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Junge Alternative für Deutschland
Die jungen Milden

Junge Alternative für Deutschland: Die jungen Milden
"Wir sind die Mittelstandspartei", sagt nicht durch die AfD selbst, sondern auch ihr Nachwuchs, die Junge Alternative für Deutschland. FOTO: dpa, lix kno bwe
Köln/Rastatt. Vor den Landtagswahlen wirbt die Junge Alternative für Deutschland für die AfD – und legt großen Wert darauf, nicht rechts zu sein. Von Julia Rathcke

Die Partei-Flagge, man müsste eher sagen: das Fähnchen, ist aus der hintersten Sitzreihe kaum zu sehen. So klein ist der AfD-Wimpel neben dem Rednerpult an diesem Vortragsabend im Rheinland zum Thema "Vom Asylchaos zum Immobilien-Irrsinn". Vorne, prominent positioniert, ein Riesenbanner vom Mittelstandsforum NRW. Eine Partei für das Volk will sie sein, die Alternative für Deutschland (AfD).

"Wir sind die Mittelstandspartei", sagt auch ihr Nachwuchs, die Junge Alternative für Deutschland, kurz JA, und unterstützt ihre Mutterpartei für die Landtagswahlen am Sonntag in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt darin so gut sie kann - bei Stammtischen ohne Parolen, Wahlkampftouren ohne Kampfansagen und immer wieder mit der Betonung, rechtskonservativ, aber nicht rechts zu sein.

Nur das Kölsch entspricht dem Kneipenklischee

"Die Freiheit des Einzelnen hört da auf, wo die Freiheit des Anderen beginnt", sagt John-Lukas Langkamp jüngst bei einem Stammtisch der JA in Köln. Langkamp, grüne Hose, rosa Hemd und Halstuch, 20 Jahre alt und Erstsemesterstudent, stellt sich als Bonner Volkswirt und langjähriges JA-Mitglied vor. Es folgt ein 20-minütiger Wissenschaftsvortrag über Konservatismus, Etatismus und Liberalismus. Ein Stammtisch ohne Stammtischparolen? Das Einzige, was an diesem Abend dem Kneipenklischee entspricht, ist das Kölsch. Die Diskussionen scheinen anspruchsvoll, die meisten hier – Mitglieder oder noch nicht – studieren oder promovieren in Chemie, Wirtschaftspsychologie oder Ingenieurswesen.

Warum aber sind sie alle hier? "Ich bin auf der Suche nach Menschen, die meine Meinung teilen", sagt eine Studentin, die noch kein Parteimitglied ist, aber wohl eines werden will. Bekannte und Freunde würden sie immer wieder dafür verurteilen, was sie auf Facebook so verbreite. "Dabei ist das bloß die Wahrheit über all die Flüchtlinge, die gar nicht hier seien dürften." Ihr Freund lebe in Erfurt, er bekomme das tagtäglich mit.

Was ist mit den Hunderttausenden, die laut Genfer Flüchtlingskonvention ein Recht auf Asyl haben? "Ach, es ist doch belegt, dass die meisten nur ins Sozialparadies wollen", sagt die Studentin. Und die, die schon Parteimitglied sind? Die sind gegen den "Eurowahn" und die "permanente Enteignung durch den Staat", für die traditionellen Werte der Familie, für soziale Marktwirtschaft und mehr Patriotismus. Wollen Realpolitik machen, Steuern senken, GEZ abschaffen und so weiter. Sagen sie an diesem Abend.

"Man soll nicht alle herholen und zu Einwanderern machen"

Realpolitik machen heißt auch, ein Parteiprogramm zu haben. Was bei der AfD noch aussteht, hat die Junge Alternative bereits beschlossen und als "Programmatik" auf ihrer Homepage stehen, das von innerer Sicherheit über Europapolitik bis zum Tierschutz alle Themen abdeckt. Neben der Abschaffung des Euro, der GEZ, des Mindestlohns und des "Gender-Mainstreamings" fordert die JA ein Kopftuch- und Burkaverbot im öffentlichen Raum, die Wiedereinführung der Wehrpflicht und Autobahnen ohne Tempolimit.

Beim Thema Asyl setzt sie auf ein Punktesystem wie in Kanada. Asylbewerber sollen erst nach fünf Jahren Zugang zum deutschen Sozialsystem bekommen. Und "sogenannte Wohlstandsflüchtlinge" sollen durch "No-Way-Kampagnen" schon in Afrika davon abgehalten werden, sich auf den Weg nach Europa zu machen.

Aber es gibt auch Kriegsflüchtlinge, die weder aus Afrika noch aus Osteuropa kommen – sollte man die denn nicht hier integrieren, unterstützen, da Geld reinstecken, wie es auch in Kanada der Fall ist? "Man soll nicht alle herholen und zu Einwanderern machen", sagt Langkamp. "Erstmal sind sie Asylanten. Und sie sollen ja auch wieder in ihr Land zurück." Darüber scheint Konsens zu herrschen in der Jungen Alternative. Lieber Geld in die Heimat- oder deren Nachbarländer stecken, Hilfe zur Selbsthilfe.

