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Interview mit Rassismus-Forscher
"Ich unterstelle der AfD gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit"

Interview - ist die AfD rassistisch?
Frank Asbrock: "Kriminalität ist unabhängig davon, ob jemand aus Afghanistan oder Castrop-Rauxel kommt." FOTO: Steve Conrad / TU Chemnitz
Düsseldorf. Kritiker werfen der AfD vor, rassistisch zu sein. Doch ist das der richtige Begriff? Und wie rassistisch sind wir eigentlich selbst, vielleicht ohne es im Alltag zu merken? Darüber haben wir mit dem Sozialpsychologen Frank Asbrock gesprochen. Von Sebastian Dalkowski

Gibt es eine alltagstaugliche Definition des Begriffs Rassismus?

Frank Asbrock Rassismus ist, Menschen aufgrund biologischer Merkmale für ungleichwertig zu halten, also zum Beispiel aufgrund der Hautfarbe. Häufig wird Rassismus gleichgesetzt mit Vorurteilen gegenüber allen möglichen Gruppen. Die Abwertung von Muslimen ist nach dieser engen Definition kein Rassismus. Denn da geht es nicht um biologische Merkmale.

Könnte man bei Muslimen nicht von kulturellem Rassismus sprechen?

Asbrock Der Wissenschaftler in mir möchte lieber bei der biologischen Definition bleiben. Bei Untersuchungen zu Rassismus habe ich Rassismus anhand von Aussagen wie "Die Weißen sind führend in der Welt" gemessen oder "Die Schwarzen sind den Weißen unterlegen". Eine kulturelle Abwertung von Muslimen ist eher Islamophobie. Aber auch das ist ein problematischer Begriff.

Warum?

Asbrock Weil darin der Begriff "Phobie" steckt. Das klingt wie eine Krankheit, die man wegbekommen könnte.

Dann ist ja die AfD fein raus und kann sagen: Wir sind keine Rassisten.

Asbrock Das macht die AfD geschickt. Die Vertreter der AfD äußern sich selten offen rassistisch, sondern eher subtil abwertend. Da geht es dann um die Betonung kultureller Unterschiede. Dass Gruppen nicht so gut zusammenpassen. Die AfD sagt dann: "Der Islam passt hier nicht hin. Wir wollen unsere Freiheit bewahren, der Islam will das einschränken." Gleichzeitig will die AfD Religionsfreiheit einschränken.

Welcher Begriff ist also bei der AfD angemessen?

Asbrock Subtile Vorurteile. Aber nur, weil man es nicht als Rassismus bezeichnet, ist es nicht besser. Dieses Rassismus-Konzept greift in Europa nicht so gut. Die Forschung, die es dazu gibt, kommt aus den USA, aus den Konflikten zwischen Weißen und Schwarzen. In Europa werden eher die kulturellen Unterschiede betont. Da geht es zwar auch um die Differenzen zwischen Weißen und Nicht-Weißen, aber das wird meist durch kulturelle Differenzen überlagert. Man sollte mit dem Begriff "Rassismus" in Zusammenhang mit der AfD also zurückhaltender umgehen, weil es das der AfD leichter macht zu sagen: "Wir sind gar keine Rassisten, wir betonen nur die kulturellen Unterschiede." Der Begriff "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" passt gut – auch wenn das sperrig klingt. Das unterstelle ich der AfD durchaus. Sie wertet andere Menschen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit ab.

Björn Höcke, Landeschef der AfD Thüringen, hat vom "afrikanischen Ausbreitungstyp" gesprochen.

Asbrock Das ist natürlich offen rassistisch. Wenn man einer Gruppe aufgrund ihrer Biologie etwas unterstellt, ist das eine rassistische Aussage.

Die AfD Bayern brachte kürzlich ein Facebook-Posting über einen syrischen Flüchtling in Umlauf, der Geld gefunden hatte. Flüchtlingen wurde dort unterstellt, ihre Wohnung verdrecken zu lassen und unter Angabe der falschen Nationalität nach Deutschland zu kommen.

Asbrock Es geht da wieder nicht um die einzelne Person, sondern ihm wird etwas unterstellt, weil er zu einer Gruppe gerechnet wird. Das ist schlicht Fremdenfeindlichkeit. "Muslime" ist eine kulturelle Unterscheidung, aber die Abwertung von Menschen aus Syrien, Türkei und so weiter, die auch eine leicht andere Hautfarbe haben, ist noch mal was anderes. Das ist eine ethnische Komponente. "Fremdenfeindlich" ist ein Begriff, den die AfD nicht so leicht abschütteln kann wie "rassistisch".

Ist es schon problematisch, wenn man sagt "Viele Muslime..."?

