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Ende der Kreidezeit
Schüler und Schulen sollen digitaler werden

Johanna Wanka: Milliardenpaket soll Schulen digitaler machen
Tablets an Schulen sind momentan eher die Ausnahme. Doch das könnte sich bald ändern. FOTO: dpa
Düsseldorf. Ein Milliardenpaket der Bundesbildungsministerin soll deutsche Schulen auf den neuesten Stand digitaler Technik bringen. Doch Probleme gibt es nicht nur mit der Infrastruktur – fast überall herrscht Nachholbedarf. Eine Analyse. Von Markus Plüm

Fünf Milliarden Euro bis 2021 – nach dem Willen von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) sollen über 40.000 Grund-, Berufs- und weiterführende Schulen in der Republik durch diese Mittel die Möglichkeit erhalten, in ihre Digitalisierung zu investieren.

"DigitalPakt#D" nennt Wanka ihr Angebot und nimmt damit gleichzeitig die Länder in die Pflicht. Denn die Gelder fließen nur, wenn im Gegenzug die Länder dafür sorgen, dass mediale Lernkonzepte Einzug in die Lehrpläne halten und gleichzeitig Lehrer mit den notwendigen didaktischen Fähigkeiten ausgerüstet werden.

Deutschland in Sachen Medienkompetenz nur im Mittelfeld

Denn gerade an Medienkompetenz mangelt es in der Bundesrepublik. Zum einen fehlt Schülern das Wissen um verantwortungsvollen Umgang mit Medien und digitalen Endgeräten, zum anderen Lehrern die Fähigkeit, dieses Wissen auch korrekt zu vermitteln. Die große internationale Vergleichsstudie "ICILS" im Jahr 2013 ergab, dass sich Deutschland in Sachen Medienkompetenz noch hinter Tschechien oder Polen im Mittelfeld einreihen muss. Und in keinem anderen untersuchten Land wurden Computer seltener im Unterricht eingesetzt als in Deutschland.

"Digitale Bildung ist in Deutschland ein grundsätzliches Strukturproblem, das hauptsächlich in den Köpfen besteht", weiß Wilfried Bos vom Institut für Schulentwicklungsforschung an der Universität Dortmund. In diesem Zusammenhang wirken die Aussagen von Lehrerverbandspräsident Josef Kraus auch nicht weiter überraschend.

Schulen mit Laptops, Tablets und W-Lan auszustatten, bringe nichts – höchstens der Industrie, polterte Kraus nach Wankas milliardenschwerer Ankündigung. Er befürchtet, dass die bei Schülern ohnehin vorhandene Neigung, sich nur noch Häppchenwissen anzueignen, durch eine fortschreitende Schul-Digitalisierung nur noch verstärkt würde. Was Kraus allerdings bedenken sollte: Digitalisierung findet statt, ob er möchte oder nicht. Es bringt nichts, sich davor zu verschließen.

Lehrerausbildung muss sich modernen Gegebenheiten anpassen

Lag es also bislang an fehlenden finanziellen Mitteln oder doch eher an mangelndem Willen, dass deutsche Schulen in Sachen Digitalisierung hinterherhinken? "Es ist eine Mischung aus beidem", sagt Juliane Petrich vom Digital-Verband Bitkom. Für die Ausstattung mit digitalen Endgeräten und deren regelmäßige Wartung habe es bisher ganz klar an Geld gemangelt, aber gleichzeitig würden auch die Schulen nicht die Notwendigkeit der Digitalisierung sehen.

Der Digitalpakt bietet daher die Chance, diese mentalen Grenzen zu überwinden. Vor allem die Lehrerausbildung muss sich den modernen Gegebenheiten anpassen. Bislang schreiben nur wenige Universitäten ihren Lehramtsstudenten verpflichtende medienpädagogische Studieninhalte vor – entsprechende Vorlesungen und Seminare existieren meist nur als Wahl-Angebot.

Wenn also 81 Prozent der im Rahmen der Studie "Schule digital" befragten Lehrer sagen, dass das Studium besser auf den Einsatz digitaler Medien im Unterricht vorbereiten muss, sollte das als klares Signal verstanden werden. Ebenso vermissen viele ein qualifiziertes Fort- und Weiterbildungsangebot.

Lehrer in NRW alleingelassen

Besonders in Nordrhein-Westfalen fühlen sich die Lehrkräfte alleingelassen. Nur rund ein Viertel der hiesigen Lehrer fühlt sich bei der Integration digitaler Lern- und Lehrmittel in den Unterricht ausreichend unterstützt. Dementsprechend setzt auch nur rund jeder dritte Lehrer PC oder Tablet mindestens einmal pro Woche als Lehrmittel ein. Dabei sei das Weiterbildungsangebot in NRW gar nicht so schlecht, sagt Schulforscher Wilfried Bos: "Es dringt nur leider nicht bis zu den Schulen oder den Lehrern vor."

Lehrkräfte können sich in Kompetenzzentren zu Medienberatern fortbilden lassen und ihre Kenntnisse an die Schulen mitnehmen. Und auch das Projekt "Medienscouts" der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien setzt am richtigen Punkt an: Schüler erwerben das Wissen um den sicheren Medienumgang und werden dazu befähigt, dieses Wissen jüngeren Mitschülern zu vermitteln und sie bei Fragen zu unterstützen.

Doch trotz aller Bemühungen: Es bedarf weiterer Anstrengungen, um die Digitalisierung der Schulen auf gesunde, zukunftsfähige Beine zu stellen. Der Vorstoß der Bildungsministerin sei zwar ein "großer Schritt in die richtige Richtung", sagt Juliane Petrich. Doch die Zeit drängt.

Löhrmann: "Gut, dass der Bund seine gesamtstaatliche Verantwortung für die Bildung erkennt"

Laut Wanka müssen nun zunächst Beratungen und die Festlegung länderübergreifender Standards folgen. Die konkrete Umsetzung könnte dann in der kommenden Legislaturperiode beginnen, also ab Herbst 2017. "Die Ausstattung sollte schneller vorangehen. Das Ziel, bis 2021 alle Schulen digital aufgerüstet zu haben, ist in der digitalen Welt eine lange Zeit", sagt Petrich. Und Deutschland habe im Vergleich zu anderen Ländern schon Nachholbedarf.

Eine juristische Hürde scheint derweil bereits genommen: Eigentlich untersagt das Kooperationsverbot eine Einmischung des Bundes in die Ländersache Schulpolitik. Daher sollen die fünf Milliarden Euro auf Grundlage des Grundgesetz-Artikels 91c bereitgestellt werden, der die Zusammenarbeit von Bund und Ländern in Sachen Informationstechnik ermöglicht.

Verhaltene Zustimmung ist aus den Ländern aber bereits zu vernehmen, denn für sie wäre dieses "IT-Konjunkturprogramm" ein Segen. So sagte NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne): "Es ist gut, dass der Bund seine gesamtstaatliche Verantwortung für die Bildung erkennt." Und Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) ließ verlauten: "Wenn Frau Wanka über diese wackelige Brücke gehen will, werden die Länder sie da sicher nicht runterstoßen." Für die digitale Zukunft Deutschlands schon einmal keine schlechte Ausgangslage.

 
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