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Interview mit Joachim Gauck
"Ich bin ein linker, liberaler Konservativer"

Das ist Joachim Gauck
Das ist Joachim Gauck FOTO: ddp
Union, SPD, Grüne und die FDP haben sich für Joachim Gauck als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten entschieden. Es ist sein zweiter Anlauf für das höchste Amt im Staat. Im Juni 2010, als Gauck gegen Christian Wulff antrat, gab der DDR-Bürgerrechtler unserer Redaktion ein Interview – und gewährte auch persönliche Enblicke. Von Michael Bröcker und Eva Quadbeck

Hier lesen Sie das Interview aus Juni 2010

Sind Sie denn nun ein Konservativer?

Gauck Selbstverständlich bin ich auch ein Konservativer. Ich habe aber auch liberale und linke Elemente in meinem Denken. Daher gilt: Ich bin ein linker, liberaler Konservativer.

Was ist derzeit besonders ausgeprägt?

Gauck Das kann ich nicht sagen. Ich bin zunächst und vor allem Joachim Gauck und nicht etwas mehr oder weniger sozialdemokratisch, christdemokratisch oder liberal.

Sind Sie ein Patriot?

Gauck Absolut. Und zwar im Sinne von Johannes Rau. Ein Patriot liebt sein Vaterland. Ein Nationalist verachtet die Vaterländer der Anderen.

Mussten Sie dieses Gefühl erst entwickeln?

Gauck Natürlich. Als junger Mann habe ich den Patriotismus verabscheut. Damals dachte ich an Kaiser Wilhelm, dieses Tschingdarassabum, diesen unerträglichen, weltverbesserischen Eifer, der Deutschland viel Unglück gebracht hat. In der Nachkriegszeit haben wir uns mit dem ganzen schrecklichen Erbe der Vergangenheit auseinandersetzen müssen: Den Eroberungskriegen, dem Völkermord an den Juden, dem Mord an den Behinderten. Deutschland und Patriotismus, das passte für mich damals einfach nicht zusammen. Im Westen kam dann die Haltung auf, man ist Rheinländer und Europäer oder Hamburger und Europäer. Aber Deutscher? Das hat sich erst in den vergangenen Jahren geändert.

Sind Sie stolz auf Deutschland?

Gauck Ja. Und das hätte ich vor 20 Jahren noch nicht gesagt. Aber wann dürfen Deutsche stolz sein, wenn nicht heute? Wir haben Rechtsstaat und Freiheit in unserem Land verankert. Wir haben Großartiges geleistet. Ich habe 1989 erlebt, dass Deutsche Freiheit wollen und dafür auch kämpfen können. Dass das geglückt ist, gibt diesem Land und seinen Bürgern eine große Kraft. Da wurde es zur puren Freude, Bürger zu sein. Daraus ist eine Dankbarkeit erwachsen, aus der auch Stolz werden kann. Ein wunderschönes, befreiendes Gefühl. Wir sind nicht mehr eine Mördernation. Wir sind eine freiheitliche, demokratische Nation, ein schönes Land mit aktiven Bürgern.

Sie wollen das WM-Gefühl verlängern?

Gauck (lacht) Nein, es wäre ja schlimm, wenn wir das ganze Jahr solch einen Trubel hätten und ständig mit Fahnen am Auto durch die Gegend fahren würden.

Wen schätzen Sie unter den bisherigen Bundespräsidenten am meisten?

Gauck Sehr viele. Jeder hat auf seine Art verstanden, gegenüber den Bürgern ein ständiger Vertreter unserer politischen Institutionen, unseres ganzen Gemeinwesens, zu sein. Manchmal erinnere ich an Gustav Heinemann, der oft vergessen wird. Es war Heinemann, der die Freiheit in einer besonderen Weise geliebt hat und sogar, was viele nicht wissen, in Rastatt ein Freiheitsmuseum ins Leben gerufen hat.

Zur Freiheit gehört Gerechtigkeit. Ist die soziale Balance in Deutschland, etwa durch das von der Bundesregierung beschlossene Sparpaket, in Gefahr?

Gauck Ich bin kein Fachmann in Wirtschaftsfragen. Aber ich habe wie jeder andere Bürger ein Gespür dafür, was gerecht ist. Wenn gespart wird, kann es nicht angehen, dass es die einen, die tatsächlich wirtschaftliche Probleme haben, deutlich trifft und die anderen, denen es vielleicht kaum wehtut, weniger oder gar nicht herangezogen werden. Ich möchte keine Zensuren verteilen, aber ich möchte Fragen stellen. Sparen ja, aber sind alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betroffen? Wer am unteren Rand der Gesellschaft lebt, spürt den Wegfall des Heizkostenzuschusses sofort. Würde es den Verlust von Lebensqualität bedeuten, wenn man im oberen Segment ein bisschen mehr wegnimmt?

Würden Sie denn freiwillig mehr Steuern zahlen?

Gauck Ja, nicht mit Begeisterung. Aber als Bürger ist es für mich selbstverständlich, dass ich einen Beitrag zur Generationengerechtigkeit leiste. Das Sparpaket ist ja kein Selbstzweck, es geht um die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder.

Zahlen Deutsche zu viele Steuern?

Gauck Ich will mich hier nicht im Detail äußern. Grundsätzlich gilt, dass alle Teile der Gesellschaft je nach persönlicher Leistungsfähigkeit Verantwortung tragen sollen. Die Bereitschaft, höhere Steuern zu zahlen, nimmt zu, wenn diese Form der Verhältnismäßigkeiten erkennbar sind.

Die Linken vermissen bei Ihnen den Sinn für die soziale Gerechtigkeit.

Gauck Wer Politik nur als Sozialpolitik versteht, hat einen verengten Politikbegriff. Das Wesen der Politik ist umfassender. Im Mittelpunkt der Demokratiebewegungen standen zunächst nicht die Versorgung der Menschen, sondern gleiche Rechte und Chancen für alle. Ich halte es mit Hannah Arendt. Der Sinn von Politik ist Freiheit. Erst danach stellt sich die Frage, wie in Freiheit die gleichen Rechte für jeden realisiert werden können.

Was heißt das konkret?

Gauck Freiheit, wie ich sie verstehe, bindet sich an das Gemeinwohl. Sie nimmt den besser Gestellten, um es den schlechter Gestellten zu geben und schafft damit soziale und ökonomische Voraussetzungen für eine möglichst große Chancengleichheit. Selbstverwirklichung in Freiheit gelingt beispielsweise nur, wenn Kinder und Jugendliche über gleiche Bildungschancen verfügen – unabhängig von ihrem Elternhaus oder ihrer sozialen Herkunft. So berühren sich liberales und wertkonservatives Denken mit dem Denken in sozialen Dimensionen.

Haben Sie einen Staatsbegriff zwischen Nachtwächter- und Fürsorgestaat, der besser wäre?

Gauck Ja, das ist die solidarische Gesellschaft, in der der Einzelne für sich Verantwortung übernimmt und wir alle füreinander. Dieses Modell steht auch im Grundgesetz: Die Bundesrepublik Deutschland ist ein sozialer Rechtsstaat. Das Modell kommt aber an seine Grenzen, wenn es die Menschen nicht zu selbstbewussten Handeln ermutigt, sondern ein Leben in Abhängigkeit und in abwartender Erwartung auf einen fürsorglichen Staat fördert.

Sollte jeder Bürger ein Ehrenamt haben?

Gauck Ja, das wäre wunderbar. Jeder Bürger sollte ein Ehrenamt haben. Das vermittelt vielen Menschen große Befriedigung. Wir tun allzu oft so, als ob das Glück zu uns käme, wenn wir viel verdienen und ausreichend konsumieren. Aber Wohlstand allein macht bekanntermaßen nicht glücklich. Welche Freude aber spürt derjenige, der einen Blumenstrauß als Anerkennung dafür bekommt, dass er sich 20 Jahre in der Freiwilligen Feuerwehr oder im Sportverein oder in der Altenbetreuung engagiert hat.

