Freche Sprüche zum 85.: Helmut Schmidt: Viele europäische Politiker sind Dilettanten
zuletzt aktualisiert: 23.12.2003 - 13:42München (rpo). Auch mit nunmehr 85 Jahren hat Altkanzler Helmut Schmidt wieder bewiesen, dass er seinen Spitznamen "Schmidt-Schnauze" völlig zu Recht trägt. Denn in seinen Augen sind viele der aktuellen europäischen Politiker Dilettanten, was die europäische Einigung angeht.
In einem Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" (Dienstagausgabe) aus Anlass seines 85. Geburtstages am Dienstag offenbarte der SPD-Politiker zugleich ein bislang unbekanntes deutsch-amerikanisches Kapitel im Zusammenhang mit früher geplanten atomaren Landminen. Als "Tragödie des Alters" bezeichnete es Schmidt, dass er inzwischen beinahe taub sei.
"Wir haben es da mit einer Zusammensetzung von Außenministern und Regierungschefs oder Staatschefs zu tun, von denen die größere Zahl Dilettanten sind, was die Europapolitik angeht", sagte Schmidt dem Blatt. Die amtierenden Staatsmänner seien "große, erfahrene Taktiker und Wichtigtuer in der Innenpolitik, aber in Sachen europäischer Integration Dilettanten". Er selbst hätte niemals eine Erweiterung um 12 oder 13 Mitglieder ins Auge gefasst, sondern wäre einen Schritt nach dem anderen vorgegangen. "Jetzt haben große Staatsmänner 13 Schritte auf einmal tun und gleichzeitig auch noch die Verfahren und Institutionen ändern wollen. Das haben sie aber nicht hinbekommen", sagte Schmidt.
Zu seiner Zeit seien die Staatsmänner, wie etwa der Franzose Valery Giscard d'Estaing, behutsamer vorgegangen: "Wir haben ja auch den Euro nicht aus dem Hut gezaubert, sondern wir haben den europäischen Währungsverbund geschaffen, aus dem sich der ECU ergeben hat, eine gemeinsame Währung, die nur auf dem Papier stand. Erst daraus konnte sich die gemeinsame Währung ergeben. Ein Schritt nach dem anderen."
In seiner Zeit als Verteidigungsminister verhinderte Schmidt nach eigenen Angaben in den Jahren 1969 und 1970, dass die Nato in Deutschland ein Gürtel von atomaren Landminen verlegte. Er habe mehr oder weniger zufällig vom amerikanischen Verteidigungsminister Melvin Laird von den Geheimplänen erfahren. Glücklicherweise sei auch der US-Politiker Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen. "Also konnte er auch verstehen, als ich ihm sagte: In dem Augenblick, wo so ein Ding hochgeht, heben sämtliche deutschen Soldaten die Hände hoch. Das können wir nicht machen", erinnerte sich Schmidt. "Der hat das sofort eingesehen. Wir haben das dann ganz still gemeinsam beerdigt." Die Presse habe nie etwas davon mitbekommen.
"Computer vom lieben Gott"
Zu seinem schwindenden Gehör sagte der Altkanzler: "Ich kann trotz dieses Apparates in meinem Ohr nur etwa jedes zweite Wort hören, und das Kombinieren dauert manchmal ein bisschen. Mein Computer ist nun einmal nicht von Siemens, sondern vom lieben Gott." Das Schlimmste sei, dass er keine Musik mehr hören könne. Konzerte täten ihm in den Ohren weh, er höre dann nur noch Lärm. Er könne zwar noch Klavier spielen, "aber ich kann es nicht hören. Ich weiß, was Sie hören, wenn ich spiele, aber für mich selber hört es sich schlimm an. Ich schalte das Hörgerät dann aus oder nehme es raus."
Bereits seit dem Krieg sei er auf dem linken Ohr schwerhörig: "Man stand als Artillerist ja rechts vom Geschütz, und damals wusste noch keiner, dass man dazu eigentlich einen Hörschutz braucht." Seit einem Hörsturz vor vier Jahren sei jedoch das rechte Ohr von einem Tag auf den anderen vollkommen ausgefallen.
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