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Hans-Dietrich Genscher †
Der unerschütterliche Europäer

Hans-Dietrich Genscher – Stationen seiner Karriere
Hans-Dietrich Genscher – Stationen seiner Karriere
Düsseldorf. Von 1974 bis 1992 stand der legendäre Liberale an der Spitze des Bundesaußenministeriums. Beim Zustandekommen seines politischen Lebensziels, der deutschen Einheit, wirkte er entscheidend mit. Die Zukunft Europas war für Genscher stets die deutsche Schicksalsfrage. Von Reinhold Michels

Vor zwei Wochen hörte man zuletzt von ihm. "Tief erschüttert" sei er über den Tod von Guido Westerwelle, mit dem ihn mehr als eine Parteifreundschaft verbunden habe, ließ Hans-Dietrich Genscher mitteilen. Und dass er betrübt sei, aus "gesundheitlichen Gründen" an den Trauerfeierlichkeiten für den Verstorbenen nicht teilnehmen zu können. Nun lebt er selbst nicht mehr. Mit dem am längsten amtierenden Außenminister Deutschlands ist eine der großen politischen Gestalten der Bundesrepublik gegangen. Der FDP-Ehrenvorsitzende, Spitzname: Genschman, stand bei allem auch weit jenseits des achtzigsten Lebensjahres unermüdlichen Einsatzes für die Sache des organisierten Liberalismus über den "Parteiungen", wie es ein anderer Großer der Nachkriegspolitik, Ludwig Erhard, einst altfränkisch und auf sich bezogen einst formulierte.

Vieles richtig gemacht

Genscher hat vieles richtig gemacht in seinem Politikerleben. Sogar der Rücktritt 1992 war klug gewählt. Wer nicht mit der Zeit gehe, der müsse mit der Zeit gehen. Hinter dem Wortspiel Genschers verbarg sich der Rat an weniger geschmeidige Bedeutende, sich selbst rechtzeitig aus der ersten Reihe zu begeben, bevor sich Abbruchspezialisten minderen Ranges ans Zerstörungswerk machen.

Genscher war eine feste Größe der nationalen und internationalen Politik. Er stand für eine Epoche Bonner Außenpolitik, die man als eine Kette vertrauensbildender Maßnahmen bezeichnen könnte. Genscher, der im Herzen (die Sprachfärbung lies es deutlich erkennen) immer der Mitteldeutsche aus Halle an der Saale blieb, hatte genug politischen Verstand, um zu wissen: Die Bundesrepublik muss, wie es ihr größter Baumeister, Konrad Adenauer, gewollt hatte, politisch, wirtschaftlich, kulturell im Westen fest geerdet sein. So war 1989/90, als die Geschichte einen ihrer seltenen Tigersprünge machte, Genscher zusammen mit Bundeskanzler Helmut Kohl ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute, die Einheit Deutschlands, im Hinterkopf hatte und durch Staatskunst im In- und vor allem im Ausland zum Ziel kam.

Prag als Höhepunkt des Lebens

Als situativen politischen Lebens-Höhepunkt bezeichnete Genscher seinen abendlichen Balkonauftritt vor DDR-Flüchtlingen in der Prager Botschaft der Bundesrepublik am 30. September 1989. Unvergessen bleibt, wie der Schlussteil von Genschers Satz, der den Flüchtlingen die sehnlichst erwartete Ausreise in die Freiheit verkündete, im Jubel unterging. Der tief innerlich tief bewegte Überbringer der glücklichen Nachricht stand da in seinem Trenchcoat und genoss den historischen Augenblick. Dabei und mag er sich gedacht haben: "Verweile doch! Du bist so schön."

Mit seinem politischen Instinkt hatte Genscher 1985 die Chancen für Ost-West-Entspannung begriffen, als in Moskau Michael Gorbatschow das Heft in die Hand nahm. Genschers Freundschaft mit Gorbatschows Außenminister Eduard Schewardnadse trug entscheidend dazu bei, dass 1989/90 Misstrauen gegen die deutsche Wiedervereinigung nicht überhand nahm.

Vorwürfe nach dem Balkankrieg

Vorgeworfen wurde dem begnadeten Diplomaten (der nie eine Diplomatenschule besucht hatte), dass er Anfang der 1990er Jahre die treibende Kraft gewesen sei, die auf Eigenstaatlichkeit drängenden Slowenen und Kroaten anzuerkennen. Dies, so der Vorwurf, habe seinerzeit den schwelenden jugoslawischen Konflikt weiter angeheizt, so dass es zum Balkankrieg kam.

