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Nach Siegburger Foltermord: JVA: Angst vor Gewalt zum Fest

VON GERHARD VOOGT - zuletzt aktualisiert: 22.12.2006 - 10:30

Düsseldorf (RP). Nach dem Foltermord von Siegburg sind die Bediensteten in den NRW-Gefängnissen besonders wachsam. Weihnachten fällt vielen Häftlingen die Decke auf den Kopf. Vergünstigungen sollen Aggressionen verhindern.

Klaus Schweinhagen ist der stellvertretende Leiter der Justizvollzugsanstalt in Geldern. Wenn der 54-Jährige, der lange Jahre als Anstaltspsychologe gearbeitet hat, sich heute ins Weihnachts-Wochenende verabschiedet, hinterlässt er seine Handy-Nummer im Gefängnis. „Vorsichtshalber“, sagt Schweinhagen. „Es kann sein, dass ich gebraucht werde. Die Weihnachtstage sind für viele Häftlinge eine kritische Zeit.“

In den NRW-Gefängnissen sitzen über Weihnachten rund 15100 Häftlinge ein. Während ihre Familien feiern, bekommen viele Inhaftierte in ihren Zellen den „Blues“. „Depressive Verstimmungen kommen in dieser Zeit häufiger vor“, sagt Schweinhagen. „Die Verzweiflung schreit in die Nacht“, berichtet Reiner Spiegel, katholischer Gefängnispfarrer in der JVA Düsseldorf.

Die Gefängnischefs versuchen, die gedrückte Stimmung, die oft in Aggressionen mündet, durch Vergünstigungen zu entspannen. „Bei uns gibt es Heiligabend Wildschweingulasch mit Klößen und Preiselbeeren zu essen“, sagt Schweinhagen. Am ersten Weihnachtstag wird in der JVA Geldern Gänsekeule serviert, am zweiten Zigeunerschnitzel.

Nicht nur gutes Essen soll die Melancholie vertreiben. In allen Gefängnissen finden Gottesdienste statt. In Geldern wird es zum Fest zusätzliche Besuchszeiten für Angehörige geben. Die JVA Düsseldorf hat den Häftlingen erlaubt, sich vor dem Fest mit Kaffee und Zigaretten einzudecken. In der JVA Heinsberg, in der rund 300 jugendliche Strafgefangene einsitzen, wird es kleine Weihnachtsfeiern in den Wohngruppen geben.

In den Jugendgefängnissen sind die Bediensteten in diesem Jahr besonders wachsam. Nach dem Foltermord am dem Häftling Hermann H. in der JVA Siegburg werden dort auch an den Feiertagen nicht mehr als zwei Häftlinge alleine auf eine Zelle gelassen. „Ein herber Einschnitt“, sagt der neue Anstaltsleiter Michael Thewalt, „früher wurde an den Weihnachtstagen Skat gespielt. Das ist aus Sicherheitsgründen nicht mehr möglich.“

An den Feiertagen gilt für die Bediensteten der Wochenend-Schichtplan. Da möglichst viele Angestellte das Weihnachtsfest mit ihren Familien feiern sollen, ist die Wachmannschaft in der Haftanstalt nur dünn besetzt. Das Abendessen wird schon am Nachmittag ausgegeben. „Wir bieten aber zusätzliche Sportstunden an, um die Häftlinge über das Fest zu bringen“, sagt Anstaltsleiter Thewald.

„Gewalt unter den Gefangenen im Strafvollzug des Landes Nordrhein-Westfalen“ - so lautet der Titel einer Studie, die Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) heute in Düsseldorf vorstellen will. Als Zwischenergebnis wurde bereits bekannt, dass Gewalttaten am häufigsten nicht in der Zelle, sondern in Gemeinschaftseinrichtungen begangen werden. „Oft reicht eine kleine Provokation, um eine Schlägerei auszulösen“, sagt Willi Kroh, stellvertretender JVA-Chef in Heinsberg. „Fast alle Jugendlichen, die bei uns einsitzen, sind in ihrer kriminellen Karriere durch besondere Gewaltbereitschaft aufgefallen.“ 80 Prozent der Delikte, die in Gefängnissen verübt werden, sind Körperverletzungen.

Mehr als die Hälfte der Täter ist unter 25 Jahre alt, heißt es in der Untersuchung der Justizministerin. Während sich Langzeitgefangene oft mit ihrer Situation arrangiert hätten, brächten die Jüngeren ihr „Macho-Gehabe“ von außen mit, erklärt Klaus Schweinhagen. „Sie sind in der Welt des Gefängnisses noch nicht richtig angekommen. Das führt zu Konflikten.“

In Geldern sind vor allem Häftlinge, die weniger als zwei Jahre einsitzen müssten, auffällig. „Oft führt massiver Drogenmissbrauch zu psychischen Veränderungen“, sagt Wolfgang Wermke, Leiter der JVA Remscheid. „Die Betroffenen rasten aus, wenn sie sich angegriffen fühlen.“

Gewalt richtet sich nicht nur gegen Mithäftlinge, sondern auch gegen die Bediensteten der Haftanstalten. In der JVA Düsseldorf wurde jüngst ein Mitarbeiter bei der Essensausgabe mit einem Faustschlag angegriffen. „Die Attacke kam völlig unerwartet“, berichtet Anstaltsleiter Bernhard Lorenz. „Der Vorfall zeigt, dass man immer auf der Hut sein muss.“

Quelle: Rheinische Post

 
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