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Interview mit Juso-Chefin Johanna Uekermann
"Wir sind der Herzschrittmacher der Sozialdemokratie"

Johanna Uekermann: "Wir sind der Herzschrittmacher der Sozialdemokratie"
Juso-Chefin Johanna Uekermann. FOTO: dpa, gfh
Düsseldorf/Bremen. Johanna Uekermann polarisiert. Am Samstag wurde die 28-jährige mit 72,3 Prozent für zwei weitere Jahre als Vorsitzende der Jungsozialisten wiedergewählt. Im Interview mit unserer Redaktion spricht sie über die Flüchtlingskrise, fehlenden Mut in ihrer Partei und das Verhältnis zur Parteispitze. Von Vassili Golod

Ihr Verhältnis zu SPD-Chef Sigmar Gabriel gilt als zerrüttet. Doch Uekermann gibt sich kämpferisch. Sie fordert von ihrer Partei mehr Haltung in der Flüchtlingsdebatte und den Mut, sich als moderne linke Volkspartei zu positionieren.

Frau Uekermann, Sie wurden mit 214 von 296 Stimmen als Juso-Chefin wiedergewählt. Hat Sigmar Gabriel Ihnen schon persönlich gratuliert?

Uekermann Nein, das hat er bislang nicht. Aber wir sehen uns ja am Montag in der Parteivorstandssitzung.

Der SPD-Chef ist am Samstag lieber ins Bremer Weserstadion gegangen, als zum Bundeskongress ihrer Jusos zu kommen. Ein Symbolbild für Ihr Verhältnis?

Uekermann Wir hätten uns als Jusos sehr gefreut, wenn Sigmar Gabriel zu uns gekommen wäre und mit uns gemeinsam diskutiert hätte. Darüber, wie wir die SPD aufstellen und welchen klaren Kompass wir ihr mitgeben. Ich bin mir aber sicher, dass es in der nächsten Zeit noch die Gelegenheit geben wird genau das zu tun.

Sie haben Sigmar Gabriel in Ihrer Rede mit einer Vier minus bewertet und Angela Merkel (CDU) für ihre Flüchtlingspolitik gelobt. Ist Gabriel Ihrer Meinung nach einfach der falsche Mann für die SPD?

Uekermann Ich habe ein großes Problem mit der Union, wenn es um die Flüchtlingspolitik geht. Ich finde, dass viele Leute aus der Union gegen Geflüchtete hetzen und eine Maßnahme nach der nächsten gegen Geflüchtete beschließen wollen. Sie wollen das Asylrecht an jeder Ecke und an jedem Ende schleifen. Die SPD muss ganz klar Haltung dagegen beziehen. Auch Angela Merkel ist in der Pflicht die Union einzunorden. Sie muss dafür sorgen, dass die Hetze aufhört. Das erwarte ich von ihr als Bundeskanzlerin.

Und was erwarten Sie von Sigmar Gabriel?

Uekermann Von Sigmar Gabriel erwarte ich, dass wir in der nächsten Zeit – und der Bundesparteitag ist ja nahe – die SPD gut aufstellen. Ich möchte, dass die SPD mehr Haltung zeigt, dass sie mehr Mut hat und, dass wir für einen klaren Kompass einstehen. Wir müssen darüber diskutieren, wie die SPD sich für die Zukunft fit macht und ihr linkes Profil schärft. Wir als Jusos haben viele Ideen und wollen uns da einbringen. Wir hoffen einfach sehr, dass die SPD unser Angebot auch annimmt.

Aber mal ein bisschen Butter bei die Fische: Woran mangelt es der SPD konkret?

