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Gegen ungerechte Kritik: Ja zur Nationalhymne

VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 19.06.2006 - 16:42

Düsseldorf (RP). Die deutsche Nationalhymne soll "historisch belastet" sein, glaubt man bei der Lehrergewerkschaft GEW. Eine neue müsse her, fordern die Pädagogen. Dabei braucht sich das "Deutschlandlied" seiner Vergangenheit nicht zu schämen. Einige Fragen, einige Antworten.

Schon wieder ein Streit um die deutsche Nationalhymne, und abermals belästigt er durch historische Unkenntnis. Ausgerechnet die Lehrer-Gewerkschaft GEW erweist sich als schlecht informiert. Einige Hinweise.

1. Ist die deutsche Nationalhymne in Text und Musik wertvoll?

Die deutsche Hymne ist dank Joseph Haydn (Österreicher!) von lyrischer Melodie und beschaulicher Harmonik. Zumal in der Urform als Streichquartett ist sie mit ihrem zarten Gebetscharakter das Gegenteil des auftrumpfenden patriotischen Gesangs; scharfe Punktierungen in Akzenten fehlen.

Der originale Text der zulässigen dritten Strophe ist im internationalen Vergleich von höchster republikanischer Tugend - mit der Betonung harmoniehoher Brüderlichkeit, mit dem von Hoffmann von Fallersleben 1841 in politisch instabiler Zeit eingeführten zeitlosen Einigkeitsideal und dem gleichrangigen Freiheits- und Rechtsbegriff. Eine solche dreifaltige Losung als Ausdruck politisch-moralischer Selbstverpflichtung im Textkopf einer Nationalhymne ist weltweit einzigartig.

2. Ist die Nationalhymne belastet?

Die oberen Nazis haben das „Deutschlandlied“ nie gemocht, weil es jene Tradition abbildete, mit der sie von Grund aufräumen wollten. Deshalb gesellten sie ihm ein Propaganda-System von Nebenhymnen, Zusatzfanfaren („Siegesfanfare“; diverse Überfall-Fanfaren) und Ersatzklängen bei (etwa „Badenweiler Marsch“, „Nibelungenmarsch“).

Früh erklang die Nationalhymne zur NS-Zeit bei offiziellen Anlässen nicht ohne das „Horst-Wessel-Lied“; außerdem wurde sie oft ins Schlagkräftige umfunktioniert und zum Marsch militarisiert; ihr unaufwändiger musikalischer Gestus litt darunter. Zu den von Hitler/Goebbels politisch ausgeschlachteten, ja in Hymnen-Dimension gebrachten Musiken zählten hingegen der Schlusschor aus Beethovens 9. Sinfonie (das heutige Europa-Lied) und die Opern Richard Wagners („Siegfrieds Trauermarsch“, „Walkürenritt“).

Der Katalog neuer Lieder, mit denen der deutsche Faschismus ein dämonisches und tief gründelndes Beschwörungs- und Mobilisierungsfeuer („Volk ans Gewehr“) in die Kehlen schickte, ist endlos. Die Sinfonien Beethovens und die Opern Wagner werden heute zu Recht gespielt - auch im Ausland. Kann Beethoven etwas dafür, dass dem „Führer“ die 5. Sinfonie c-moll („Schicksalssinfonie“) so gut gefiel? Wagners privater Antisemitismus ist unverdeckt, aber in seinen Kompositionen nur schwer zu identifizieren.

3. Darf man die DDR-Hymne noch hören? Und Brechts „Kinderhymne“?

Die von Johannes R. Becher (Text) und Hanns Eisler (Musik) angelegte DDR-Hymne ist entgegen dem Urteil ewig Gestriger in Wort und Musik immer noch unanstößig, sowohl in ihrer Einigkeits-Dialektik (obwohl Strophen 2 und 3 bereits das Vokabular des Arbeiter- und Bauernstaates andeuten) als auch in ihrer ergreifenden Melodik.

Ihre eigens geschaffene Hymne war den DDR-Oberen wegen der vierten Zeile „Deutschland, einig Vaterland“ ebenso missliebig wie den oberen Nazis das „Deutschlandlied“; so verbot Honecker, als er die Macht von Ulbricht übernahm, das Absingen des Textes. Die von Brecht und Eisler vorgelegte „Kinderhymne“ wäre, wie es Wolf Biermann einmal vorschlug, als potenzielle Reservehymne der Deutschen eine schöne Alternative. Politisch ist sie zu Recht chancenlos. Aber sie sollte breiter bekannt sein - wegen ihrer Bündelung von hochpoetischem Text (zarter, aber nicht blinder Pazifismus) und eindringlich-kantabler Melodie.

4. Was singen die anderen Nationen in ihren Hymnen bei der WM?

Die Hymnen der Welt zeigen sich bei der WM als Kessel Buntes. Heimat und Vaterland stehen in nationalpatriotischem, zur Verteidigung aufrufendem Hochgefühl an oberster Stelle (Ghana, Brasilien, Polen, Togo, Kroatien, Tschechien) - ebenso die Freiheit, die sich von Feinden nicht bezwingen lässt (Trinidad und Tobago).

Die Besingung dieser Freiheit kommt sanft (Australien) oder hymnisch (Ukraine, USA) daher, äußert sich aber auch mit Tschingderassabum und Trommelgetöse, den Varianten des Waffengeklirrs - in Frankreich (Marseillaise) und Tunesien ebenso wie in ehemals kolonialisierten Staaten (Portugal, Argentinien, Paraguay, Mexiko). Ecuador hat seine heftig antispanische erste Strophe abgeschafft. Von der rasselnden Kraft der Revolution ist in unterschiedlicher politisch-religiöser Ausrichtung noch in den Hymnen Angolas und des Iran die Rede.

Die italienische Hymne ist in ihrer schlagkräftigen Wehrhaftigkeit („Wir sind bereit bis zum Tod“) der französischen ähnlich. Die Liebe zur heimischen Natur tritt oft hervor, bisweilen ist sie religiös überwipfelt (Südkorea, Schweden, Schweiz). Friedfertigkeit gilt als feinste Tugend (Elfenbeinküste, Costa Rica).

Eine eigene Gruppe bilden Republiken mit monarchistischer Unterfütterung wie England und Japan, deren Hymnen an Feierlichkeit schwer zu überbieten sind. Dass ein Vaterland „blühe“, ist übrigens kein deutsches Hymnen-Monopol - die meisten Länder singen davon. Auch in diesem Aspekt ist die dritte Strophe des „Deutschlandlieds“ unauffällig.

Quelle: Rheinische Post

 
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