ein offensichtlicher Blender tatsächlich so weit kommen konnte. Der schon seine Biografie in Sachen unternehmerischer Erfahrungen kosmetisch aufgepeppt hatte. Der sich als Wirtschaftsminister nur am Times Square in Gewinner-Pose zu präsentieren brauchte – und schon auf der Siegerstraße immer schneller voran kam. Der als Verteidigungsminister nur „Krieg“ zu sagen brauchte, und schon zum Liebling der Soldaten wurde.

Der scheinbar nach Belieben auf den Wellen der medialen Show-Bedürfnisse zu surfen verstand. Der handstreichartig die Wehrpflicht aussetzte, ohne auch nur im Ansatz organisatorische Vorsorge in den Kasernen und im Zivildienst getroffen zu haben. Und der dann scheibchenweise jenen Brustton zurücknehmen musste, nach dem jeder Plagiatsvorwurf „abstrus“ sei. „Selbst geschrieben? Oder geguttenbergt?“, wurde zum geflügelten Wort vor allem bei Akademiker-Partys.

Mehrheit lehnt Guttenbergs Rückkehr ab

Die Spaltung hält an. Aber sie wird schwächer. Im November, als eine Rückkehr Guttenbergs absehbar für möglich gehalten wurde, lehnten 42 Prozent ein Comeback ab, 40 Prozent befürworteten es, 17 Prozent war es egal. So ermittelten es die Demoskopen von YouGov. Dasselbe Institut fragte nun noch einmal nach. Ergebnis: 51 Prozent lehnen seine Rückkehr in die Politik ab, nur noch 34 Prozent unterstützen sie, und nur noch 23 Prozent glauben an ihn als geeigneten Regierungschef.

„Dazu hat er selbst am meisten beigetragen“, sagt einer aus seinem früheren Umfeld. Vor allem die CSU fand es überhaupt nicht lustig, wie er in seinem Interviewbuch Keile nach allen Seiten austeilte und sogar auf seine eigene politische Heimat mit hämischem Unterton losging. Die „Vorerst Gescheitert“ betitelte Schrift las sich wie ein einziger großer Versuchsballon. Anhand der Wellen, die seine angedeutete Rückkehr schlug, schien er ablesen zu wollen, ob er den Sprung zurück wieder wagen sollte. Dass wenige Tage zuvor die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Zahlung einer fünfstelligen Summe eingestellt worden waren, deutete auch zeitlich auf den Moment einer möglichen Wiederkehr hin. Man erinnerte sich der Fan-Erwartung: „Einer wie Guttenberg tritt nicht zurück, der nimmt nur neuen Anlauf.“

„Hurra, eine Tortenattacke! Ich dachte schon, ich würde verhungern“

Es wurde kein neuer Anlauf daraus. Sondern ein neuerlicher Rückzug. Begleitet von einer süßen Beleidigung: Bei dem Versuch, mit Piraten in Berlin ins Gespräch zu kommen, bekam er eine Torte ins Gesicht gedrückt. Er leckte sich die Sahne von den Fingern und postete bei Facebook: „Hurra, eine Tortenattacke! Ich dachte schon, ich würde in Friedrichshain verhungern. Zwei Aktivisten hatten gottlob mit mir erbarmen. Eine wunderbare Schwarzwälder Kirschtorte. Beim nächsten Mal dann gerne Käsesahne!“

Witterten die Fans, dass das nur geheuchelte Fröhlichkeit sein konnte? Dass einer wie Guttenberg, der selbst unter wohlmeinenden Freunden auf dem Höhepunkt seiner Macht ironisch mit „der Auserwählte“ tituliert wurde, schlecht mit der Aufforderung verbunden werden kann, ihm doch bitte nun die nächste Torte ins Gesicht zu schleudern? Und zwar „Käsesahne“? Nein, das passte nicht. Springt nicht auf, um die Angreifer zu erledigen, sondern bleibt getroffen am Tisch hocken, ja freut sich sogar noch! Das ist nicht der Guttenberg, der forsch jede Bühne im Sprung entert und jederzeit bei jedem Thema exakt und überzeugend sagen kann, wo es langgeht.

Er ist derzeit einer, der selbst für sich selbst nicht sagen kann, wohin es geht. Nicht sagen kann, von wo aus. Und schon gar nicht sagen kann, wann denn, wenn überhaupt. Deshalb wird zum Jahrestag „KT“ auch nicht vermisst. Deshalb ist er - zumindest - vorerst verzichtbar.

Quelle: caf/csr

 
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