"Erlebnispädagogische Maßnahme": Hessen schickt jungen Gewalttäter nach Sibirien
zuletzt aktualisiert: 17.01.2008 - 12:23Frankfurt (RPO). Das Jugendamt der Stadt Gießen (Hessen) hat einen Jugendlichen als Erziehungsmaßnahme nach Sibirien geschickt. Der 16-Jährige war in der Vergangenheit immer wieder durch Gewalttätigkeiten aufgefallen. Jetzt soll er einem Zeitungsbericht zufolge ein Dreivierteljahr unter extremen Bedingungen leben, was unter dem Titel "erlebnispädagogische Maßnahme" läuft.
Drastisches Vorgehen gegen jugendliche Gewalttäter: Während der hessische Ministerpräsident Roland Koch für einen härteren Umgang mit jungen Kriminellen wirbt, hat das Jugendamt des Landkreises Gießen einen 16-Jährigen zur Besserung nach Sibirien geschickt. Der Junge werde ein dreiviertel Jahr unter einfachsten Verhältnissen in dem russischen Dorf Sedelnikowo verbringen, bestätigte Jugend- und Sozialdezernent Stefan Becker am Donnerstag der AP. Der 16-Jährige war durch hohe Gewalttätigkeit aufgefallen und hatte auch seine Mutter angegriffen.
"Das ist auch für uns eine etwas ungewöhnliche Maßnahme", räumte Becker ein. In den vergangenen Jahren habe es in seinem Bereich nur zwei solcher Fälle gegeben. Allerdings nutzen auch andere Jugendämter so genannte intensivpädagogische Auslandsmaßnahmen: Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ) waren im Dezember 2006 etwa 600 junge Intensivtäter außerhalb Deutschlands untergebracht.
Der Sibirien-Aufenthalt des 16-Jährigen aus Gießen begann bereits vor etwa sechs Monaten. Es handele es sich dabei jedoch nicht um eine Sanktion, sondern um eine freiwillige pädagogische Maßnahme, betonte Becker. In Sibirien sei der Jugendliche von störenden Einflüssen abgeschnitten und gezwungen, sich mit seinem Betreuer und dem Leben auseinanderzusetzen. "Wenn er kein Holz hackt, ist die Bude kalt. Wenn er kein Wasser heran schafft, kann er sich nicht waschen", beschrieb Becker die Lebensbedingungen vor Ort.
Doch die Auslandsaufenthalte von Problemkindern und jugendlichen Straftätern sind umstritten: Kritiker werfen den Jugendämtern vor, die Betroffenen aus finanziellen Gründen in kostengünstige und teils fragwürdige Auslandsprojekte abzuschieben. Die Kritik an der Erlebnispädagogik war laut geworden, nachdem ein 14-Jähriger im Februar 2004 in Griechenland seinen 63 Jahre alten Betreuer mit einem Bolzenschussgerät getötet hatte. Im darauffolgenden Jahr war ein 17-Jähriger mehrere Wochen lang in Kirgisien untergetaucht.
Der 16-Jährige aus Gießen lebt nach Angaben des Jugenddezernenten mit seinem Betreuer in einem kleinen Haus, das weit von westlichen Standards entfernt ist. "Die Toilette ist im Garten. Es ist ein Plumpsklo", sagte Becker. Bei Tiefsttemperaturen von minus 40 Grad müsse der Jugendliche in die mehrere Kilometer entfernte Schule laufen. Dort helfe ihm sein russisch sprechender Betreuer, dem Unterricht zu folgen. In dem rund 300 Kilometer von Omsk entfernten Dorf leben nur 5.000 Menschen.
"Der Junge ist kein Schläger, sondern krankhaft aggressiv", erklärte Becker die Probleme des 16-Jährigen. Die Kosten des Sibirien-Aufenthaltes liegen ihm zufolge nur bei rund einem Drittel einer vergleichbaren Betreuung im Heim. Finanzielle Überlegungen seien allerdings nicht das ausschlaggebende Argument gewesen, betonte er. "Sibirien ist sehr reiz- und kontaktarm. Hier kann er sich nicht in andere Tätigkeiten oder Beziehungen flüchten, sondern muss die Konflikte austragen."
Eine Mitarbeiterin des Jugendamts des Landkreises Gießen reiste den Angaben zufolge kurz vor Weihnachten in das Dorf. Was sie berichtete, habe ihm Mut gemacht, sagte Becker. "Es sieht so aus, als ob es funktioniert." Einschließlich der Nachbetreuung in Deutschland soll die Maßnahme zwei Jahre dauern.
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