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Muslime in der Union
"Die muslimischen Wähler könnten die Rettung der CSU sein"

Interview - Muslime in der Union
Cihan Sügür ist der Sprecher der Initiative "Muslime in der Union". Er sagt: "Ich bin nicht trotz, sondern wegen des 'C' in der Partei." FOTO: Sügür
Muslime in einer christlichen Partei? Gibt es in der CDU und CSU schon länger. Nun haben sich 30 von ihnen in der Initiative "Muslime in der Union" zusammengeschlossen. Ein Interview mit deren Sprecher Cihan Sügür (26). Von Sebastian Dalkowski

Muslime in der Union – das klingt so unwahrscheinlich wie Handballer im Fußballverein.

Cihan Sügür Muslime und Christen verbindet sehr viel, die Werte, der Glaube an die Religion, die Bedeutung der Familie.

Aber stört Sie das "C" in CDU und CSU nicht?

Sügür Ich bin nicht trotz, sondern wegen des "C" in der Partei. Es verspricht mir Empathie gegenüber religiösen Menschen. Im Koran werden Sie keinen einzigen Widerspruch zu den Zehn Geboten finden. Dass es aber zum Beispiel im Christentum eine Dreifaltigkeit gibt, im Islam jedoch nicht, stört mich nicht in meiner Arbeit in der Partei. Die Partei verlangt ja auch kein Bekenntnis zum christlichen Glauben, sondern zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Was hat den Anstoß gegeben, die Initiative "Muslime in der Union" ins Leben zu rufen?

Sügür Der Satz von Angela Merkel, "Wir schaffen das". Das hat gezeigt, dass die Partei und Angela Merkel eine starke Haltung in der Flüchtlingsfrage haben. Ich war damals schon eine Zeitlang Parteimitglied und habe mir bis dahin immer anhören müssen, was ich als Moslem in der CDU verloren habe. Aber das war der Punkt, wo vor allem auch Muslime angefangen haben, sich mit der CDU auseinanderzusetzen. Gleichzeitig hat die Partei bisher nicht davon profitiert. 90 Prozent der Flüchtlinge sind Muslime, trotzdem gibt es in der CDU keine Gruppe, die politische Arbeit mit Muslimen macht. Auch die Islamdebatte insgesamt verdient mehr Bezug zur muslimischen Realität in Deutschland.

Also geht es Ihnen auch um das Thema Flüchtlinge?

Sügür Das ist eine der größten Herausforderungen der Bundesrepublik. Denken Sie doch mal ein wenig in die Zukunft. Was passiert mit den Flüchtlingskindern, die jetzt hier geboren werden, in zehn Jahren? Dann werden die sich auch wieder die Frage stellen, ob das hier ihr Land ist. Wir haben alles mit den türkischen Gastarbeitern schon mal durchgemacht. Deshalb wollen wir uns engagieren. Wir haben Kapazitäten, wir haben die Moscheegemeinden, wir haben den Glauben, der uns mit den Flüchtlingen verbindet. Das alles wollen wir nutzen, um für eine reibungslose Integration zu sorgen.

Und wenn ein paar mehr Muslime die CDU wählen...

Sügür… dann habe ich auch nichts dagegen. Die CDU ist die Volkspartei der Mitte. Wir wollen dabei helfen, dass es so bleibt.

Was haben Sie sonst vor?

Sügür Unser Ziel ist es, eine positive Gegenöffentlichkeit zu schaffen, weg von den emotionalen Debatten rund um Kopftuch und Radikalismus. Wir möchten im gemeinsamen Austausch mit der muslimischen Zivilgesellschaft in Deutschland deutlicher machen, was unser Beitrag als Muslime für die Gesellschaft ist und in Zukunft sein kann. Wir wollen die negativen Debatten ablösen mit unseren positiven inhaltlichen Beiträgen für eine bessere Gesellschaft. Denn es gibt sehr viele Beispiele, wo Integration gelungen ist.

Es ist noch nicht so lange her, dass die CDU mit Slogans wie "Kinder statt Inder" in den Wahlkampf gezogen ist. Warum sind Sie, der einen Migrationshintergrund hat, trotzdem bei der CDU gelandet?

Sügür Ich bin aus zwei Gründen in der CDU gelandet. Auf der einen Seite, weil ich die anderen Parteien ausgeschlossen habe...

Warum das? Menschen mit türkischer Herkunft wählen klassischerweise SPD.

