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Gesundheitspolitik
Hermann Gröhe will Chefarzt-Boni kippen

Sterberisiko nach Wochentagen
Sterberisiko nach Wochentagen FOTO: dpa, Marius Becker
Düsseldorf. Die Praxis vieler Krankenhäuser, die leitenden Ärzte zur Steigerung der Operationszahlen zu zwingen, stößt zunehmend auf politischen Widerstand. Bundesminister Gröhe plant gesetzliche Maßnahmen. Von Wolfram Goertz

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CD) verschärft seine Kritik an der Praxis von Kliniken, die Vergütungen der Chefärzte durch Bonuszahlungen zu regulieren. Dabei werden die Ärzte von ihren Geschäftsführungen direkt oder indirekt genötigt, die Einnahmen durch mehr Eingriffe zu steigern. In Deutschland ist die Zahl an Hüft- und Kniegelenks-Implantationen, Wirbelsäulen-OP oder Herzkatheter-Eingriffen – auch im Vergleich mit dem Ausland – überproportional gestiegen. Experten glauben, dass medizinisch längst nicht alle davon erforderlich sind.

Gröhe sagte unserer Redaktion: "Patienten müssen sich darauf verlassen können, dass nur Behandlungen durchgeführt werden, die medizinisch notwendig sind. Fehlanreize durch Bonusregelungen in Chefarztverträgen darf es nicht geben. Die Unabhängigkeit der ärztlichen Entscheidung muss im Sinne der Patienten geschützt werden." Durch die Art, wie viele Kliniken Bonus-Zahlungen an die Chefärzte mittlerweile verschleiern, würden geltende Bestimmungen "unterlaufen". Im neuen Klinikreformgesetz sollen, so Gröhe, alle Zielvereinbarungen verboten werden, "welche die Unabhängigkeit der medizinischen Entscheidungen beeinflussen". Diese Forderung hatte unlängst auch die Bundesärztekammer erhoben.

Auch NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) übt grundsätzliche Kritik am bestehenden System: "Chefärzte müssen angemessen bezahlt werden für ihre Arbeit, aber Bonuszahlungen für eine Steigerung von Fallzahlen gehen gar nicht. Ärzte sind zuallererst dem Wohl ihrer Patienten verpflichtet und nicht der Gewinnmaximierung der Krankenhäuser."

Zahl der Operationen im Ländervergleich FOTO: dpa, David Ebener

Zwar dementieren viele Kliniken, dass sie in den Zielvereinbarungen mit ihren Chefärzten eine Steigerung der Fallzahlen formuliert haben. Auch weisen sie in ihren Qualitätsberichten oft aus, dass sie bei Verträgen mit leitenden Ärzten den Empfehlungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft zu leistungsbezogenen Zielvereinbarungen folgen. Fachleute glauben auch, dass sich das Problembewusstsein in vielen Kliniken tatsächlich verbessert habe.

Trotzdem ist jener Anstieg der Fallzahlen nicht zu leugnen; es gibt ja auch Regelungen jenseits des Vertragstextes. Zum Beispiel wird vielen Chefärzten in sogenannten Zielgesprächen eine Optimierung im Bereich der Kosten-Erlös-Verrechnung auferlegt; sie müssen dann selbst entscheiden, ob sie Personal abbauen oder die Fallzahlen erhöhen, also mehr Eingriffe machen. Diese Alternative empfinden viele Chefärzte als schwer erträglich, weil sie die therapeutische Freiheit, eine Operation abzulehnen, gegen die Arbeitsplatzsicherheit ihrer Mitarbeiter in Rechnung bringt.

Mancher Geschäftsführer fordert von einem Chefarzt auch, er möge die Qualitätskennzahlen etwa für künstliche Hüften erreichen. Das bedeutet: Er muss eine bestimmte Zahl von Operationen dieser Art machen, um den Kriterien standzuhalten. Von dieser Fallzahl hängt oft die persönliche Gewinnbeteiligung des Chefarztes ab; sie ist die dritte Säule seines Gehalts neben der Regelvergütung und den Liquidationserlösen bei Privatpatienten.

Experten halten auch die hohe Krankenhausdichte in Deutschland für einen gewichtigen Grund, warum es immer mehr Eingriffe in einigen Bereichen gebe. Jede Klinik beispielsweise mit orthopädischer Abteilung müsse, um konkurrenzfähig zu bleiben, eine Zahl von prothetischen Operationen erreichen. Nur so bleibe sie auch angesichts der öffentlichen Forderung nach einem Bettenabbau ungeschoren.

Quelle: RP
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