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Umstrittenes Gedicht des Nobelpreisträgers
Israel-Kritik: Wo Günter Grass irrt
Günter Grass - Thesen und Fakten zum Israel-Gedicht
Günter Grass - Thesen und Fakten zum Israel-Gedicht FOTO: dapd, JENS MEYER
Düsseldorf. Die Kritik an dem Gedicht des Nobelpreisträgers zum Konflikt zwischen Israel und dem Iran hält an. Grass bezeichnete die Vorwürfe gegen ihn als Kampagne. Was auffalle, sei das "Nicht-Einlassen auf die Fakten". Stimmt das? Eine Überprüfung seiner Behauptungen. Von Matthias Beermann und Lothar Schröder

Behauptung 1: Das, was Grass dichtet, "muss" – dem Titel nach – gesagt werden. Hierbei wird eine Dringlichkeit suggeriert, eine Notwendigkeit, die Grass aus der deutschen Geschichte abzuleiten sucht. Sein bisheriges Schweigen sei seiner deutschen Herkunft geschuldet, wie er schreibt. Freie Meinungsäußerung aber, selbstverständlich auch die Möglichkeit einer Kritik an Israel – die noch nichts mit Antisemitismus zu tun hat – gab es immer. Grass instrumentalisiert auf diese Weise deutsche Schuld, um das Gedicht an sich rechtfertigen zu können. Nicht der Autor ist verantwortlich, die zeithistorischen Umstände sollen es offenbar sein.

Behauptung 2: In "Planspielen" wird ein "Erstschlag" gegen den Iran geübt, der "das iranische Volk auslöschen" könnte. Es ist unbestritten, dass Israel sich intensiv auf einen möglichen Angriff gegen die iranischen Atomanlagen vorbereitet. Die Regierung selbst ließ immer wieder entsprechende Details durchsickern, um auf diese Weise politischen Druck aufzubauen – auf den Iran, aber auch auf den amerikanischen Verbündeten, ohne dessen logistische Hilfe ein solcher Militärschlag wohl nur schwer durchzuführen wäre. In Washington setzt man derzeit jedoch alles daran, einen israelischen Präventivschlag möglichst zu verhindern. Wenn Grass ferner behauptet, ein solcher Angriff könnte das iranische Volk (80 Millionen Menschen) "auslöschen", so suggeriert er damit einen atomaren Erstschlag der Israelis – das ist grotesk.

Behauptung 3: Ahmadinedschad ist ein Maulheld. Laut Duden bezeichnet man mit einem Maulhelden einen Prahler und Angeber. Ist das aber für einen Holocaust-Leugner die richtige Beschreibung, noch dazu in einem Gedicht, in dem stärker als in vielen anderen Textsorten jedes Wort von Bedeutung ist und auf Genauigkeit besteht? Zumindest diese Bewertung ordnet der Duden dem Maulhelden zu: Das Wort ist "abwertend".

Behauptung 4: Wer – wie Grass – dem Schweigen entgegentritt, dem droht "das Verdikt"vom Antisemitismus. Natürlich kann damit nicht jener Antisemitismus-Wahn gemeint sein, der zur Shoah und der Vernichtung von sechs Millionen Juden führte. Es wird vielmehr auf eine neue Form des gebildeten, linken Antisemitismus angespielt. Dass Grass eine solche Reaktion vorwegnimmt und zum Gegenstand seiner Verse macht, dokumentiert Scham und Schuldgefühle bereits im Prozess des Dichtens. Grass glaubt sich in der selbsternannten Täterrolle als Opfer retten zu können. Eine ähnliche Verdrehung – allerdings in umgekehrter Richtung – vollzieht Grass bei den Juden, die er aus der Opferrolle (durch die iranische Bedrohung) entlässt und ihnen die Täterrolle zuweist.

Behauptung 5: Deutschland liefert Israel U-Boote, die den Iran nuklear angreifen können. Deutschland hat Israel in der Tat bereits drei hochmoderne U-Boote der "Dolphin"-Klasse geliefert, drei weitere sollen folgen. Grünes Licht für diesen Waffenexport in ein Krisengebiet gab es, nachdem Saddam Hussein Israel im Zweiten Golfkrieg 1990/91 mit Chemie-Waffen bedroht hatte und der Iran 1993 von Russland mit drei modernen U-Booten beliefert worden war. Die 650-Millimeter-Torpedorohre der "Dolphin"-Boote könnten nach entsprechendem Umbau theoretisch zum Abschuss von Marschflugkörpern genutzt werden, auf die sich atomare Gefechtsköpfe montieren lassen. Aber selbst dann würden diese eher der nuklearen Zweitschlag-Kapazität und mithin der Abschreckung dienen – Israel wäre damit auch nach einem Angriff mit Massenvernichtungswaffen noch zu einem Gegenschlag fähig.

Behauptung 6: Grass schreibe das Gedicht "mit letzter Tinte". Hier verlässt das Gedicht die Ebene der Rhetorik und wechselt in den Bezirk des Demagogischen. Denn mit diesem historisch anmutenden und zugleich endzeitlich gestimmten Bild erzeugt der Schreibende vor allem diesen Eindruck: "Was gesagt werden muss" ist nicht weniger als ein Vermächtnis, ein literarisches Erbe, das der hochgerühmte Autor seinen Leser zum Bedenken anvertraut. Die letzte Tinte tunkt die Verse in ein apokalyptisches Bild, das Grass schon einmal in seinem Roman "Die Rättin" hervorrief. Diesmal ist sein Vermächtnis viel gefährlicher, da er jetzt an spätere Generationen seine Israel-Kritik weitergibt und diesem Angriff etwas Historisches und Zeitloses verleiht.

Behauptung 7: Die Atommacht Israel gefährdet den "Weltfrieden". Der jüdische Staat hat nie offiziell bestätigt, über Atomwaffen zu verfügen. Es gilt aber als gesichert, dass das kleine Land, das nie dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten ist, seit den 60er Jahren über die Bombe verfügt. Zum Umfang des nuklearen Arsenals gibt es indes nur vage Schätzungen: Zwischen 50 und 500 Gefechtsköpfe werden in den israelischen Arsenalen vermutet. Dass dadurch der "Weltfrieden" gefährdet sei, bleibt jedoch eine gewagte Behauptung. Selbst in größter militärischer Bedrängnis, insbesondere während des Jom-Kippur-Kriegs 1973, hat Israel auf den Einsatz von Kernwaffen verzichtet.

Behauptung 8: Der Westen ist im Umgang mit Israel parteiisch und macht sich der "Heuchelei" schuldig. Israel hat aus nachvollziehbaren historischen wie geostrategischen Gründen über Jahrzehnte viel Unterstützung im Westen genossen. Bis heute ist das Land – trotz vieler Unzulänglichkeiten – die einzige funktionierende parlamentarische Demokratie in der Region. Doch die Haltung gegenüber Israel ist zuletzt sehr viel kritischer geworden, in Europa und selbst in den USA. Dafür hat insbesondere die umstrittene Siedlungspolitik in den besetzten Gebieten gesorgt. In dieser und anderen Fragen politischen Druck auf die israelische Regierung auszuüben fällt allerdings schwer, solange das iranische Regime damit droht, das "zionistische Gebilde" von der Landkarte tilgen zu wollen. Nicht Heuchelei, sondern eher Hilflosigkeit prägen den westlichen Umgang mit Israel.

Quelle: RP/nbe/csi
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