"Hier sind einfach zu viele! Wir können nicht noch mehr gebrauchen, die nix leisten", sagt Langkamp. "Die wirklich Hilfsbedürftigen leiden doch unter den Massen." Diese Massen gerade, auch das sagen viele JA-Mitglieder, seien ja Wirtschaftsflüchtlinge, die nur nach Deutschland kämen, um mehr Sozialleistungen als anderswo zu bekommen.

Asylpolitik ist Nummer-eins-Wahlkampfthema

Doch laut Statistik des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kam seit Jahresbeginn über die Hälfte der Flüchtlinge aus Syrien, ein Viertel zusammengenommen aus Afghanistan und dem Irak. Asylsuchende aus den Westbalkanländern oder dem Maghreb sind gar nicht unter den Top-Fünf-Nationalitäten der Registrierungen. Aber auch darauf hat ein JA-Mitglied eine Antwort: "Die Flüchtlinge, auch die aus Syrien, haben einfach nicht unseren Bildungsstandard, das ist ja erwiesen. Ich kenne zum Beispiel einen Arzt aus Syrien, der wusste nicht einmal, wie man mit Messer und Gabel isst."

Die Asylpolitik ist natürlich Nummer-eins-Wahlkampfthema. Vorne im AfD-Flyer: Staatsgrenzen sichern, Aufnahmestopp, schnellere Abschiebung, kein Familiennachzug, das ganze Paket. 10.000 Flyer sind je Wahlkreis in Baden-Württemberg verteilt worden, ein Großteil von der JA NRW, die mit 250 von bundesweit 1000 Mitgliedern der größte Landesverband ist. Die "Wahlkampfkommandos" in den vergangenen Wochen hat Langkamp organisiert, jedes Wochenende eine andere Stadt, je ein Dutzend Mitglieder (größtenteils junge Männer), selbstfinanziert. Flyer, Infostände, Kneipenabende, Karaoke-Bars, schlechte Hotels. Ein bisschen wie Klassenfahrt.

Mit 18 Jahren Direktkandidat

Als John Langkamp Parteimitglied wurde, war er 17, noch Schüler und Lucke-Fan. Er sah den AfD-Vorsitzenden damals im Fernsehen und dachte: "Endlich mal jemand mit einer anderen Meinung zur Eurokrise." Er wollte dabei sein, Europa retten, wurde 2013 Parteimitglied und hielt Vorträge in der Schule. "Heute würde das ja nur schlechte Noten geben." Diese Entwicklung bringe ihn zum Nachdenken.

Jeder der JA-ler sei sich bewusst, worauf er sich einlässt: kaum Freizeit, Uni-Stress, viel Parteiarbeit, mitunter Anschuldigungen und Drohungen. Aber auch: Mitbestimmung, Verantwortung, Macht, Aufstiegsmöglichkeiten. Langkamp war mit 18 Direktkandidat in seiner Heimat Soest, ist jetzt stellvertretender JA-Bundesvorsitzender. Und Mitglied einer Burschenschaft in Bonn, die er aber aus der Parteipolitik der JA raushalten möchte.

Solche Schnittmengen gebe es häufig, meint der Rechtsextremismus-Forscher Alexander Häusler von der Fachhochschule Düsseldorf, auch mit der "identitären Bewegung" und der "neuen Rechten". Die Junge Alternative sei alles andere als liberal, vielmehr deutlich rechts von der CSU, auch deutlicher rechts als die AfD selbst. Je nach Zielgruppe würden sie nur vorsichtiger formulieren. "Reine Maskerade", sagt Häusler: Da müsse man sich nur die Interviews angucken, die sie rechten Medien wie der "Jungen Freiheit" oder der "Blauen Narzisse" geben. Die jungen Menschen seien nicht nur aus Karrieregründen bei der JA, auch aus Überzeugung.

"Wir sind nicht viele, aber wir sind sehr aktiv"

"Wir sind nicht viele, aber wir sind sehr aktiv", sagt Langkamp und steckt einen Flyer in die Briefkästen über dem Mülleimer, in dem offenbar schon einige der Blätter entsorgt worden sind. Vermutlich waren sie in der Straße schon, es ist noch früh, und der Kneipenabend war lang. Ein paar Hundert Flugblätter hier in Rastatt muss das Wahlkampfkommando vor der Wahl noch loswerden.

Es sei effektiver, die Wohngebiete zu versorgen. Und ruhiger: In zwei Stunden begegnen ihnen drei Bürger. Einer nimmt den Flyer kopfnickend an. Einer lehnt dankend ab, der Dritte lauthals: "Die Frau Petry schreit doch für den Führer! Ich bin nach dem Krieg geboren, ich weiß, wie das damals war! Mit Schusswaffen an Grenzen, NPD, AfD, ich will das alles nicht!"

Quelle: RP
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