Freie Wähler schassen Gabriele Pauli: Jetzt greift die Landrätin auf Bundesebene an
zuletzt aktualisiert: 16.06.2009 - 20:29München (RPO). Gabriele Pauli hat eine Vorliebe für große Auftritte. An diesem Dienstag macht sie aus ihrem Rauswurf bei den Freien Wählern wieder eine Show, weicht keiner Kamera aus. Auch ihr Selbstbewusstsein hat offenbar nicht gelitten. Frohgemut kündigt sie an, nun die Leitlinien für ihre eigene Pauli-Partei entwerfen zu wollen.
Am Dienstagmorgen kam die 51-Jährige zum letzten Mal zu einer Fraktionssitzung der Freien Wähler (FW) im bayerischen Landtag. Kamerateams und Fotografen umringen sie, und die frühere Fürther Landrätin steht bereitwillig Rede und Antwort - während der Rest der FW-Fraktion im Sitzungsaal auf den Beginn der Aussprache über den Fall Pauli wartet. Mit 15 Minuten Verspätung kann es schließlich losgehen. Als Pauli 75 Minuten später den Saal wieder verlässt, gehört sie der Fraktion nicht mehr an.
So langsam könnte sie Routine bekommen beim Abschied-Feiern. Im November 2007 verließ Pauli nach drei Jahrzehnten die CSU, um deren Vorsitz sie sich wenige Wochen zuvor noch bemüht hatte. Im April 2008 folgte nach 18 Jahren der freiwillige Abschied vom Amt der Fürther Landrätin, obwohl sie einige Wochen zuvor noch eine erneute Kandidatur angekündigt hatte. Am 16. Juni 2009 ist nach gerade einmal einem Jahr die Zusammenarbeit mit den Freien Wählern vorbei, die sie keine zehn Tage zuvor noch als Spitzenkandidatin in die Europawahl geführt hatte.
Die Freien Wähler sind sie leid
Dieses Mal ist es aber kein freiwilliger Abschied: 17 von 20 FW-Abgeordneten wollten Pauli nicht mehr in ihren Reihen haben, insbesondere wegen ihres jüngsten Alleingangs: der Ankündigung, mit einer eigenen Partei zur Bundestagswahl antreten zu wollen. Nur zwei Parlamentarier stimmten bei der Fraktionssitzung gegen den Ausschluss, einer enthielt sich. Pauli selbst gab keine Stimme ab.
Die Ex-CSU-Rebellin wäre aber nicht sie selbst, wenn sie auch auf ihren Rauswurf nicht eine ganz eigene Sicht präsentieren würde: "Man muss erst mal ein Kapitel abschließen, bevor ein neues beginnt", sagt sie bereits bei ihrer Ankunft. Und später lobt sie, dass sich Freie Wähler und sie selbst auf ihrem jeweils eingeschlagenen Weg "gegenseitig nicht behindern".
Kleine Psychologiestunde
Pauli verblüfft zudem durch eine kleine Psychologiestunde für die Journalisten. Es sei "viel Unmut da" unter den Freien Wählern, analysiert sie. Doch es sei im Grunde ein Unmut, "den die Freien Wähler auf sich haben". Pauli glaubt bei ihren Mitstreitern "viele Aggressionen" zu erkennen, "die eigentlich gegen sich selbst gerichtet sind". Manch Freier Wähler sei gar nicht frei.
Nach ihrem Rauswurf will die 51-Jährige in den nächsten Tagen die Leitlinien für ihre neue Partei ausarbeiten. Ob darin auch ihr Vorstoß für auf sieben Jahre befristete Ehen verankert wird, will sie noch nicht sagen. Überhaupt verrät Pauli vorerst wenig über ihr neues Zukunftsprojekt. "Einfach beginnen" laute jetzt ihre Devise, verkündet sie: "Wer nicht anfängt, kommt nicht weiter." Auch auf die Frage, ob sie als "Kanzlerkandidatin" ihrer neuen Partei antreten werde, antwortet die Ex-CSU-Rebellin ausweichend. Es gelte nun, Schritt für Schritt zu gehen.
Blumige Vorstellungen für die neue Partie
Genau das aber hat sie nach Meinung ihrer früheren Mitstreiter nicht getan. Die FW-Landtagsabgeordnete und Schlagersängerin Claudia Jung zeigt sich "persönlich enttäuscht" über Paulis Vorgehensweise. "Mir und auch anderen ist sie zu schnell", sagt Jung. "Sie sollte nicht fünf Stufen auf einmal nehmen." Die FW-Spitze lehnt eine Teilnahme bei Bundestagswahlen nicht grundsätzlich ab, hält sie in diesem Herbst aber für verfrüht. Der oberfränkische Abgeordnete Thorsten Glauber wirft Pauli gar vor, durch ihren Alleingang Politik zur Spaßveranstaltung zu degradieren.
Die 51-Jährige meint es mit ihrer Parteineugründung aber offensichtlich sehr ernst. Sie kritisiert das "etablierte Parteiensystem" und spricht viel von einem "neuen Weg", vom "neuen Denken". Politische Berater hat sie dabei nach eigenen Angaben nicht. "Ich verlasse mich auf mich und auf meine eigene Kraft", sagt sie dazu. Fest steht: Der nächste große Auftritt Paulis wird nicht lange auf sich warten lassen. In den nächsten Tagen schon will sie ihre neue Partei der Öffentlichkeit vorstellen.
CSU tritt noch einmal nach
Nach Einschätzung von Grünen-Fraktionschefin Margarete Bause war der Ausschluss "unausweichlich". "Es war ja schon längere Zeit klar, dass Pauli und die Freien Wähler zusammenpassen wie Prosecco und Apfelschorle", sagte Bause. Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, Harald Güller, sagte über den Rauswurf: "Mit dem Fall Pauli zahlen die Freien Wähler in Bayern bitteres Lehrgeld dafür, dass unter ihrer Fahne nur Einzelpersonen ohne eine gemeinsame inhaltliche Basis und ohne gemeinsames Wertesystem politisch aktiv sind."
CSU-Fraktionschef Georg Schmid äußerte sich zurückhaltend und betonte nur, insgesamt seien die Freien Wähler durch ihre bisherige Arbeit im Landtag "sicher entzaubert". Der Berliner CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer sagte, die Freien Wähler in Bayern und auf Bundesebene hätten ihre "besten Zeiten jetzt hinter sich gebracht". Mit Blick auf die Europawahl fügte er hinzu, die Freien Wähler seien von ihrer Listenführerin Gabriele Pauli "zugrunde gerichtet worden".
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