Nach Ihrer Nominierung haben die Linken gesagt, Sie könnten Ost und West nicht zusammenführen.

Gauck (lacht) Die Linkspartei glaubt, sie repräsentiere den Osten Deutschlands. Da kann ich nur sagen: Jeder, der das denkt, befindet sich in einem tiefen Irrtum. Es ist ja nicht so, dass die Mehrzahl der Ostdeutschen einen Systemwechsel in unserer Demokratie herbeiführen möchte. Es gibt allerdings noch eine Reihe von Bürgern, die noch mit dem System fremdeln und sich vor der Freiheit eher fürchten.

Sollte die Linkspartei weiter vom Verfassungschutz beobachtet werden?

Gauck Unser Verfassungssschutz arbeitet nicht im luftleeren Raum, sondern er befolgt einen gesetzlichen Auftrag und seine Arbeit muss auch einer gerichtlichen Überprüfung standhalten. Er ist nicht eine Vereinigung von Leuten, die neben unserem Rechtsstaat existiert und Linke verfolgt. Wenn der Verfassungsschutz bestimmte Personen oder Gruppen innerhalb dieser Partei observiert, wird es dafür Gründe geben.

Ist die Wertschätzung der Demokratie im Osten hinreichend angekommen?

Gauck Nein, aber im Westen auch nicht. Zu meinem großen Erstaunen finden viele im Westen den Sozialismus wieder attraktiv. Sie haben aber keine Vorstellung, was das konkret bedeutet. Ich frage dann: Habt ihr irgendwo ein Wirtschaftssystem, das die Sozialleistungen, die ihr verteilen wollt, erwirtschaftet? In Kuba, in Nordkorea, in China mit seinem ausbeuterischen Manchesterkapitalismus? Nur die freiheitliche Demokratie, in der Verantwortung und der soziale Ausgleich gelebt werden, enthält Zukunft.

Können Sie sich eine Situation vorstellen, in der Sie als Bundespräsident zurücktreten?

Gauck Was einem zustoßen kann, weiß man vorher nicht. Aber so lange ich beispielsweise nicht schwer erkranke, kann ich mir die Situation nicht vorstellen.

Wann haben Sie zuletzt geweint?

Gauck Mit den Tränen gekämpft habe ich vor zwei Tagen in München, als mein Fahrer in einen Unfall mit einem Radfahrer verwickelt war. Als ich den kraftvollen jungen Mann stark blutend am Boden liegen sah, da konnte ich nicht mehr sprechen, so zugeschnürt war mein Hals. Einen bewegenden Moment habe ich auch in der Bundestagsfraktion der Grünen erlebt. Ich habe über meinen Werdegang gesprochen, dabei sind auch die Sätze: "Wir sind das Volk" und "Wir sind ein Volk" gefallen. Da schaute mich eine junge Abgeordnete an, die hier in Deutschland geboren wurde, aber deren Vorfahren nicht deutsch sind, und fragt: Herr Gauck, wenn Sie in das Schloss Bellevue einziehen und sagen, wir sind ein Volk, bin ich dann auch gemeint? Da standen nicht nur mir die Tränen in den Augen. Da spürten wir plötzlich alle: Sie ist schon so lange in Deutschland, hat schon so vieles erreicht aber dennoch ist sie hier noch nicht beheimatet.

Sollten Sie am 30. Juni zum Bundespräsidenten gewählt werden, auf welche lieben Gewohnheiten müssten Sie dann verzichten?

Gauck Ich müsste darauf verzichten, etwas länger zu schlafen als der normale Berufstätige. Ich könnte auch nicht mehr einfach an die Ostsee in den Urlaub fahren und dort an jeder beliebigen Stelle mit jeder beliebigen Kleidung oder auch ohne dieselbige ins Wasser hüpfen. Die persönliche Freiheit würde sich schon sehr verändern.

 

(csi)
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