| 10.14 Uhr

Nach Krawallen gegen Flüchtlinge
"Du bist willkommen" - Heidenauer Imagefilm erntet Häme im Netz

Heidenau: Imagefilm Mein Heidenau sorgt für Spott im Netz
Im Imagefilm wird vom "Zuhausegefühl" gesungen und davon, dass man in Heidenau gemeinsam stark ist. Der Text wirkt zynisch angesichts der gewaltsamen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge. FOTO: Screenshot Youtube
Heidenau. "Na komm, tritt ein, du bist willkommen. Setz dich zu uns, krieg das Zuhausgefühl." Diese Worte erscheinen zynisch angesichts der gewalttätigen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Heidenau. Sie stammen aus einem Imagefilm der sächsischen Stadt aus dem Jahr 2012, der jetzt in den sozialen Netzwerken wieder aufgetaucht ist. Von Laura Sandgathe

"Gemeinsam können wir noch bewegender sein" - "Dort, wo der Mensch im Zentrum steht" - "Man ehrlich wissen will, wie es dir geht" - "Mein Heidenau ist die Stadt, die mehr zu bieten hat" - "Jeder hat hier was zu sagen" - "Jeder wird hier auch gehört" - "Jeder ist bestärkt auch mitzutragen, was gemeinsam zu mehr führt" - "Komm herein in meine kleine heile Welt".

Als die Stadt Heidenau im Sommer 2012 ihren Song "Mein Heidenau" in einem Imagefilm vorstellte, haben die Verantwortlichen wohl nicht damit gerechnet, wie höhnisch und falsch diese Auszüge aus dem Songtext heute, rund drei Jahre später, klingen würden. Seit vergangenen Freitag steht die Stadt Heidenau in Sachsen exemplarisch für Fremdenhass und Gewalt gegen Flüchtlinge. Rechtsextreme hatten gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in einem ehemaligen Praktiker-Baumarkt protestiert. Die Demonstration schlug in Gewalt um, 30 Polizisten wurden im Laufe des Wochenendes verletzt. Auch in den Nächten zu Sonntag und Montag kam es zu Ausschreitungen von Linken und Rechten. Die Polizei richtete eine Sicherheitszone rund um das Flüchtlingsheim ein.

Die Flüchtlinge kamen trotzdem. Nach Angaben des Betreibers waren am Sonntagabend rund 320 Menschen in dem Gebäude untergebracht. Ob sie sich "willkommen fühlen", ob sich das "Zuhausegefühl", wie es in dem Imagefilm heißt, schon eingestellt hat, darf bezweifelt werden. Das drei Jahre alte Youtube-Video erfährt derzeit erneut vermehrtes Interesse, wird in den sozialen Netzwerken geteilt und kommentiert. Viele Nutzer empfinden den Clip als zynisch, als "Realsatire" oder "Ironie". "Man kann sich nur schämen...und was ist mit den Flüchtlingen? 'Was eure Stadt so besonders macht': Rassismus pur!", heißt es in einem Kommentar bei Youtube. "Ich glaube, da ist eine Entschuldigung fällig. Nicht an uns, sondern an die Füchtlinge", schreibt ein anderer Nutzer.

Presse: "Der rechte Mob lebt" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

Unter dem Stichwort "Heidenau" findet sich auf Youtube mittlerweile ein Clip, bei dem jemand aktuelle Bilder von den Ausschreitungen in Heidenau mit dem Song aus dem Imagefilm hinterlegt hat. In einem anderen Video läuft das Lied zu Bildern von Ausschreitungen gegen Flüchtlinge in Rostock-Lichtenhagen, die sich in diesen Tagen zum 23ten Mal jähren. Es wurde bereits über 23.000 Mal geklickt.

Immer wieder wird in den Kommentaren zu dem Imagefilm aber auch darauf hingewiesen, dass das Lied aus dem Jahr 2012 stammt und damals die aktuelle Situation nicht vorhersehbar war. Als das "Heidenauer Stadtportal" den Film am 1. Juni 2012 auf Facebook postete, fielen die Kommentare der Heidenauer größtenteils positiv aus. "Ein toller Song, absolut ohrwurmverdächtig!" heißt es da unter anderem. "Schönes Video. Den Text kann ich nur bestätigen. Habe nur positive Erfahrungen mit den Menschen aus Heidenau", schreibt ein anderer Nutzer.

Fotos: Dritter Tag in Folge: Proteste in Heidenau FOTO: dpa, abu wst

Doch auch damals gab es schon Nutzer, für die Realität und Imagefilm weit auseinandergingen: "Oh Mann, welche Wunschfee hat sich denn diesen Text ausgedacht?", heißt es zum Beispiel. "Macht doch mal die Augen auf! Mag sein, dass die Bilder in eurem Video ein kleiner Teil von Heidenau sind, aber was ist mit der gänzlich anderen Seite? Migrationsschwierigkeiten, hohe Arbeitslosigkeit, Mangelerscheinungen in der Bildung?", schrieb ein anderer Nutzer und sprach damals schon das Thema Migration an.

Auffällig an dem Video ist, dass darin kein einziger Protagonist mit Migrationshintergrund auftaucht. Das haben auch die Youtube-Nutzer bemerkt. Einer schreibt: "Gefühlte drei Sekunden ein Rollifahrer und null Sekunden ein Mensch mit Migrationshintergrund... das sagt viel aus."

Da kann man eigentlich nur hoffen, dass sich die Heidenauer ihren eigenen Imagefilm noch einmal genau anhören und zu Herzen nehmen. Denn es gilt: "Jeder ist bestärkt auch mitzutragen, was gemeinsam zu mehr führt".

(lsa)
Diskussion
Das Kommentarforum zu diesem Artikel ist geschlossen.