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Neue Rheingold-Studie
Jugend 2010 hat Angst vor Absturz

Rheingold-Studie: Die Jugend hat Angst
Rheingold-Studie: Die Jugend hat Angst FOTO: ddp
Köln (RP). Wenige Tage vor dem Erscheinen der Shell-Jugendstudie hat das Kölner Rheingold-Institut eine Untersuchung über die Befindlichkeit der 18- bis 24-Jährigen veröffentlicht. Ergebnis: Sie sind eine ängstliche Biedermeier-Generation. Von Ulli Tückmantel

Das zentrale Lebensziel erwachsen werdender Jugendlicher besteht darin, ein kleines Haus mit Garten oder eine Eigentumswohnung zu besitzen, bewohnt mit der eigenen Familien, den (beiden) Kindern und dem Hund. Zu diesem Ergebnis kommt Jugendstudie 2010, die das Kölner Rheingold-Institut am Wochenende veröffentlicht hat.

Die Forscher finden das Ergebnis alles andere als beruhigend: "Psychologisch verstehbar ist diese an die Ideale des Biedermeier erinnernde Lebens-Haltung nur vor dem Hintergrund einer veränderten Lebenswirklichkeit, die aus Sicht der Jugendlichen durch eine ungeheure Brüchigkeit und ständige Erschütterungen geprägt ist."

Das Lebensgefühl der Jugendlichen sei nicht mehr wie in den 70-er Jahren von einer lodernden Revolte gegen enge betonierte gesellschaftliche Verhältnisse geprägt, sondern von einer "schwelenden Absturz-Panik angesichts heillos offener, brüchiger Verhältnisse". Diese Brüchigkeit, Unzuverlässigkeit und Ohnmacht erzeuge bei den Jugendlichen eine verzweifelte Wut auf die chaotische Unbeständigkeit der Welt, die jedoch kaum kanalisiert werden könne.

Immer wieder erzählten die Jugendlichen über selbstzerstörerische Akte von Komasaufen bis zu Kleinkriminalität aus ihrer Teenager-Zeit und plötzlichen biografischen Wenden mit 16 oder 17 Jahren in ein Übermaß an Selbst-Kontrolle, Anpassung und Vernunft. Dies diene den Jugendlichen "als seelischer Rettungsfallschirm, der die panischen Absturz-Ängste bannen und die eigene Wut dämpfen soll".

Die Rheingold-Jugendstudie wird alle acht Jahre durchgeführt, finanziell unterstützt hat sie Ikea-Deutschland. Für die Studie führte das Institut 100 zweistündige psychologische Tiefeninterviews mit Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren in Köln, Berlin, München und Hamburg durch. 40 Prozent waren Auszubildende, 10 Prozent Studenten, 30 Prozent Angestellte und 20 Prozent Arbeiter. Die Studien des Instituts, das sich auf qualitative Markt- und Medienanalysen spezialisiert hat, gelten als sehr präzise.

Als wichtigste Bestandteile des "jugendlichen Rettungsfallschirms gegen die Absturz-Panik" haben die Kölner Psychologen neben einer regelrechten Ordnungs-Manie und freiwilliger Selbstkontrolle bis ins Sexualverhalten ein emsiges "Kompetenz-Hamstern" ausgemacht: "Die Auswahl des wichtigen Rüstzeugs entspringt nicht einem flammenden Interesse oder der Liebe zur Sache, sondern einer Rundumsorglos-Logik. Daher wissen die Jugendlichen mitunter auch nicht, ob und wann sie genug können. Immer bleibt die Sorge, es könnte noch eine Qualifikation fehlen."

Das "Hotel Mama" diene dieser Generation nicht nur zur simplen Bequemlichkeit, sondern einer existentiellen seelischen Stabilisierung. Von ihren Mütter erhofften sich die Jugendlichen bedingungslose Liebe – wie auch von den Medien: "Die Jugendlichen umhüllen sich regelrecht rund um die Uhr mit diversen Medien wie Radio, Fernsehen, Internet oder Handy, die meist sogar parallel genutzt werden. Kleine MP3-Player fungieren als mobile Ohrenschnuller, die einen draußen begleiten und umsäuseln."

Die permanente Absturz-Angst führe aber auch zur Ausgrenzung von Versagern: "Den Opfern und Verlierern der Gesellschaft wird nicht Mitleid oder Solidarität entgegengebracht, sondern Verachtung und Schmähung. Häufig selbst von Jugendlichen, die sich selbst als eher links oder als solidarisch charakterisieren.

Denn diese rigide Distanzierung von den Verlierern ermöglicht es ihnen, die Illusion eigener Kontrolle über das Lebens-Schicksal aufrecht zu erhalten." Insgesamt, so die Rheingold-Forscher, sei das für die Jugend typische Wechselspiel zwischen Ordnungs-Suche und anarchischer Rebellion derzeit blockiert, die Generation Biedermeier sehne sich in erster Linie nach Stabilität.

Der Generationskonflikt als Motor gesellschaftlicher Entwicklung werde daher nicht offen ausgetragen – und auf die nächste Jugendgeneration vertagt: "Die Jugend 2018 wird wieder entschiedener und klarer Position beziehen für ihre Lebensutopie."

Quelle: RP
 
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