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Interview mit Julia Klöckner
"Salz braucht keine Mindesthaltbarkeit"

Julia Klöckner von der CDU-Zukunftskommission: "Salz braucht keine Mindesthaltbarkeit"
Julia Klöckner, Vizevorsitzende der CDU. FOTO: HJB
Düsseldorf. Nachhaltigkeit auf dem Stundenplan, mehr Datenschutz auf dem Handy und einen anderen Umgang mit Lebensmitteln – das sind wichtige Punkte aus dem Ergebnispapier der CDU-Zukunftskommission unter Leitung von CDU-Vize Julia Klöckner. Sie selbst hat ihr Leben auch schon umgestellt, wie sie im Interview mit unserer Redaktion verrät.

Was hat Ihre Zukunftskommission erarbeitet?

Klöckner Wir haben zusammengetragen, was die Bedingungen für "gutes Leben" und langfristig gesicherten Wohlstand auch in Zukunft sind. Den Menschen ist nicht nur wichtig, ob das Bruttoinlandsprodukt steigt. Sie sorgen sich auch um ihre Altersvorsorge und die Auswirkungen ihres Konsums auf andere. Wenn wir faire Arbeitsbedingungen in anderen Ländern unterstützen wollen, dann dürfen wir nicht achtlos T-Shirts für zwei Euro kaufen.

Wie wollen Sie denn Verhaltensänderungen bewirken?

Klöckner Es ist ein Angebot, an dem sich die Verbraucher orientieren können. Denn der moralische Zeigefinger funktioniert im Alltag nicht. Wir Christdemokraten sind gegen einen Oberlehrer- oder Nanny-Staat. Wir setzen auf die Eigenverantwortung der Menschen, dazu benötigen sie aber auch die entsprechenden Informationen, wahre und klare Produktangaben für ihre Entscheidungen. Nachhaltigkeit steht auf drei Beinen: Ökologie, Ökonomie und Soziales. Die Ausgewogenheit ist wichtig, nur so gibt es Akzeptanz, nur so wird sie zu einem Gewinnerthema,

Zum Beispiel?

Klöckner Wenn jemand glaubt, ein Hemd für fünf Euro könnte unter fairen Bedingungen hergestellt sein, der irrt. Ein verständliches Kleiderlabel könnte bei der Kaufentscheidung helfen. Denn mit unserem Verhalten entscheiden wir ein Stück weit mit, wie es in anderen Ländern zugeht. Alltagskompetenzen, Informationen und Wissen sind wichtig, um dessen bewusst zu sein. Das fängt in der Schule an. Bundesweite Bildungsstandards machen Sinn, die festlegen, welche Kompetenzen in Sachen Ernährung, Lebensmittel, Finanzen, Vorsorge, digitaler Welt und nachhaltigem Konsum in bestimmten Klassenstufen vermittelt und erworben sein sollten.

Was muss der Verbraucher mehr wissen?

Klöckner Nehmen Sie elektrische Geräte: Man sollte beim Kauf sehen können, ob sie recyclingfähig sind, ob man sie reparieren kann und wie lange ihre Lebensdauer ist. Wer will, kann natürlich den alten Toaster behalten. Aber es ist interessant für den Geldbeutel und die Umwelt, wenn erkennbar wird, wann ein Austausch ökologisch vorteilhafter ist als die Weiternutzung des bisherigen.

Eine Mindesthaltbarkeit für Toaster?

Klöckner (lacht) nein, mitnichten. Aber ein gutes Stichwort für Lebensmittel. Das Mindesthaltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln wird von vielen verwechselt mit einem Verfallsdatum. Auch hier müssen wir für mehr Klarheit sorgen, um zu verhindern, dass zu viele Lebensmittel weggeworfen werden. Salz oder Zucker  verderben nicht bei ordentlicher Aufbewahrung. Bei Lebensmitteln, die haltbar sind, brauchen wir deshalb kein Mindesthaltbarkeitsdatum.

Wie sieht nachhaltigere Altersvorsorge aus?

