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Helmut Kohl ist tot
Ein deutscher Europäer

Helmut Kohl – Stationen seines Weges
Helmut Kohl – Stationen seines Weges FOTO: AP
Düsseldorf. Er war der Kanzler und Architekt der deutschen Einheit, er galt als genialer Strippenzieher und war überzeugter Europäer. Altkanzler Helmut Kohl hat Geschichte geschrieben. Am Freitag ist er im Alter von 87 Jahren in Ludwigshafen gestorben. Ein Nachruf. Von Reinhold Michels

Als der 80. Geburtstag von Helmut Kohl um einen Monat zeitversetzt im Mai 2010 in dessen Heimatstadt Ludwigshafen nachgefeiert wurde, bilanzierte der Geehrte sein Leben dankbar und denkbar schlicht: Es habe Sinn gemacht, und der liebe Gott habe es in der Summe mit ihm gut gemeint. Große Worte formulierten andere, beispielsweise Bundespräsident a.D. Roman Herzog. Er rückte Helmut Kohls ins Licht, ohne den Schattenwurf zu verschweigen. Dies, so Herzog, habe den Menschen und Staatsmann ausgemacht: Verlässlichkeit, eine schier unmenschlich erscheinende Geduld, die Fähigkeit, den richtigen Moment des Handelns abwarten zu können.

Dann folgte das abwägende Fazit über den Mann, der sechzehn Jahre lang Kanzler und 25 Jahre lang CDU-Bundesvorsitzender war: "Er hat das Parteiengesetz nicht erfüllt, aber er hat den Wiedervereinigungsauftrag des Grundgesetzes erfüllt." Auch diejenigen, die mit Helmut Kohl nicht ihren Frieden machen wollen, weil sie beispielsweise dessen selbstgerechter Ton im Memoirenwerk stört, empfanden Mitleid beim Anblick des zuletzt gebrechlichen Bundeskanzlers a.D. Die wenigen öffentlichen Auftritte, etwa bei der Berliner CDU-Feier zum 20. Jahrestag der Einheit oder zur 30. Wiederkehr des Beginns seiner Kanzlerschaft am 1. Oktober 1982, die sich der unter den Folgen einer sturzbedingten Hirnverletzung sicht- und hörbar Leidende zugemutet hat, weckten Erinnerungen an Johannes Paul II.

Reaktionen auf den Tod Helmut Kohls

Auch dessen krankheitsbedingte Sprachlosigkeit in der letzten Lebensphase rührte selbst giftigste Kritiker des Papsttums. Frappierend, wie sich die Ahnung historischer Größe auch beim alten Helmut Kohl umso nachdrücklicher einstellt, je hilfsbedürftiger der einst so vitale Kämpfer wirkte. Bis zum Schluss blieb die Erfahrung auch bei ihm: Die wirklich Großen, und mögen sie auch schweigen, füllen den Raum allein durch ihre Präsenz. Man konnte das erleben, als der Alte im Rollstuhl im Juni 2013 zum Abschied des langjährigen politischen Weggefährten Michael "Michel" Glos von der CSU diesem zur Ehre in Berlin aufkreuzte und alle wieder in seinen Bann zog.

Kohls merkwürdig starrer, dann wieder wie hilfesuchend schweifender Blick irritierte; ebenso die Behinderung des Sprachflusses. Die massive Statur war, reduziert zwar, in den letzten Lebensjahren noch gegenwärtig. Der Rollstuhl aber, der ihm Halt gab, und die stockende Artikulation signalisierten auf brutale und zugleich feierliche Weise das nahe Ende eines kraftvoll gelebten Lebens.

Wo immer Kohl zugegen war, wollte er Chef sein

Der Verstorbene war ein Deutscher und Europäer (bei Kohl gehörte immer beides fest zusammen), der als einziger Deutscher seiner Generation Weltgeschichte geschrieben hat. Der Mann aus Ludwigshafen war fehlerbehaftet in seinem Hang, Menschen und Umgebung zu dominieren, ja, zu erdrücken. Ein Zartbesaiteter wie Lothar de Maiziere, der letzte DDR-Ministerpräsident, litt in der Wendezeit beinahe körperlich darunter. Wo immer Kohl zugegen war, wollte er Chef sein. Seien acht Jahre ältere Schwester Hildegard erzählte das auch mit Blick auf die Schülerjahre ihres kleinen Bruders Gernegroß.