Sügür Die SPD kam für mich nie in Frage, weil das die Partei ist, die über Jahrzehnte den türkischen Gastarbeitern das Blaue vom Himmel versprochen hat, sich immer darauf ausgeruht hat, dass die Türken eh SPD wählen. Immer, wenn es zu Wahlen kam, hat der jeweilige Bundestagsabgeordnete mal einen türkischen Flyer rausgehauen und eine Prise "EU-Beitritt Türkei", eine Prise "Doppelpass", und dann hatte er die türkischen Stimmen. Das hat mich gestört. Aber es gibt auch eine langsame Veränderung in der türkischen Community. Die fragen sich, ob die SPD wirklich was für sie tut.

Warum dann aber CDU? Sie werden sicher auch Vorbehalte gehabt haben.

Sügür Ich habe tagelang mit meinen Eltern diskutiert und musste ihnen erklären, dass der CDU vieles wichtig ist, was auch ihnen wichtig ist, Werte, Religion, Tradition. Die Barrieren habe ich ja selbst erst überwinden müssen. Mein Anstoß und damit der zweite Grund war, dass Peter Tauber Generalsekretär geworden ist. Seitdem weht ein frischer Wind in der CDU. Er hat klargemacht, er wolle die Partei jünger, vielfältiger und weiblicher machen. Und dann habe ich gesehen, welche Shitstorms er dafür im Internet geerntet und was er alles weggesteckt hat. Da wusste ich, dass er es ernst meint und ich ihn unterstützen muss. Deshalb bin ich vor zwei Jahren der CDU beigetreten.

Warum gründen Muslime in Deutschland nicht einfach eine eigene Partei, die MDU?

Sügür Würde ich einer Community schaden wollen, indem ich ihre politische Durchschlagskraft minimiere, dann würde ich eine Partei gründen. Es bricht sich mir aber auch kein Zacken aus der Krone, wenn ich eine Partei nehme, die es schon gibt. Bei mir ist das eben die CDU. Da habe ich meine Möglichkeiten, mich einzubringen.

Was fordern Sie als Muslime in der Union von der Union?

Sügür Ein Beispiel ist das Thema "Importimame". Alle verlangen plötzlich, die so genannten Importimame zu verbieten und verkennen dabei die Realität, dass die Moscheegemeinden sich hier in 60 Jahren eine Infrastruktur aufgebaut haben, die seinesgleichen sucht. Nicht mit staatlichen Mitteln, sondern aus den privaten Taschen der Leute. Und wenn sie einen Raum mieten und ihn zur Gebetsstätte machen, dann brauchen sie auch einen Theologen. In den 80er Jahren ist die türkische Regierung hingegangen und hat gesagt "Ihr braucht einen Imam? Wir schicken euch einen". Dieses System hat in den vergangenen Jahrzehnten reibungslos funktioniert.

Jetzt wird die Kritik daran allerdings lauter.

Sügür Integrationsprobleme heute den Imamen aus dem Ausland in die Schuhe zu schieben, finde ich zu einfach. Vermeintliche Ursachen und Folgen werden auch nicht genannt. Auch die Tatsache, dass andere Religionsgemeinschaften ihre Geistigen aus dem Ausland beziehen, wird nicht weiter thematisiert. Das passt leider insgesamt zur doch sehr einseitigen Islamdebatte, in der über Muslime und nicht mit Muslimen gesprochen wird. Eine sachliche Analyse der eigentlichen Ursachen für Radikalisierung, wie zum Beispiel Perspektivlosigkeit, werden weitestgehend ausgeblendet.

Wären die Forderungen nach Verbot leiser, wenn nicht Erdogan der türkische Präsident wäre?

Sügür Das ist gut möglich. Die Moscheegemeinden arbeiten ja auch an deutschsprachigen Imamen, aber das geht nicht auf Knopfdruck. Dafür gibt es eine Reihe von Maßnahmen, wie zum Beispiel die eingerichteten islamischen Lehrstühle, die aber nicht automatisch Imame ausbilden, sondern Theologen. Es ist also noch ein langer Weg. Aber am Ende muss die Moscheegemeinde den Imam auch wollen. Der Staat kann sie nicht dazu zwingen.

Und da braucht die CDU Nachhilfe?

Sügür Bislang musste sich die Partei mit diesem Thema nicht so richtig auseinandersetzen. Da bin ich ihr auch nicht böse. Nun tut sie es. Den Mehrwert können wir als Muslime in der Union liefern. Meine Eltern haben mich mit sechs Jahren jeden Samstag und Sonntag regelmäßig in die Koranschule geschickt, bis ich 14 war. Und ich wurde dabei nicht radikalisiert. Von den 700 IS-Ausreisenden aus Deutschland ist niemand dabei, der eine traditionelle Islamlehre genossen hat. Das waren Kleinkriminelle, die auf dem Tiefpunkt ihres Lebens bei Youtube Pierre Vogel entdeckt haben und dann nach einem Hardcore-Salafisten-Kurs nach Syrien gereist sind.

