NRW: Jeder sechste Polizist krank
VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 23.07.2009 - 07:38Düsseldorf (RP). Marion B ist Polizistin. Als Kommissarin war die 45-Jährige viele Jahre im Wach- und Wechseldienst im Einsatz. Doch das ist lange her. Marion B. sitzt in ihrem Garten und lauscht dem Vogelgezwitscher. Sie ist krankgeschrieben – mal wieder. Zuletzt war Marion B. zwei Jahre und vier Monate ohne Unterbrechung dienstunfähig.
Die Kommissarin leidet unter psychischen Problemen. Ihr wurden ein Burn-Out-Syndrom und psychische Erschöpfungszustände attestiert. "Ich habe die Belastung nicht mehr ausgehalten", erzählt die Polizistin. "Die Lügen, die über mich erzählt wurden, haben mich fertiggemacht."
Mehr als 17 Prozent der Polizisten in Nordrhein-Westfalen sind pro Jahr länger als sechs Wochen krank – das geht aus einer Aufstellung des Innenministeriums hervor. Auf Stellen umgerechnet, fehlen pro Jahr rund 1450 Polizisten durch Langzeitkrankheitsfälle. "Eine erhebliche Schwächung", kritisiert Erika Ullmann-Biller, Hauptschwerbehindertenvertreterin im Innenministerium: "Es fehlt eine einheitliche Regelung, wie kranke Kollegen wieder eingegliedert werden sollen."
Marion B. berichtet, in ihrem Fall habe sich bei der Polizei niemand ernsthaft um die Gründe für die Dienstunfähigkeit gekümmert. Stattdessen wurde sie mit einem Gerichtsverfahren überzogen; sie sollte einen Teil ihres Gehalts zurückzahlen. Letztlich einigte man sich darauf, dass die Kommissarin die Laufbahn wechseln soll.
Vor allem große Polizeibehörden kämpfen mit enormen Krankenständen. In Duisburg sind 27 Prozent der Polizisten langzeitkrank, in Aachen sind es 26 Prozent, in Köln 19 Prozent. "Oft macht schlechte Führung die Polizisten krank", beklagt Rainer Wendt, der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft. Manche Vorgesetzte hätten "Managerallüren": "Verantwortliches und fürsorgliches Handeln gegenüber der Belegschaft wird immer seltener."
Stattdessen sei "gezieltes Altersmobbing" an der Tagesordnung: "Kollegen, die nicht mehr rund um die Uhr über Zäune und Garagen springen können, werden aussortiert." Solidarische Kollegialität sei "Geheimniskrämerei und Arroganz" gewichen. "Viele Kollegen geben entnervt auf und flüchten unter erheblichen Versorgungseinbußen zu anderen Behörden." Im Gegensatz zur Bundeswehr, wo sich der Wehrbeauftragte der Beschwerdefälle annehme und in einem Bericht der Politik vortrage, fehle ein solcher Kümmerer bei der Polizei.
Die Grünen im Düsseldorfer Landtag planen für die erste Sitzung nach der Sommerpause eine parlamentarische Initiative zum Thema "kranke Polizisten". In einem Antrag fordern sie ein "Gesundheitsmanagement für die Polizei". "In jedem langfristigen Krankheitsfall soll überprüft werden, worin die Ursachen für die Dienstunfähigkeit liegen", sagt Monika Düker, innenpolitische Sprecherin der Grünen. Das Innenministerium verwies darauf, dass bei einigen Polizeibehörden – darunter Borken, Essen, Hamm, Euskirchen und Wuppertal – bereits freiwillige Dienstvereinbarungen zum Umgang mit Langzeitkranken geschaffen worden sind.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum