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Generationswechsel im Zentralrat: Juden in Deutschland – eine Momentaufnahme

VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 08.02.2010 - 18:59

Frankfurt/Main (RP). Charlotte Knobloch wird als Präsidentin des Zentralrats kein zweites Mal kandidieren. Mit ihr tritt auch die Generation der Holocaust-Überlebenden ab. Wie sieht die Zukunft des Judentums hierzulande aus?

Charlotte Knobloch nimmt Hans-Werner-Sinns Entschuldigung an.  Foto: ddp, ddp
Charlotte Knobloch nimmt Hans-Werner-Sinns Entschuldigung an. Foto: ddp, ddp

So groß der interne Zwist stets gewesen ist – die offizielle Verlautbarung vom Zentralrat der Juden in Deutschland wollte versöhnlich klingen und wirkte unbeholfen staatstragend: "Respekt und Anerkennung" zollten Charlotte Knobloch das Direktorium und das Präsidium des Zentralrats, die zuletzt so wenig Respekt und Anerkennung für ihre Präsidentin gezeigt hatten.

Auch sprachen sie ihr jenes "uneingeschränkte Vertrauen" aus, das die 77-Jährige viel zu oft in den eigenen Reihen vermissen musste. Knobloch wird auch darum ab November für eine zweite Wahlperiode nicht mehr zur Verfügung stehen. Bis dahin aber, so hieß es am gestrigen Tag, wolle sie ihr Amt ausüben.

Info

Würdigung

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat der Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, für ihre Lebensleistung gedankt. Sie verkörpere wie wenige andere im heutigen Deutschland das historische Gedächtnis des Judentums, sagte Westerwelle der 77-Jährigen, wie das Auswärtige Amt am Montag in Berlin mitteilte.

Es hat viel an Unterstützung gefehlt für die erste Frau an der Spitze der jüdischen Dachorganisation, die als Kind die Nazi-Zeit in der Obhut einer katholischen Familie in Franken überlebte, die seit 25 Jahren der Israelitischen Kultusgemeinde München vorsteht, die seit 2003 Vizepräsidentin des Europäischen Jüdischen Kongresses und seit fünf Jahren Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses ist.

Wie fragil ihre Position tatsächlich war, zeigten aber nicht die internen, wohldosiert nach außen getragenen Querelen. Offenbar wurde es erst mit der Ankündigung des scharfzüngigen Publizisten Henryk M. Broder (63), für das Präsidentenamt kandidieren zu wollen. Dass er dies bald darauf widerrief, machte sein Getöse nicht würdiger. Es entlarvte die Kandidatur als Possenspiel und zeigte nebenher, dass eine solche Clownerie mit dem höchsten Zentralratsamt offenbar möglich war.

Der Schriftsteller Maxim Biller liebt die Provokation. Quelle: ddp Foto: ddp

Henryk M. Broders PR-Gag war so nicht nur gegen Knobloch gerichtet, sondern gegen die jüdische Dachorganisation. Und wenn der Nachkriegsgeborene Broder fordert, dass die Leugnung des Holocaust bitte nicht mehr strafbar sein soll, so stemmt er sich damit auch gegen eine vermeintliche Routine der mahnenden Erinnerung und gegen ein jüdisches Selbstverständnis, das als Kern die Shoah versteht, die Vernichtung der Juden durch die Nazis.

Henryk M. Broder weiß – in unterschiedlichen Abstufungen der Polemik und des Intellekts – Mitstreiter an seiner Seite. Einer von ihnen ist der Comedian Oliver Polak, dessen Humor sich gerade aus der Übertretung jener moralischen Grenzen speist, die im Verhältnis von Deutschen und Juden grundlegend sind. So macht er in seinen Shows gern das Angebot, den Deutschen Hitler zu verzeihen, wenn diese den Juden Michel Friedman verzeihten. Nach erster Schockstarre ist in aller Regel die Heiterkeit beim Publikum recht groß. "Ich bin Jude, ich darf das", sagt der 35-jährige Polak und spielt mit einem moralischen Freifahrtschein für Juden in Deutschland.

Michel Friedman machte sich auch als verbissen-offensiv nachfragender TV-Journalist einen Namen. Foto: RPO

Ähnlich begreift auch der Schriftsteller Maxim Biller (49) sein Judentum: "Ich bin Jude, weil ich eines Tages merkte, wie sehr es mir gefällt, die anderen damit zu verwirren, dass ich Jude bin." Filme über Konzentrationslager, "in denen die Körper toter Juden von Baggern in Gruben geschoben werden", findet er "langweilig" und schaltet dann doch lieber um zu "Wer wird Millionär".

Die Aggressivität Friedmans, die Polemik Broders, die Comedy Polaks und die moralische Sabotage Billers werfen kleine Spots auf das deutsche Judentum der Gegenwart. "Es gibt kein einheitliches jüdisches Selbstverständnis", sagt Julius Schoeps, Direktor am Moses-Mendelssohn-Zentrum. Nach seinen Worten muss sich die deutsche Gesellschaft ohnehin damit abfinden, dass es ein deutsches Judentum nicht mehr geben werde.

Und das zuletzt starke Wachstum der Gemeinden mit dem Zuzug von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion? Der ist seit drei Jahren abgeschlossen und hat die Zahl der Juden hierzulande zwar von 28.000 Ende der 1980er Jahre auf derzeit 106 .000 in die Höhe schnellen lassen; doch ein deutlicher Rückgang ist absehbar: wegen der Überalterung vieler Gemeinden und der fortschreitenden Assimilation. Fast 80 Prozent der heiratenden Juden in Deutschland schließen die Ehe mit einem nichtjüdischen Partner und erziehen ihre Kinder auch nicht mehr im jüdischen Glauben.

In den nächsten 20 Jahren, so die Prognose von Schoeps, werden von über 100 jüdischen Gemeinde nur die fünf größten überleben. Ein "Phantomjudentum" sei es, dem die Deutschen aus schlechten Gewissen anhingen. Und das mehr und mehr Geschichte zu werden droht.

So gehört Charlotte Knobloch noch zur sogenannten Erlebnis-Generation der Shoah. Was aber, wenn die wichtigen Zeitzeugen nicht mehr leben, die KZ-Überlebenden nicht mehr vom Leid berichten können? Ist die Sooah dann nur noch historische Begebenheit? Das Erbe der Erinnerung ist wesentlich – für Deutschland und die Juden. Auch darum wird es vielleicht die größte Aufgabe von Knoblochs designiertem Nachfolger sein: für Dieter Graumann, der 1950 in Israel geboren wurde.

Quelle: RP

 
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