Neuanfang im Westen: Im Osten gefeiert - Im Westen unbekannt
VON JÜRGEN STOCK - zuletzt aktualisiert: 03.10.2005 - 12:09Erkelenz (rpo). Ramona Franz hatte es gut in der DDR. Auslandsreisen, West-Klamotten und Bananen. Denn Ramona Franz war Spitzensportlerin im Rudern. Mit 21 wurde sie Weltmeisterin im Doppelvierer, drei Jahre später in Seoul Olympiasiegerin im Achter.
Kein Blick zurück im Groll. Noch heute hat die 41-Jährige einen leicht ostalgisch angehauchten Geschmack: zu Hause, im zu Erkelenz zählenden Dörfchen Golkrath, stehen bei ihr Spreewälder Gurken, Karlsbader Oblaten und Rotkäppchen-Sekt im Küchenregal.
1991 kam sie gemeinsam mit ihrem Mann Detlef - er war in der DDR ein erfolgreicher 400-Meter-Läufer - in den Westen. "Als Sportlerin hatte ich alles erreicht, was ich wollte. Für mich war das Reisen immer ein wichtiges Motiv, mich so in meinen Sport reinzuhängen. Das fiel mit der Wende plötzlich weg. Wohl auch deshalb habe ich mit dem Rudern aufgehört."
Lehre als Krankenschwester
Ihr Medizinstudium hängte sie an den Nagel, als ihr Ehemann mit der Auflösung der DDR seinen Trainerjob verlor. "Wir mussten ja Geld verdienen."
Erste Station in der neuen Heimat war Mönchengladbach. Dort begann Ramona Franz eine Lehre als Krankenschwester. Ihr Ehemann Detlef, ein gelernter Maurer, fand schon bald eine Arbeit als kaufmännischer Angestellter. "Ich hatte schon das Gefühl, in ein Loch zu fallen", sagt die Olympiasiegerin heute. "In der DDR war ich Jemand, hier war ich auf einmal nur noch eine unter vielen."
Bauernhaus mitten im Dorf
Richtig zu Hause fühlten sich die Eheleute erst mit dem Umzug aufs Land. Ramona Franz hatte von ihren Siegprämien etwas auf die hohe Kante gelegt: Das Geld war die Anzahlung für ein altes Bauernhaus in der Dorfmitte.
"Mit unserem ersten Kind Julius kam dann auch ganz schnell der Kontakt zu den Leuten im Dorf", erinnert sich die Mutter. Heute gehören zur Familie auch noch die Töchter Tabea (8) und Tora (6). Die Mutter arbeitet halbtags in einer Pflegestation. Nachmittags ist sie dann vorwiegend damit beschäftigt, die vielen Termine ihrer sport- und musikbegeisterten Kinder zu organisieren.
"Manchmal mache ich mir schon Sorgen um unsere Arbeitsplätze", sagt Ramona Franz. "Aber diese Unsicherheit ist wohl der Preis, den man bezahlen muss. Ich bin jedenfalls hier im Westen glücklich geworden."
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