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Guttenberg in Washington Panorama AP
  Foto: AP, AP
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Verteidigungsminister in Washington: Guttenberg stimmt auf mehr Auslandseinsätze ein

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 20.11.2009 - 07:56

Washington (RPO). Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg bereitet die Deutschen nach eigenen Angaben darauf vor, Auslandseinsätze der Bundeswehr nicht mehr als "Ausnahme" sondern als normale Aufgabe zu empfinden. Deshalb habe er auch eine neue Sprache gefunden, die klar die Realitäten zum Ausdruck bringe und auch das Wort "Krieg" nicht mehr umgehe, sagte Guttenberg in Washington.

Der Mann ist in seinem Element. Am Morgen hat sich der leidenschaftliche Atlantiker im Pentagon US-Verteidigungsminister Robert Gates als neuer deutscher Verteidiungsminister vorgestellt, am Mittag US-Sicherheitsberater James Jones im Weißen Haus. Aber wirklich neu war die Begegnung mit den Spitzen der US-Administration für alle Beteiligten nicht. Man kennt sich aus vielen Jahren transatlantischer Begegnungen. Am Nachmittag ist das in der Denkfabrik der US-Hauptstadt sogar noch mehr zu spüren: Im Center for Strategic and International Studies wird Guttenberg wie ein guter alter Bekannter begrüßt. Er war auch in diesem Jahr schon mal da, hat hier als Wirtschaftsminister gesprochen. Nun sei der FDP-Politiker Rainer Brüderle "happy", seinen Job bekommen zu haben, erläutert Guttenberg.

Ob auch er selbst "happy" ist, Verteidigungsminister zu sein, lässt er offen. Jedenfalls ist er hier eindeutig gefühlter Außenminister, spricht in geschliffenem Englisch über die Gründe, die transatlantischen Bindungen zu stärken, nennt Afghanistan einen "Lackmustest" für die Allianz, ja für die gesamte internationale Gemeinschaft und beeilt sich sogar, den "eigentlichen" deutschen Außenminister Guido Westerwelle in Schutz zu nehmen. Die auf Druck Westerwelles in den Koalitionsvertrag eingegangene Absicht, auf den Abzug der letzten amerikanischen Nuklearwaffen von deutschem Boden hin zu arbeiten, habe zu Aufregung und Fehlwahrnehmungen in Washington geführt. Das sei, wie Westerwelle schon selbst klar gestellt habe, keine einseitige Angelegenheit, sondern eine Sache für internationale Verhandlungen, unterstreicht Guttenberg. Als kleinen Seitenhieb fügt er hinzu, dass es CDU und CSU in Deutschland nun mit einem Partner zu tun hätten, der elf Jahre lang nicht regiert habe.

Guttenberg dagegen kennt amerikanische Empfindlichkeiten. So verwendet er an dieser Stelle den Begriff von "möglicherweise" in Deutschland stationierten Nuklearsprengköpfen. Und er befasst sich intensiv mit der neuen Nato-Strategie, stellt den Afghanistan-Einsatz in einen direkten Zusammenhang mit dem Angriff auf den Nato-Partner USA. Dabei verrät die Körpersprache, wie sehr sich Guttenberg hier zu Hause ist, wie sehr er mit dem Wechsel vom Wirtschafts- ins Verteidigungsressort und den damit gegebenen Möglichkeiten, über die Sicherheitspolitik auch viel Außenpolitik zu machen, "back to the roots", zurück zu seinen (außenpolitischen) Wurzeln gekehrt ist. Immer wieder in freier Rede ironische Bemerkungen einstreuend, hat er es sich am Rednerpult regelrecht bequem gemacht. Der rechte Fuß ruht lässig hinter dem linken. Ab und zu geht ein Ruck durch seinen Körper, und mit lebhaftem Gestikulieren unterstreicht er seine Erkenntnisse.

