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  Gast

Portrait von Paul Spiegel: "Ich bin ein deutscher Jude"

VON HANS ONKELBACH - zuletzt aktualisiert: 01.05.2006 - 11:56

Düsseldorf (RP). Paul Spiegel war seit Anfang 2000 Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er hatte Charme und Witz, war zugleich ein Mahner und Warner. Geboren wurde Paul Spiegel in Westfalen. Mit seiner Familie floh er vor den Nationalsozialisten nach Belgien, kam später ins Rheinland - und starb Sonntag in Düsseldorf.

Alle Gespräche, alle Treffen mit Paul Spiegel waren - ja, was waren sie? Nie langweilig, immer spannend, unterhaltsam, lehrreich, dabei aber auch merk-würdig im wahrsten Sinne des Wortes.

Seit diesem Tag im Januar 2000, als er zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt wurde, war es nahezu unmöglich, ihn allein zu treffen: Stets hatte er zwei, manchmal drei Leibwächter bei sich, die misstrauisch alle Menschen in seiner Nähe musterten. Bedrückende Realität für einen prominenten deutschen Juden, über 60 Jahre nach den Vernichtungslagern der Nazis.

Paul Spiegel hat diese Einschränkung seines Lebens akzeptiert, aber nie geliebt. Manchmal büxte er regelrecht aus, ging abends spontan mit Ehefrau Giselle ins Kino, tauchte plötzlich mit Tochter beim Italiener am Düsseldorfer Martin-Luther-Platz auf.

Seinen entgeisterten Bewachern erklärte er dann breit grinsend, er habe sich das gerade überlegt, also könne es kein noch so durchgeknallter Spinner wissen und ihm gefährlich werden. Typisch für ihn.

Typisch wie sein Humor: Seinem Freund Johannes Rau (an dessen Beerdigung er schon nicht mehr teilnehmen konnte) darin ähnlich, konnte Spiegel ein schier unerschöpfliches Repertoire an jiddischen Witzen abrufen, und nicht alle waren fürs Mädchenpensionat geeignet. Fröhlich saß er da, wenn sein Zuhörer Tränen lachte - und fragte dann, den Schalk im Nacken: "Noch einen?" Ja, bitte!

Als er das Amt des wichtigsten jüdischen Repräsentanten in Deutschland annahm, hatte er noch gedacht, diese Aufgabe locker nebenbei schultern zu können. Seinen Lebensunterhalt verdiente er seit Mitte der 80er Jahre mit einer bundesweit renommierten Künstler-Agentur.

Der skeptischen Familie hatte er versprochen, sich nicht auffressen zu lassen. Er musste dieses Versprechen brechen: Möllemanns peinliche Plakatkampagne mit antisemitischem Beigeschmack, der Anschlag auf die Synagoge in Düsseldorf, der Skandal um seinen Stellvertreter Michel Friedman - Spiegel musste immer wieder vor die Kamera, kommentierte, kritisierte, mahnte, warnte.

Fester Glauben an ein normales Miteinander

Nicht selten litt er dabei, sichtlich. Als er zum Beispiel berichtete, früher seien die Hass-Briefe an seine Adresse anonym gewesen, heute kämen sie mit Absender. Dennoch: Er glaubte fest an ein normales Miteinander der Juden mit Nicht-Juden. Auch in Deutschland. Erleben, da war es sich sicher, würde er es nicht mehr. Im Gegenteil musste er einen nach wie vor existenten Antisemitismus beobachten.

Unglaublich, wie der Mann sich veränderte, wenn er seinen Glauben, die darin vereinigten Menschen verunglimpft, bedroht, beschimpft sah. Da wurde aus dem humorvollen Rheinländer ein beinharter Verfechter des Judentums und der Rechte aller Menschen, ohne jedes Verständnis für Gedankenlosigkeiten und glasklar in Kritik und Abscheu.

Er, dem nach dem Tod von Ignatz Bubis Skepsis entgegenschlug (auch aus den eigenen Reihen), das schwere Amt zu bewältigen, wurde zum spannenden Gast in Talk-Shows und Interview-Runden, weil er einerseits der kühl-sachliche Mann der Argumentation sein konnte, andererseits aber auch der witzige, charmante Mann, der vermutlich mehr Stars des Show-Business duzte als irgendein anderer Deutscher.

Ganz anders als Bubis, trat er eben nicht in dessen Fußstapfen, sondern zog seine Spur, füllte das Amt zu allgemeinem Respekt und Anerkennung aus, gab ihm eine ganz eigene Prägung.

Flucht nach Belgien

Spiegel, am 31. Dezember 1937 in Warendorf geboren, war elf Monate alt, als die Nazis seinen Vater Hugo, einen Viehhändler, in der Reichspogromnacht fast umbrachten. Die Familie floh nach Belgien, die Mutter und Paul überlebten bei einem katholischen Bauern, der sie versteckte. Aber die ältere Schwester Rosa wurde von den Nazis verschleppt und verschwand spurlos in einem Konzentrationslager.

Erst Jahrzehnte später bekam Spiegel anhand einer Namensliste aus Auschwitz die Bestätigung, dass Rosa dort vergast worden war. Bei Kriegsende rief er den einrückenden Befreiern zu: "I am German Jew" ("Ich bin ein deutscher Jude"), so wie es ihm seine Mutter empfohlen hatte.

Nach dem Krieg ging die Familie trotzdem ins heimische Warendorf zurück, wo sein Vater, der mehrere KZ überlebt hatte, 1960 Schützenkönig wurde.

Anfang der 70er Jahre kam Paul Spiegel, inzwischen gelernter Journalist, nach Düsseldorf, arbeitete hier zuerst in seinem Beruf und eröffnete schließlich eine Künstleragentur, von der er bis zuletzt lebte. Immer war er am Rhein in der Jüdischen Gemeinde aktiv, Jahre lang deren Vorsitzender und daran beteiligt, die deutschen jüdischen Gemeinden wieder wachsen zu lassen.

Dialog mit Jugendlichen

Tausenden Schülern berichtete er vom Leben eines deutschen Juden, auch unter den Nationalsozialisten. In seinem Buch "Was ist koscher?" brachte er den Lesern seinen Glauben und dessen Besonderheiten näher.

Diesen Glauben praktizierte er selbst mit großer Ernsthaftigkeit, war aber kein orthodoxer Jude. Regelmäßig besuchte er die - zu seinem Leidwesen festungsartig gesicherte - Düsseldorfer Synagoge, der Sabbat war ihm heilig, auf keinen Fall aß er Schweinefleisch.

Eigentlich wollte er noch eine Amtszeit als Zentralratspräsident dranhängen, aber angesicht seines Gesundheitszustandes war das seit Monaten kaum noch realistisch.

Wer auch immer ihm im Amt nachfolgt - es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit der erste Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sein, der die Nazi-Zeit nicht mehr selbst erlebt hat.

Quelle: Rheinische Post

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