Asbrock Ja. Besonders problematisch ist das, wenn negative Eigenschaften unterstellt werden. Damit werden Zusammenhänge hergestellt, die es so nicht gibt, und andere Ursachen ausgeblendet. Wenn es zu Gewalt in den Flüchtlingsunterkünften kommt, heißt es, viele Muslime seien gewalttätig. Ausgeblendet wird dabei, dass dort 500 Leute zusammengepfercht sind, die sich nicht kennen und die auch noch unterschiedliche Sprachen sprechen. Kriminalität ist unabhängig davon, ob jemand aus Afghanistan oder Castrop-Rauxel kommt. Natürlich beeinflusst der Islam die Weltsicht der Gläubigen, aber das ist bei Christen auch so.

Und mit dem Begriff "muslimisch" werden ja Dutzende von Ländern in eine Schublade gesteckt.

Asbrock Der Mensch kategorisiert sehr viel. Das ist praktisch, weil es die Wahrnehmung der Welt vereinfacht. Wenn wir jede Person als Individuum wahrnehmen würden, würden wir große Probleme haben, durch die Welt zu gehen. Wenn wir eine alte Person sehen, sprechen wir von Anfang an langsamer und deutlicher mit ihr. Das macht den Alltag einfacher, es entlastet uns kognitiv. Wenn man damit aber bestimmte Eigenschaften verbindet wie "Der ist Syrer, also ist er krimineller als ein Deutscher", wird es zum Problem.

Wie verbreitet ist Fremdenfeindlichkeit in Deutschland?

Asbrock Seit dem letzten Jahr gibt es auf jeden Fall eine höhere Feindseligkeit gegenüber Flüchtlingen. Asylbewerber und Flüchtlinge waren Anfang der 90er ein großes Thema und dann viele Jahre nicht mehr. Einfach, weil nicht so viele kamen. Das haben wir auch in unseren Studien gemerkt. Da ging es dann mehr um Migranten und Türken. In letzter Zeit hat sich Fremdenfeindlichkeit auch wieder stärker Richtung Flüchtlingen entwickelt. Der Grundtenor, die Ablehnung von Fremden, dieses Unterscheiden zwischen "Wir" und "Die" bleibt gleich. Es ändern sich nur die Gruppen.

Ist Antisemitismus in Deutschland momentan nicht so verbreitet wie Fremdenfeindlichkeit gegenüber Muslimen?

Asbrock In meiner Wahrnehmung ist Antisemitismus derzeit nicht so ein Thema wie Muslimfeindlichkeit und Ablehnung von Flüchtlingen. Aber Antisemitismus ist natürlich da, wie Sie bei der Landtagsfraktion der AfD in Baden-Württemberg sehen. Die Gruppen sind häufig austauschbar. Es gibt aber Gruppen, die als besonders anders gesehen werden. Und jemand, der feindselig eingestellt ist gegenüber Muslimen, ist tendenziell auch feindselig gegenüber anderen Gruppen. Diese Person ist tendenziell auch antisemitisch, ist tendenziell auch homophob.

Nun würde ich ja von mir weisen, rassistische Gedanken zu haben. Aber gibt es so etwas wie Rassismus, der uns gar nicht als solcher bewusst ist?

Asbrock Problematisch ist grundsätzlich das Verbinden von Eigenschaften mit Kategorien. Das kann auch positive Eigenschaften betreffen, zum Beispiel "Asiaten sind fleißig". Oder wenn man Frauen unterstellt, dass sie bessere soziale Fähigkeiten als Männer haben. Das Problem ist, dass das auch falsche Erwartungen weckt. Wenn die positiven Eigenschaften sich nicht bestätigen, ist die Reaktion besonders negativ. Es hält auch grundsätzlich die Kategorien aufrecht. Wir bewerten dann nicht eine individuelle Person als nett, sondern sie ist nett, weil sie Muslim ist. Das ist eben auch keine Begründung. Sie können also auch Stereotypen erliegen, wenn sie links und öko sind. Wenn wir nicht wissen, wie wir mit einer Person umgehen sollen, aber dann eine Kategorie sehen, nach der wir sie einschätzen können, dann greifen wir auf Stereotype zurück.

Der Autor Micky Beisenherz hat bei Stern.de eine Kolumne über "Kuschelrassismus" geschrieben: "Da, wo man sich selber besser fühlt, weil man so unverkrampft und locker mit anderen Ethnien umgeht, fängt leider der Rassismus schon an." Hat er Recht?

Asbrock Da ist auf jeden Fall was dran. Wenn man sich toll fühlt, einen Schwarzen an den Tisch zu holen, weil er schwarz ist, ist das Rassismus. Es schadet dem Schwarzen zwar nicht, bewertet ihn aber aufgrund einer Kategorie und hält diese Unterschiede aufrecht.