Seit dem Aufstehen am Morgen in Paris ist Guttenberg um diese Zeit bereits seit 17 Stunden auf den Beinen. Weitere acht stehen an diesem Tag noch aus, angefüllt mit einer Fülle politischer Begegnungen und Beratungen mit dem inneren Zirkel der US-Politik. Aber Guttenberg wirkt hellwach, so als lebe er in den nicht einfachen Gesprächen im Pentagon, Weißen Haus, Kongress und Botschafterresidenz regelrecht auf. Dabei lässt er aus den "sehr guten" und "sehr vertraulichen" Unterredungen keine Silbe zu viel nach außen dringen, entschuldigt sich einmal sogar für seine "langweilige Antwort" auf eine "differenzierte Frage".

Nur so viel: Es ist jedes Mal um Afghanistan gegangen. Die Entscheidung des US-Präsidenten zugunsten einer möglicherweise massiven Truppenverstärkung steht unmittelbar bevor. Innerhalb der nächsten Tage ist damit zu rechnen. Doch in Washington ist es ein offenes Geheimnis, dass zwischen State Department, Pentagon und Weißem Haus noch sehr gegensätzliche Strategien gehandelt werden. Guttenberg will die Richtung, die die USA einschlagen werden, zu einer "Säule" für die eigenen Schlussfolgerungen daraus machen. Auf Nachfragen amerikanischer Politikwissenschaftler möchte Guttenberg die Details aber nicht nennen. Ob Deutschland mehr Soldaten schickt, mehr Ausbilder, mehr Kämpfer, in mehr Regionen des Landes sich engagiert - all das wird von Guttenberg weder bestätigt noch ausgeschlossen, jedenfalls auf die Zeit nach der für Anfang nächsten Jahres geplanten Afghanistan-Konferenz vertagt. Jedenfalls könne es gut sein, dass Deutschland zu einer "Neubewertung" seines Engagements komme.

Aber eine zweite "Säule" der künftigen Afghanistan-Politik Deutschlands benennt Guttenberg doch: Das Verhalten der afghanischen Regierung. Wenn diese nicht endlich auch in Taten mehr Verantwortung für eine gute Entwicklung des eigenen Landes übernehme, sei Deutschland nicht länger bereit, seine Soldaten an den Hindukusch zu entsenden. Das ist nicht diplomatisch, das ist direkt nach Guttenberg-Art. Nach einem Treffen bei der Nato hatte Guttenberg zuvor die Möglichkeit angedeutet, bereits 2010 die ersten Gebiete im Norden Afghanistans in die Hand der afghanischen Administration zu übergeben. Möglicherweise, so zeichnet sich in Washington ab, verständigt sich die Allianz darauf, die Präsenz in Afghanistan deutlich auszuweiten, zugleich aber auch mehr und mehr Regionen den Afghanen zu "übergeben" - um damit eine Abzugsstrategie mit klaren nachvollziehbaren Bedingungen zu versehen. Ein Schlüssel ist für Guttenberg der Weg, den er mit "Training, Training, Training" umschreibt: Die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte als das A und O jeder Rückzugsvoraussetzung.

Guttenberg sieht die Verantwortung, die nun auf ihm lastet. Auf welchen Wegen er ihr nachkommen will, verrät er mitreisenden Journalisten auf dem Flug nach Washington nur in Ansätzen, und diese auch nur vertraulich. Nicht zum Schreiben. Und so bleibt es an dieser Stelle bei einer abermaligen Beschreibung von Guttenbergs Körpersprache. Anders als andere Minister oder die Kanzlerin setzt er sich nicht, während er mit den Journalisten in dem kleinen Besprechungszimmer des Luftwaffen-Airbus zum "Briefing" zusammentrifft. Er steht. Mal lässig an die Kabinenwand gelehnt, mal wie zum Sprung ansetzend auf beide Beine gestützt. Und bei manchen Gedanken geschieht immer dasselbe: Guttenberg wechselt vom rechten aufs links Bein, wieder zurück aufs rechte und wieder aufs linke. Es ist eine Mischung aus ungeduldigem Loslaufenwollen und verborgener Unsicherheit. Diese Körpersprache ist am Abend verschwunden. Guttenberg in Washington, das ist für den Verteidigungsminister ein Heimspiel.

Quelle: RP

 
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