Klöckner Wir setzen uns für Freibeträge bei der privaten und betrieblichen Vorsorge ein. Die Leistungen dürfen auch nicht vollständig auf die Grundsicherung angerechnet werden. Wenn die einen sich heute monatlich etwas abknapsen, um im Alter mehr zu haben, die anderen es lieber heute aufbrauchen, und am Ende bekommen alle dieselbe Grundsicherung, dann ist das kein Anreiz für nachhaltiges Denken und Wirtschaften. Da müssen wir etwas tun. Langfristiges Denken und Handeln muss sich auch lohnen.

Mehr Informationen können auch verwirren, wie etwa in langen AGB, die die meisten Menschen nur noch abhaken.

Klöckner Deshalb darf das Relevante in solchen Allgemeinen Geschäftsbedingungen auch nicht mehr irgendwo versteckt werden. Das Wichtigste muss in klarer und knapper Form vorangestellt werden, und Zusatzkosten müssen klar ausgewiesen sein. Der Verbraucher muss sich im Internet auf Augenhöhe informieren können und nicht erst durch 30 Seiten klicken. Das gilt auch für die den vorausschauenden Umgang mit seinen Daten. Dass er mit dem ersten Einschalten seines Handys oder seines Rechners gleichzeitig Apps aktiviert, die sein Verhalten scannen und von deren Aktivierung er gar nichts weiß, ist nicht akzeptabel. Diese Voreinstellungen müssen deaktiviert sein. Dazu wollen wir eine europaweite Initiative starten. Wer will, kann das alles nutzen, aber er muss es wissen, das verhindert ein achtloses Reinschliddern.

Es gibt schon viele Labels und Siegel zur Orientierung der Verbraucher.

Klöckner Ja, aber oft wissen die Verbraucher gar nicht, welche Kriterien dahinter stehen. Wir brauchen Umwelt- und Sozialsiegel, die auch vergleichbar sind. Wenn jeder sein eigenes entwirft, nutzt das gar nichts. Deshalb setzen wir uns für ein neues Meta-Label für Nachhaltigkeit ein, das Verbrauchern eine verständliche Orientierung ermöglicht. Außerdem brauchen wir europaweite Standards beim Tierschutz.

Fließen die Ergebnisse in eine neue CDU-Programmatik ein?

Klöckner Die Papiere der drei Zukunftskommissionen werden wir nun im Bundesvorstand und in der Mitgliedschaft breit diskutieren und dann beim Bundesparteitag im Dezember mit eventuellen Änderungen beschließen. Sie sind dann eine gute Grundlage für unser Bundestagswahlprogramm 2017.

Werden Sie vorher schon den Landtagswahlkampf in Rheinland-Pfalz damit bestreiten?

Klöckner Sicher auch. Ich möchte aus Rheinland-Pfalz das Silicon Valley von Deutschland machen. Neue Technologien, die sich auch für die Nachhaltigkeit rechnen, sind mir wichtig. Damit die Energiewende gelingt, muss Deutschland nachweisen, dass sich die Energie aus Sonne und Wind auch speichern lässt. In Rheinland-Pfalz sollten wir deshalb konzentriert in der Energiespeicherforschung aktiv werden. Mir geht es um das gute Leben in unserem Bundesland für Jung und Alt, dazu gehören intakte Landschaften, gut informierte Bürger und Wahlfreiheit.

Leben Sie selbst nun auch schon nachhaltiger?

Klöckner Ich gehe inzwischen anders einkaufen und frage mich oft, ob ich dieses oder jenes nun wirklich dringend brauche. Ich achte stärker auf regionale Produkte und schaue intensiver, wo Kleidungsstücke herkommen. Die Arbeit in der Kommission hat mich etwa beim Einblick in die Tierhaltung in Pelzfarmen in meiner Entscheidung gestärkt, keine echten Pelze zu tragen. Das will ich keinem verbieten. Aber jeder sollte schon wissen, wie einige der Felle gewonnen werden, um sich dann fragen zu können, ob er das mittragen will.

GREGOR MAYNTZ FÜHRTE DAS INTERVIEW

Quelle: RP
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