Helmut Kohl im Alter von 87 Jahren gestorben

1999/2000 – ein Jahrzehnt nach seinem größten Triumph – fiel ein Schatten auf Kohls gewaltiges politisches Leben, ein Leben, das die sonst nicht lobhudelnden Biografen Hans-Joachim Noack und Wolfram Bickerich als das eines Ausnahmepolitikers bilanzieren, der wie kaum ein zweiter das Land geprägt habe. Seit er, der Kanzler a.D. und Vierteljahrhundert-Boss seiner Partei einräumen musste, für die CDU Spendengeld angenommen zu haben, sich aber mit Verweis auf ein den Spendern gegebenes Ehrenwort gesetzwidrig weigerte, die Namen der Zuwender zu nennen, schwankte Kohls Charakterbild nicht nur in der CDU-Geschichte. Die dunkle Materie hat ihn den CDU-Ehrenvorsitz, die Zuneigung zahlreicher Sympathisanten, eine Zeit lang ganz allgemein ein Stück Ehre gekostet. Im April 2000, zu seinem "70.", verdrückte sich ein gekränkter, um seinen Rang in der Geschichte bangender Staatsmann mit einem klitzekleinen Kreis Getreuer und seiner psychisch-körperlich schwer leidenden ersten Ehefrau Hannelore ins Elsass. Der strauchelnde Riese versteckte sich vor den aus seiner Sicht Gift-Zwergen daheim. Alte Feindschaften im eigenen christdemokratischen Lager, das Kohl als "Familie" verstand, brachen wieder auf.

Der Löwe wankte, und so wimmelte es vor plötzlich mutig kleineren Tieren. Sie zupften an der Mähne desjenigen, der sie einst gefördert hatte, hernach jedoch unsentimental zu politischem Kleinholz machen wollte, weil sie sich intellektuell überlegen fühlten und ihn das auch wissen ließen. Allerlei wendige Partei-"Freunde" tendierten zum Wechseln der Straßenseite, wenn sie den nur beim materiellen Schadensersatz reuigen Sünder kommen sahen. Das Ehepaar Kohl hatte eine 700 00-Euro-Hypothek auf sein Oggersheimer Haus aufgenommen und ein paar Millionen D-Mark zusätzlich bei Gönnern gesammelt, um die Sechs-Millionen-D-Mark-Strafe zu Lasten der CDU auszugleichen.

"Blühende Landschaften" - Zitate von Helmut Kohl

Kanzler der Einheit

Das linke politische Spektrum ließ sich beim Versuch, , den großen Alten vom Sockel zu stoßen, ungern übertreffen. Für diese Gegner war Kohl ein Fortsetzungstäter des Rechtsbruchs. Attacken der Linken haben Kohl jedoch nie bis ins Mark getroffen, von dort erwartete er keine Dankbarkeit für politische Lebensleistung. Das ein Mensch überhaupt Sozialdemokrat, in Kohls Sprachgebrauch "ein Soz" sein kann, vermochte er, ähnlich wie sein großes Vorbild Konrad Adenauer, nie recht zu begreifen. Der lebenslange parteipolitische Raufbold sortierte Sozialdemokraten, so sie ihm nicht menschlich sympathisch waren wie der späte Willy Brandt, ruppig-fröhlich unter jene Leute, denen "politisch aufs Haupt zu schlagen ist". Sozis, die sich bürgerlich gaben, unterstellte Kohl Tarnung: "Soz bleibt Soz, und wenn er mit Zylinder ins Bett geht." Das war eines der schlichteren Fundstücke aus der Sprüche-Schublade des stärksten Provinzlers, den die deutsche Politik hervorgebracht hat.

Nicht beschädigt hat die Spendengeld-Fehlleistung den bleibenden Ruhm des Verstorbenen als Kanzler der Einheit. In weiten Teilen des Volkes, vor allem des jüngeren, nahm der Mann, der von 1982 bis 1998 das Land regiert hat, den entrückten Status desjenigen ein, von dessen Tagen man gehört hat, ohne sie detailliert erzählen zu können.

Kohl, so drückte es jemand aus, sei zu Lebzeiten schon in die Geschichte eingegangen: Kanzler der Einheit, Ehrenbürger Europas, eine alte Eiche am Rande eines üppig nachwachsenden Mischwaldes. So ähnlich muss es nach dem Ende ihrer aktiven Jahre dem Reichsgründer Otto von Bismarck und dem bundesrepublikanischen Grundsteinleger Konrad Adenauer ergangen sein. Jedoch, "der Bismarck in Strickjacke" (Herbert Kremp über Kohl) hat keinen Sachsenwald wie einst der Eiserne Kanzler geschenkt bekommen zum Dank für hohe Staatskunst in jener Wundermonaten zwischen dem Fall der Mauer am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990. Den Vereinigungsprozess hat Kohl fast im Alleingang angestoßen (Schwarz). Bürger Kohl, "der Pfälzer Bubb", den sie daheim Helle nannten, trug sich ins Buch der Geschichte ein. Dies wurde nicht mit Blutvergießen erkauft. Bei Bismarck war das 1870/71 und davor ganz anders: Dieser Kanzler hatte die Nation mit Blut und Eisen geschmiedet. Was sich, wie wir wissen, rächen sollte.