Ich könnte mir vorstellen, dass Sie der CDU auch was zum Thema Kopftuch zu erzählen hätten.

Sügür Das sehe ich ähnlich wie beim Thema "Importimame". Da fehlen bei der CDU noch die Kompetenzen. Wer niemanden kennt, der freiwillig Kopftuch trägt, muss ja denken, die Frauen werden alle gezwungen. Wenn ich denen also selbstbewusste studierte Frauen zeige, die Kopftuch tragen, dann müssen sie die Realität anerkennen. Ob jemand ein Kopftuch trägt oder nicht, soll ganz allein seine Entscheidung sein. Das bedeutet für mich Freiheit.

Warum ist die CDU in den vergangenen Jahren stärker in die Mitte gerückt? Es hat die Partei erst mal Stimmen gekostet.

Sügür Die CDU hat sich jedenfalls nicht an Umfragewerten orientiert in ihrer Politik. Es gibt gerade zwei verschiedene Strömungen in der Partei. Es gibt die CDU, die vor zwei, drei Jahren gemerkt hat, dass die Mehrheit der Mitglieder über 50 ist, männlich und biodeutsch, die Gesellschaft aber deutlich vielfältiger. Diese CDU wollte die Weichen stellen, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Auf der anderen Seiten gibt es die Flüchtlingskrise, die die Partei sehr stark beansprucht. Es war schon nicht einfach, die Partei in die Mitte zu führen. Und jetzt noch die Flüchtlingskrise. Da wurde den Mitgliedern viel abverlangt. Aber was wäre die Alternative? Keine davon wäre verträglich mit dem "C" gewesen. Das sollte allerdings irgendwann mit Stimmen honoriert werden, sonst gibt es vielleicht Kräfte in der Partei, die den Kurs wieder ändern wollen.

Glauben Sie nicht, dass es in der Union Widerstand gegen Ihre Initiative geben wird?

Sügür Als CDU-Mitglied würde ich mich über diese Initiative freuen, weil es zeigt, dass die demokratische Dynamik nicht verlorengegangen ist. Da opfern Leute ihre Freizeit und machen kostenlos Werbung für die Partei und sind Multiplikatoren in ihren Communitys. Es wird aber bestimmt Leute geben, die etwas dagegen haben.

Es könnte auch noch mehr CDU-Wähler verschrecken. Die werden sich fragen, wofür die Partei noch das "C" im Namen führt.

Sügür Sie haben Recht, das wird nicht einfach. Es ist auch ein Stück weit unsere Verantwortung, die Leute aufzuklären, dass wir nicht die CDU islamisieren wollen. Wir sind auch kein offizielles Parteiorgan. Die Partei unterstützt uns nicht finanziell. Wir nehmen auch niemandem etwas weg. CDU bleibt CDU. Christdemokrat zu sein bedeutet für mich, religiöse Werte in einer demokratischen Grundordnung leben zu können. Daher bin Christdemokrat durch und durch, aber muslimischer Christdemokrat. Das "C" ist für mich eine Einladung. Das klingt wie ein krasser Widerspruch. Ich weiß, dass ich einen langen Atem brauchen werde, um den Leuten das zu erklären. Aber es gibt ja auch muslimische Sozialdemokraten.

Horst Seehofer könnte mit den Augen rollen.

Sügür Es gibt in der Union ungefähr 1000 Muslime, das ist nicht sehr viel. Es gibt aber vier Millionen Muslime in Deutschland. Diese vier Millionen können die kritische Masse in einer Wahl sein. Das würde ich so auch Herrn Seehofer erklären. Wenn die CSU irgendwann mal an dem Punkt ist, an dem sie nicht mehr die absolute Mehrheit hat, dann könnten die muslimischen Wähler das Rettungsboot sein.

Wann sitzt der erste Moslem in der Bundesregierung?

Sügür Immerhin wurde bereits 2010 mit Aygül Özkan die erste Muslima Ministerin in einer Landesregierung – in Niedersachsen. Auch hier war die CDU also Vorreiterin. Aber solange Leute hergehen und sagen "Kopftuch hat im Gerichtsgebäude nichts verloren", so lange wir für unnormal gehalten werden, bleibt es schwierig.

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