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Köhler besucht Auschwitz: "Ich möchte, dass Sie Block fünf sehen"

zuletzt aktualisiert: 27.01.2005 - 17:25

Berlin (rpo). Die Bitte stand nicht im Protokoll: "Ich möchte, dass Sie Block fünf sehen", bat der Holocaust-Überlebenden Noah Flug den Bundespräsidenten. Horst Köhler kam der Bitte bei seinem Besuch in Auschwitz nach. Sichtlich bewegt nahm Köhler in Augenschein, was für die größten Verbrechen der Menschheit steht.

Der 80-Jährige Noah Flug begleitete anschließend den deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler beim gemeinsamen Rundgang durch das Stammlager Auschwitz I. "Das ist ein Wunsch von uns Überlebenden", sagte Noah.

In der in Block fünf eingerichteten Gedenkstätte sind Berge von Schuhen, Brillen und Kleidung zu sehen. Das alles wurde den Häftlingen bei Ankunft in dem größten Konzentrationslager während der NS-Diktatur abgenommen.

Die Erinnerung an Auschwitz müsse für immer lebendig bleiben - das ist die Botschaft, die Köhler nach seinem Besuch zum 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers vermitteln will. "Wir haben die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass so etwas nicht mehr wieder passiert, und wir Deutschen im besonderen", betonte er. Auschwitz sei der "größte Friedhof für Juden, Polen und Roma und Sinti".

Vor allem die junge Generation sieht Köhler gefordert

Vor allem die junge Generation sieht Köhler gefordert. Die Erinnerung an die größten Verbrechen der Menschheit müsse wach gehalten werden. "Wir haben noch viel zu arbeiten", mahnte Köhler vor dem Hintergrund antisemitischer Bekundungen von Rechtsextremisten in Deutschland. Für viele Überlebende war es wohl der letzte Besuch in Auschwitz. Umso eindringlicher waren ihre Mahnungen, Antisemitismus schon im Keim zu ersticken und rechten Parolen keine Chance zu geben.

Das Staatsoberhaupt zeigte sich ermutigt, da viele junge Menschen nach aus allen Ländern nach Auschwitz kämen, um sich auszutauschen. Überall auf der Welt gebe es Antisemitismus, betonte er. "Doch wer Auschwitz gesehen hat, muss wissen, dass man aktiv dagegen angehen muss."

Köhler versicherte, dass Deutschland ein "verlässlicher Partner" Israels in seinem Kampf um sein Existenzrecht sei. Eine Lehre aus den Verbrechen von Auschwitz spiegele sich auch in den Worten der Verfassung wieder: "Die Würde des Menschen ist unantastbar", sagte der Bundespräsident.

"Dies darf nie wieder geschehen!"

"Dies darf nie wieder geschehen!" Mit diesen Worten begrüßte der 92-jährige Anatoli Schapiro bei den Feierlichkeiten in Krakau die Teilnehmer per Videobotschaft. Der ehemalige sowjetische Major hatte seine Einheit am 27. Januar 1945 nach Auschwitz geführt. Aus Gesundheitsgründen konnte er nicht nach Polen reisen.

Für Noah Flug und seine Frau Dorota war der Besuch des ehemaligen Lagers ein besonders schwerer Gang. Beide haben Auschwitz überlebt. Die Erinnerung an die dort geschehenen Verbrechen begleiteten sie ein Leben lang. "Man muss nicht nur darüber sprechen, es ist wichtig, das Lager auch zu sehen", sagte Flug, der auch Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees ist. Lange habe er Auschwitz nicht besuchen können. Erst als seine Kinder groß waren, konnte er wieder an den Ort von Leid und Tod reisen.

Zu den Feiern in Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers waren Delegationen aus 44 Ländern angereist, so viele wie noch nie zuvor. Die meisten wurden von Staats- oder Regierungschefs angeführt. Unter ihnen waren Russlands Präsident Wladimir Putin, der französische Staatspräsident Jacques Chirac und Israels Staatsoberhaupt Mosche Katzav.

Langer Weg der Versöhnung

Auschwitz ist nicht nur weltweit ein Symbol für Terror und massenhaften Mord geworden geworden, sondern steht auch für die schwierige Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik. Köhler ist der dritte Bundespräsident, der Auschwitz besucht hat. 1990 reiste Richard von Weizsäcker als erster Bundespräsident überhaupt zu einem Staatsbesuch in das östliche Nachbarland und besuchte die Gedenkstätte in Treblinka. Vor zehn Jahren, zum 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, nahm das damalige Staatsoberhaupt Roman Herzog an den Feierlichkeiten teil. Auf seiner Initiative beruht, dass der Bundestag seit 1996 am 27. Januar in einer Gedenkstunde an die Opfer der NS-Herrschaft erinnert.

Als erstes deutsches Regierungsmitglied besuchte der damalige Außenminister Walter Scheel 1970 Auschwitz. Kurz darauf reiste Bundeskanzler Willy Brandt nach Polen. Beide Besuche sind umso bedeutender, da Deutschland erst 1971 offizielle diplomatische Beziehungen mit Polen aufnahm. Auch Helmut Schmidt und Helmut Kohl besuchten als Bundeskanzler bei ihren Polen-Reisen das ehemalige Konzentrationslager. Auch diese Besuche gelten als Meilenstein auf dem Weg der Versöhnung.

Quelle: ap

 
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