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Erinnerung an Befreiung des KZ
Gauck spricht in Bergen-Belsen von "unermesslicher Schuld"

Joachim Gauck spricht in Bergen-Belsen von "unermesslicher Schuld"
Bundespräsident Joachim Gauck bei der Gedenkveranstaltung in Bergen-Belsen. FOTO: dpa, pst fdt
Bergen-Belsen. Bei der Gedenkfeier zur Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor 70 Jahren hat Bundespräsident Joachim Gauck zum Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen weltweit aufgerufen. Aus der Verantwortung für die Gräueltaten der Nazis leitet der Bundespräsident zudem eine Verpflichtung ab.

"Wo wir nur können, werden wir Unrecht ein Ende setzen", sagt Gauck in Bergen-Belsen. Das Staatsoberhaupt erinnerte an die "unermessliche Schuld" der Deutschen: Orte wie Bergen-Belsen, Buchenwald oder Dachau seien Symbole für die politische, moralische, kulturelle und humanitäre Katastrophe, zu der das "Dritte Reich" geführt habe. Zu der Gedenkfeier auf das Gelände des ehemaligen KZ waren am Sonntag mehr als 1000 Menschen gekommen, darunter auch rund 90 Überlebende.

Gauck betonte, Deutschland sei Teil einer Verantwortungsgemeinschaft, die sich dazu bekenne, die Würde des Menschen zu verteidigen. "Wo wir nur können, werden wir Unrecht ein Ende setzen." Der Bundespräsident dankte dem britischen Militär für die Befreiung des Lagers vor 70 Jahren. "Die britischen Soldaten waren Botschafter einer demokratischen Kultur, die nicht auf Rache am Feind bedacht war, sondern dem Recht und der Menschenwürde auch in Deutschland wieder zu neuer Geltung verhelfen sollte."

Ein Wiederaufleben des Antisemitismus beklagte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder. "Im Jahr 2015 sehen wir den Antisemitismus auf dem Vormarsch in Europa." Ein jüdischer Junge mit Kippa könne nicht durch Paris oder London laufen, ohne um sein Leben zu fürchten. Neonazi-Gruppen gewännen Parlamentssitze in Ungarn und Griechenland, und der Iran drohe regelmäßig mit der Auslöschung Israels.

Lauder hob den Überlebenswillen der befreiten Juden hervor, die von einem Displaced Persons Camp für heimatlose Juden von Bergen-Belsen aus die Gründung Israels vorangetrieben hatten. Dieser Staat habe immer wieder aufs Neue sich selbst und die Juden weltweit verteidigt. Israel werde den neuen Bedrohungen nicht tatenlos zusehen, sagte Lauder.

An die Überlebenden gerichtet betonte er: "Wenn Sie diesen Ort heute ein letztes Mal verlassen, bedenken Sie: Es gibt eine jüngere Generation von Juden, die sich verpflichtet hat sicherzustellen, dass das jüdische Volk nie mehr Opfer eines solchen Bösen wird."

Zuvor hatte Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) gemahnt, die Verbrechen der Nationalsozialisten niemals zu vergessen. "Mord verjährt nicht, Massenmord und Völkermord erst recht nicht." Gerade in Deutschland müsse mit aller Entschlossenheit gegen jedes Anzeichen von Rassismus, Ausländerfeindlichkeit oder Rechtsextremismus vorgegangen werden.

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, äußerte die Hoffnung, dass einige der noch lebenden NS-Täter noch zur Verantwortung gezogen würden. "Viel zu viele Täter sind ungeschoren davongekommen."

200.000 Menschen wurden in das Lager Bergen-Belsen am Südrand der Lüneburger Heide deportiert. Über 70.000 Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge kamen hier ums Leben, darunter die 15-jährige Anne Frank, die durch ihre Tagebücher posthum weltbekannt wurde. Als britische Soldaten das Lager befreiten, fanden sie rund 10.000 Leichen auf dem Gelände. Die Schreckensbilder gingen um alle Welt.

(dpa)
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