WikiLeaks veröffentlicht Irak-Akten: "Individuum sagt, man habe es vergewaltigt"
zuletzt aktualisiert: 23.10.2010 - 22:53Washington (RPO). Es wäre die größte Enthüllung der Militärgeschichte. Die Internetplattform WikiLeaks hat 400.000 Akten von US-Militärs zum Irak-Einsatz ins Netz gestellt. Sie sollen belegen, dass die US-Armee Folter tolerierte und wahre Zahlen über zivile Opfer vertuschte. Außenministerin Clinton reagiert erbost. Bagdad wiegelt ab. Der Inhalt der Akten sei bekannt.
Die Zahlen wirken erschreckend: Die Dokumente, die von den US-Streitkräften und dem US-Geheimdienst stammen sollen, belegen laut der britischen Antikriegsgruppe "Iraq Body Count", dass bis zu 15.000 mehr Iraker dem Krieg zum Opfer fielen, als bislang angegeben. Demnach könnte die Zahl der bisher im Irakkrieg getöteten Zivilpersonen bei 122.000 liegen.
Die knapp 400.000 Dokumente decken den Zeitraum von Jahresbeginn 2004 bis zum 1. Januar 2010 ab. Es handelt sich um die bislang größte Preisgabe vermeintlich geheimer Information in der Geschichte der USA. Die Dokumente wurden größtenteils von jungen Feldoffizieren verfasst. Nähere Angaben zum Ursprung der Geheimakten machte WikiLeaks nicht.
Nicht das erste Mal
WikiLeaks hatte bereits im Juli Aufsehen erregt, als die Organisation fast 77.000 Geheimakten über den Krieg in Afghanistan ins Netz stellte. Der Aufschrei war bereits damals groß. Gegen einen der WikiLeaks-Gründer ermittelt die Justiz. Mehr zu WikiLeaks lesen Sie hier.
Trockene Sprache
In straffer, trockener Sprache schildern die Akten tausende Gefechte mit Aufständischen, Bombenanschläge und Fahrzeugpannen. Aber das WikiLeaks-Material beschreibt auch Offiziere, die sich in einem komplizierten und chaotischen Konflikt wiederfanden und oft nicht mehr tun konnten, als Übergriffe ihrer irakischen Verbündeten an ihre Vorgesetzten zu melden.
Die Militärdokumente legen nahe, dass die US-Streitkräfte schweren Missbrauchsvorwürfen gegen irakische Sicherheitskräfte oftmals nicht nachgegangen sind. Es werden zahlreiche Fälle aufgeführt, in denen US-Soldaten Hinweise über Misshandlungen, Folterungen und Morde durch irakische Sicherheitskräfte dokumentiert, an ihre Vorgesetzten gemeldet und den Fall dann geschlossen haben.
"Das Individuum berichtet..."
In einem Fall aus dem August 2006 berichtete ein Soldat von einem Gefangenen, der behauptete, von irakischen Polizisten in Handschellen an die Decke gehängt worden zu sein. Der des Mordes verdächtigte Gefangene berichtete demnach, dass die Polizisten ihn mit kochendem Wasser gefoltert und mit Stöcken geschlagen hätten. Die Einheit, die den Fall dokumentierte, benachrichtigte das Büro des irakischen Ministerpräsidenten und klappte dann den Deckel der Akte zu.
Andere Meldungen sind nur eine Zeile lang. "Das Individuum berichtete, sie sei geschlagen und vergewaltigt worden, weil sie sich geweigert habe mit der IP (irakischen Polizei) zu kooperieren", heißt es in einer Mitteilung aus der Stadt Tikrit aus dem Jahr 2007. Ein Verbindungsteam der US-Streitkräfte machte im November 2007 in Mosul Fotos von einem mit Schrammen und blauen Flecken übersäten Mann.
Minister: "Keine Überraschungen"
Die Augregung im Irak selber schein sich indes in Grenzen zu haltne. Nach Ansicht des irakischen Ministeriums für Menschenrechte enthalten die Dokumente "keine Überraschungen". "Wir haben bereits auf mehrere dieser erwähnten Fakten hingewiesen", sagte der Sprecher des Ministeriums der Nachrichtenagentur AFP.
"Dazu zählen auch die Vorfälle im Gefängnis von Abu Ghraib und weitere Vorfälle, in die die US-Streitkräfte verwickelt waren", sagte Kamel el Amin in Anspielung auf das berüchtigte irakische Gefangenenlager. Zu den Enthüllungen von Wikileaks zum Verhalten der irakischen Sicherheitskräfte wollte sich el Amin nicht äußern.
Clinton und Pentagon erbost
Das Pentagon verurteilte unterdessen die Veröffentlichung. Sie könne die Sicherheit der USA gefährden und vor allem den US-Streitkräften im Irak schaden, sagte Pentagon-Sprecher Geoff Morrell. US-Außenministerin Hillary Clinton kritisierte Wikileaks scharf: Solche Enthüllungen gefährdeten das Leben von Soldaten und Zivilisten aus den USA.
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