Trotz Wirtschaftskrise: In Deutschland steigt die Zahl der Geburten
VON MIRJAM MOHR, AP - zuletzt aktualisiert: 15.02.2009 - 15:46Berlin (RPO). Am Montag will Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen eine frohe Botschaft verkünden: Die Lust am Kinderkriegen wächst in Deutschland wieder, die Geburtenzahlen steigen weiter, wie die Ministerin vorab in einem Interview verriet.
Jahrelang war genau das Gegenteil zu hören: Deutschland sei Schlusslicht bei den Geburten, sogar vom absehbaren Aussterben der Deutschen war die Rede. So schön die neue Entwicklung auch ist - die vorausgegangene Panik war nach Ansicht von Experten nicht wirklich berechtigt.
Denn bei der Berichterstattung über das Thema Geburtenzahlen und demografische Entwicklung war immer wieder einiges durcheinander geraten. Manche Fachleute sind sogar der Meinung, dass ganz bewusst, aber unberechtigt Panik geschürt wurde. Denn in den vergangenen Jahrzehnten war die Lage bei den Geburten in Deutschland relativ konstant. Tatsächlich ist die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau im Vergleich zu Irland oder Frankreich zwar niedrig - aber seit rund 30 Jahren stabil niedrig, ohne große Schwankungen oder einen deutlichen Rückgang.
Das Statistische Bundesamt schätzt Berichten zufolge die Gesamtzahl der Geburten im Jahr 2008 auf bis zu 690.000. 2007 erblickten hierzulande rund 685.000 Kinder das Licht der Welt. Das bedeutet, dass die durchschnittliche Kinderzahl je Frau bei 1,37 lag. Nach 1,33 ein Jahr zuvor war das erstmals seit 2004 wieder ein leichter Anstieg, der sich nun offenbar weiter fortgesetzt hat.
Begriffe wurden verwechselt und vermischt
Leider wurden aber bei der Berichterstattung über die Geburtenzahlen in Deutschland in den vergangenen Jahren immer wieder unterschiedliche Begriffe vermischt: Die absolute Geburtenzahl, die zusammengefasste Geburtenziffer - das ist die Anzahl der Kinder pro Frau - und die sogenannte rohe Geburtenziffer - das ist die Anzahl der Kinder pro 1.000 Einwohner.
So wurde etwa aus der Tatsache, dass 2004 mit 705.622 Neugeborenen bei den absoluten Geburtenzahlen der niedrigste Stand seit Kriegsende erreicht wurde, die Aussage, dass die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau so niedrig sei wie noch nie seit 1945.
Aber das stimmte nicht: 2004 lag diese Kennziffer bei 1,36 Kindern - fast die gesamten 90er Jahre war sie niedriger, etwa 1994 mit 1,24, oder genauso hoch. Und auch 1985 lag sie im damaligen Bundesgebiet nur bei 1,28.
Weitere Verwechslungen gab es bei der zusammengefassten und der rohen Geburtenziffer. Hier lösten vor drei Jahren Meldungen eines privaten Instituts, dass Deutschland bei der Zahl der Geburten je 1.000 Einwohner seit mehr als 30 Jahren auf dem letzten Platz liege, bei der Berichterstattung Hysterie aus. Dabei waren nicht nur die Aussagen des Instituts nicht ganz korrekt, sie wurden in der Berichterstattung auch noch mit der zusammengefassten Geburtenziffer verwechselt, bei der aber laut Eurostat 2003 und 2004 allein zehn EU-Länder hinter Deutschland lagen.
Doch nicht nur die Berichterstattung über das Thema ist oft ungenau - manche Experten machen auch Aussagen, deren Berechtigung von ihren Kollegen angezweifelt wird. So erklärte ein Demografie-Professor vor einigen Jahren, dass die Bevölkerungszahl in Deutschland 2300 bei drei Millionen und damit kurz vor dem Aussterben liegen werde. Doch eine Aussage über einen solch langen Zeitraum halten andere Experten für unzulässig.
Als beispielsweise das Statistische Bundesamt vor einigen Jahren seine Bevölkerungsvorausberechnungen bis 2050 - also 250 Jahre vor 2300 - vorstellte, erklärte es ausdrücklich, dass solche langfristigen Berechnungen nur Modellcharakter hätten und keine Prognosen seien, sondern lediglich Annahmen umsetzten. Die Fachleute berechneten daher neun Varianten, die von 67 Millionen bis 81 Millionen Menschen im Jahr 2050 reichten. Die Geltungsdauer solcher Berechnungen beträgt im Schnitt vier Jahre. Dennoch löste diese Berechnung eine Panikmache von Medien und Politikern mit Beschwörung einer "demografischen Katastrophe" aus.
Keine neue Entwicklung
Zudem wies der Statistikprofessor Gerd Bosbach bereits vor einiger Zeit im AP-Gespräch darauf hin, dass es generell keine neue Entwicklung sei, dass in Deutschland der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung sinkt: "Diese angeblich neue Dramatik gibt es seit mindestens 130 Jahren", sagte Bosbach. Dabei habe Deutschland aber eine viel dramatischere Entwicklung hinter sich, als sie für die Zukunft prognostiziert werde: "1900 war fast jeder Zweite in Deutschland Kind oder Jugendlicher, im Jahr 2000 nur noch fast jeder Fünfte, 2050 soll es jeder Sechste sein", erklärte er.
Doch die Hysterie über die demografische Entwicklung sorgte letztendlich auch für die Veränderungen in der Familienpolitik, die offenbar die steigenden Geburtenzahlen bewirkten. Bleibt zu hoffen, dass die Berichte über den neuen zaghaften "Baby-Boom" in Deutschland mehr Freude auslösen - das Aussterben scheint erst einmal abgesagt zu sein.
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