Ein zweiter Lorbeer, nämlich "Architekt der Europäischen Union", umkränzt Kohls Bild in der Geschichte nicht mehr in voller Pracht, seit die Geburtsfehler der Gemeinschaftswährung Euro seit 2010 offener denn je zu Tage traten. Biograf Schwarz schrieb 2012 nach gründlicher Recherchearbeit: Ja, Kohl habe die Konstruktionsmängel des Euro übersehen und Warnungen von Ökonomen beiseitegeschoben. Schwarz wandte sich zwar gegen das Wort "Schuld", sprach aber unumwunden von Mitverantwortung Kohls, dieses im Innersten idealistischen Europäers.

"Ochsennatur" mit Elefantengedächtnis

Kohl war ein Genie im Strippenziehen, dem Ausland galt der Kanzler als Fleisch gewordene deutsche Entwarnung, was sich bei der mit Hilfe des Außenministers Hans-Dietrich Genscher glänzend gelungenen diplomatischen Absicherung des Prozesses zur Einheit ausgezahlt hat. Kohl war eine politische Naturbegabung, für Freunde ein sorgender Kamerad. Doch wehe dem, den er des Undanks, der Illoyalität verdächtigte, gar überführte. Die "Ochsennatur" (Selbstbeschreibung) besaß ein Elefantengedächtnis, weder detailbesessen noch gar -interessiert, galt als Stratege im Ausmessen und Gestalten großer Lagen, siehe die Wiedervereinigung oder sein Friedens-Projekt Europa. Ein anderer bedeutender Alter der deutschen Politik, Kanzler a.D. Helmut Schmidt, lobte uneingeschränkt die außenpolitische Trittsicherheit, ja Führungskunst seines Amtsnachfolgers im welthistorischen Moment.

Scherzhaft heißt es, niemand sei so schlecht wie sein Ruf, doch auch niemand so großartig, wie seine Nachrufe klängen. Dies gilt für den Toten dann doch: Das Auge der Geschichte blinzelt nicht, es muss mit weiten Pupillen schauen, auch auf Kohl, einen Menschen in seinem Widerspruch. Er, der sich um das Vaterland verdient gemacht hat, verharrte zu lange im Amt, weil er sich nach 1990 anscheinend für unersetzlich hielt und auch deshalb 1998 von einer Mehrheit im Volk weg gewählt wurde. Der Blick streift den stürmenden und drängenden, landespolitisch aufräumenden und modernisierenden Mainzer Ministerpräsidenten (1969-1976) sowie den in der politischen Schlussphase oft sultanhaft auftrumpfenden CDU-Vorsitzenden (1973 bis 1998).

Kohl erfüllt das klassische Kriterium für historische Größe, weil ohne sein Wirken und Eingreifen 1989/1990 der Prozess zur Einheit Deutschlands anders verlaufen, wenn nicht gar zum Stoppen gebracht worden wäre. Der sächsische DDR-Widerständler Arnold Vaatz formulierte es einmal so: Wie sähe die Welt heute aus, wenn es in der Wendezeit nach Kohls schärfsten Kritikern gegangen wäre? Hätte Kohl die deutsche Einheit verpatzt, säße er, Vaatz, jetzt vielleicht in Bautzen, dem berüchtigten SED-Knast für politische Häftlinge. Die Ostberliner Physikerin Angela Merkel hätte ihre beeindruckenden Schritte auf der politischen Karriereleiter nicht ohne den Sprossen-Einzieher Helmut Kohl tun können. In der Spendenaffäre hat sich Merkel als CDU-Generalsekretärin dennoch von ihrem Gönner losgesagt. Kohl hat das als treulos, aber wohl auch als weiteres Indiz dafür gewertet, dass da jemand so wie er selbst aus härtestem Holz, eben aus Kanzler-Holz geschnitzt sei.

Zum Schluss: Man wird ihm keine Bismarck-Türme bauen. Die Zeiten sind nicht so. Doch Straßen, Plätze werden seinen Namen tragen, und er wird aus der Masse ragen.

 
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