Uekermann Die SPD braucht eine klare Haltung und sie braucht vor allem mehr Mut. Gerade in der Großen Koalition läuft da sehr viel falsch. Für junge Leute wird zum Beispiel viel zu wenig getan. Insbesondere wenn es darum geht die Ausbildung zu verbessern. Bei der Mindestausbildungsvergütung oder auch bei der Beteiligung von jungen Menschen tut die Große Koalition zu wenig. Als Jusos fordern wir ein, dass die SPD Druck macht, damit da mehr passiert. Es ist auch kein Geheimnis, dass wir in letzter Zeit bei einigen Abstimmungen, die die SPD Bundestagsfraktion mitgetragen hat, nicht erfreut waren. Das betrifft insbesondere die Asylrechtsverschärfungen. Da wünschen wir uns von der SPD, dass sie klar an der Seite der Geflüchteten steht und Obergrenzen eine klare Absage erteilt.

Sie teilen nicht nur aus, sondern müssen auch viel einstecken: SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann bezeichnete Sie im Gespräch mit unserer Redaktion als "konsequent unsolidarisch und wirklichkeitsfern". Wie gehen Sie mit dieser harschen Kritik um?

Uekermann Als Juso-Vorsitzende kommt es vor, dass man auch mal ein paar Reibereien hat. Das halte ich aus.

Das ist schon ein bisschen mehr als nur "ein paar Reibereien". Ihr Verhältnis mit Sigmar Gabriel ist quasi nicht existent, heißt es aus SPD-Kreisen. Wie ist es überhaupt möglich bei so einem miesen Standing in der Partei etwas erreichen?

Uekermann Als Jusos sind wir die Zukunft der SPD. Wir sind ein großer Verband, der konsequent für die Interessen von jungen Menschen streitet und da auch kein Blatt vor den Mund nimmt. Viele in der Parteispitze waren früher selber als Jusos aktiv. Die wissen sehr genau, dass es Aufgabe eines Jugendverbandes ist die Mutterpartei zu treiben und einzufordern, dass sie mutig vorangeht. Deshalb mache ich mir überhaupt keine Sorgen über unser Standing in der Partei.

Aber die Mutterpartei scheint sich ja nicht wirklich für sie zu interessieren. Sigmar Gabriel war schon zum zweiten Mal nicht bei einem Bundeskongress dabei.

Uekermann Sorry, eine kurze Klarstellung: Das ist nicht das zweite Mal, dass er nicht dabei ist. Er ist dieses Jahr nicht gekommen.

Beim letzten Mal war auch nicht dabei.

Uekermann Ja gut, aber wir haben ihn beim letzten Mal auch nicht als Redner eingeladen, weil wir beim letzten Mal Yasmin Fahimi und Andrea Nahles da hatten. Das ist schon ein Unterschied.

Das Problem ist aber trotzdem da. Was wollen Sie denn machen, damit Ihre Kritik in Zukunft oben ankommt und auch bei Gabriel etwas bewirkt?

Uekermann An den Reaktionen sieht man doch, dass unsere Kritik angekommen ist. Es geht uns aber nicht nur um Sigmar Gabriel. Es geht uns darum, dass wir von der gesamten SPD einfordern, dass wir eine klare Haltung einnehmen und den Mut haben uns als moderne linke Volkspartei zu positionieren. Wir Jusos wollen die SPD vorantreiben, wir sind der Herzschrittmacher der Sozialdemokratie. Ich bin mir sicher, dass wir auf dem Bundesparteitag gut diskutieren, gute Beschlüsse fassen und gemeinsam vorangehen.

Sie sind bis 2017 als Juso-Vorsitzende wiedergewählt. Wie sieht Ihre politische Agenda für diese Zeit aus?

Uekermann Wir werden weiter für eine offene Gesellschaft streiten. Wir stehen klar an der Seite der Geflüchteten. Wir setzen uns gegen Asylrechtsverschärfungen ein und für einen schnellen Zugang zu Ausbildung, Arbeit sowie zu unserem Gesundheitssystem. Sie müssen eine Chance bekommen gut integriert zu werden. Ein weiterer Punkt sind Investitionen in unsere Zukunft. Wir brauchen mehr günstige Wohnungen, mehr Lehrerinnen und Lehrer und eine moderne Infrastruktur. Unsere Zukunft ist mehr wert.

Vassili Golod führte das Gespräch.

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