An politischer Erfahrung konnte Genscher, der 1952 die DDR Richtung Bremen verlassen hatte und dort Rechtsanwalt war, kaum jemand übertreffen. 1965 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt. 1969 übernahm er für fünf Jahre das Bundesministerium des Inneren. 1972 erlebte Genscher dunkle Stunden beim Anschlag auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen in München. Genscher bot sich den palästinensischen Terroristen als Ersatzgeisel an und initiierte nach dem desaströsen Ende des Dramas die Grenzschutztruppe GSG 9. Sie bewährte sich im Oktober 1977 grandios, als sie in Mogadischu (Somalia) alle Passagiere in dem entführten Lufthansa-Jet "Landshut" befreite und die arabischen Kidnapper unschädlich machte.

"Verräter" nannte man ihn

Genscher verwies als erster Bonner Spitzenpolitiker auf die Notwendigkeit der Pflege von Eliten und mahnte, den Erfolg seiner FDP stets fest im Blick, schon 1981 Reformen der Wirtschafts- und Finanzpolitik an. Der SPD-Koalitionspartner und Kanzler Helmut Schmidt ahnten, dass Genscher den Absprung der FDP aus der Koalition mit der SPD und den Wechsel zum Regierungsbündnis mit Helmut Kohls CDU/CSU vorbereitete. Genscher und die USA-kritische SPD-Mehrheit hatten sich auch wegen unterschiedlicher Auffassung zum Nato-Doppelbeschluss auseinandergelebt.

Nach dem FDP-Koalitionswechsel zur Union am 1. Oktober 1982 stand Genscher in der Kritik. "Verräter" nannte man ihn, die Schmähung "Hallenser Halunke" floss aus der Feder des Schmidt-Vertrauen Klaus Bölling. Linksliberale wie Günter Verheugen verließen die FDP und traten der SPD bei. Genscher überlebte politisch.

Zwei Herzinfarkte setzten dem Mann zu, der als Kind Tuberkulose hatte und noch in den Krieg musste. Sein Pflichtgefühl ließ ihn nie im Stich. Der Mann mit den großen Ohren, den schlauen Äuglein, dem wackelnden Gang, dem Träger des närrischen Aachener Ritterordens machte sich noch als Achtzigjähriger nicht rar in seinem Haus in Wachtberg-Pesch bei Bonn. So soll er im März 2007 seine guten Beziehungen nach Teheran dazu genutzt haben, einen im Iran zu Unrecht inhaftierten Deutschen freizubekommen.

Elder Statesman par excellence

Nach dem Tode seines langjährigen liberalen Weggefährte Otto Graf Lambsdorff, auch einem Liberalen aus der Schwergewichtsklasse, füllte Genscher als FDP-Ehrenvorsitzender und Elder Statesman par excellence allein die Rolle des liberalen Granden aus. Seine späte politische Zuneigung galt dem aufsteigenden FDP-Stern aus NRW, Christian Lindner: Ähnlich wie der steinalte Helmut Schmidt sein Faible für den Genossen Peer Steinbrück offenkundig machte, so ließ Genscher in Worten und zusammen mit seinem Lieblingsliberalen auch in Buchform wissen, dass einem wie Lindner die Zukunft an der Spitze der "Blau-Gelben" gehöre.

In der sogenannten Euro-Krise blieb der deutsche Europäer und europäische Deutsche unerschütterlich bei seiner Überzeugung, dass die gemeinsame Währung als ein entscheidender Baustein im Haus Europa zu bewahren sei. Beim Thema Europäische Einigung – für Genscher wie für Helmut Kohl eine deutsche Schicksalsfrage sowie ganz generell eine solche Frage von Krieg und Frieden – spürte man bis zuletzt, dass in dem Mann mit dem kühlen Kopf ein heißes politisches Herz pochte. Bis zuletzt blieb er ein Mahner, der vor der unkontrollierbaren Sprengkraft neu heraufziehender Konflikte warnte. Noch im vergangenen Jahr warb er für einen Neuanfang in den Beziehungen zu Moskau. Die "alte Politik der Konfrontation" sei unzeitgemäß. Einer wie er musste es wissen.

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