Wenn ich im Flugzeug einen Mann mit langem Bart und Kaftan sehe und dann für einen Moment an Terrorismus denke – muss ich mir diesen Gedanken vorwerfen?

Asbrock Sie reagieren damit auf ein Stereotyp. Aber dieses Stereotyp ist sehr bekannt, und es ist schwer, nicht darauf zu reagieren. Es ist natürlich ein diskriminierender Gedanke, weil Sie während des Flugs besser aufpassen werden.

Aber ich kann doch nichts für meine Gedanken.

Asbrock Es ist ein Stereotyp, das mit einer Angst verbunden ist. Das kann man schwer kontrollieren. Dafür muss man sich nicht schämen, wenn man es reflektiert. Das passiert mir auch.

Wo zum Beispiel?

Asbrock Ich habe mal Fußball geschaut. Danach wurden die Spieler interviewt. Ein Spieler hatte Migrationshintergrund, und ich bin fest davon ausgegangen, dass er gebrochenes Deutsch sprechen wird. Er hat das aber überhaupt nicht getan. Diese Erwartung gehabt zu haben und dann so überrascht gewesen zu sein, hängt mir immer noch nach. Diese Gedanken lassen sich schwer kontrollieren. Aber es sollte einen zum Nachdenken bringen.

Gibt es evolutionär angelegte Fremdenfeindlichkeit?

Asbrock Fremdenfeindlichkeit nicht. Aber es gibt evolutionär die Tendenz, dass wir uns in Gruppen orientieren mit Leuten, die uns ähnlich sind. Dadurch finden wird Schutz und Anerkennung und können zusammen Aufgaben lösen. Feindseligkeit gegenüber Fremdgruppen hat aber verschiedene Gründe.

Zum Beispiel?

Asbrock Die Wahrnehmung von Bedrohung durch die anderen ist schon sehr entscheidend. Das kann auf kultureller Ebene sein, eben das, was anders ist. Auch eine wahrgenommene Konkurrenz um Ressourcen kann eine Ursache sein. Studien haben gezeigt, wie schnell es bei wahrgenommener Konkurrenz zu Konflikten kommen kann. Sie können Personen in zwei Gruppen einteilen durch blaue und grüne T-Shirts – und bei Konkurrenz um knappe Ressourcen wird es vermehrt zu Feindseligkeiten kommen. Dazu kommt eine starke Identifikation mit der eigenen Gruppe, zum Beispiel mit Deutschland. Das sind die Leute, die die Tendenz haben, Fremdgruppen stärker abzuwerten.

Hilft Bildung?

Asbrock Bildung kann zumindest helfen, Offenheit zu erhöhen. Dann können wir schneller akzeptieren, dass es mehr auf der Welt gibt als das, was ich kenne. Ganz klar hilft auf jeden Fall positiver Kontakt zur Fremdgruppe. Es reicht schon, wenn die Freunde diesen Kontakt haben.

Also helfen am Ende keine Argumente gegen Fremdenfeindlichkeit, sondern positive Erlebnisse?

Asbrock Erlebnisse und Emotionen. Man überträgt dann dieses Gefühl auf die gesamte Fremdgruppe. Nur mit Argumenten allein werden Sie nur wenige Leute beeinflussen können. Diese werden dann einfach nicht geglaubt. Was Studien aber gezeigt haben, ist, dass positiver Kontakt besonders gut bei Leuten wirkt, die stark voreingenommen sind. Wenn also mehr Flüchtlinge in Deutschland leben und es mehr Kontaktmöglichkeiten gibt, dann machen eben auch stark voreingenommene Personen positive Erfahrungen. Hier in Chemnitz leben beispielsweise wenige Ausländer, da fallen die Flüchtlinge relativ schnell im Stadtbild auf. Die Anzahl der Protestierenden gegen die Flüchtlinge nimmt hier ständig ab, und ich habe große Hoffnung, dass sich die Einstellungen insgesamt verbessern.

Das heißt, wenn Flüchtlinge kommen, steigt erst mal die Fremdenfeindlichkeit, weil viele Leute die Flüchtlinge nur medial wahrnehmen oder über die sozialen Netzwerke – aber wenn sie Erfahrungen im echten Leben machen, besteht die Chance, dass sie sich mäßigen?

Asbrock Genau. Das ist kein sehr starker Effekt, aber im Mittel hilft es, Fremdenfeindlichkeit abzubauen.

Wer sich mit seinem Nachbarn Boateng erst mal nicht wohlfühlt, wird sich also anders fühlen, wenn er sich zum ersten Mal Zucker bei ihm leiht?

Asbrock Und dann überträgt er diese positiven Erfahrungen auf die ganze Gruppe. Da ist die Kategorisierung wieder ein Vorteil. Am Ende sollten aber alle Kategorien aufgebrochen werden.

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