Interview mit Erika Steinbach: "Kaczynski abwählen"
VON DAS INTERVIEW FÜHRTE STEFAN REKER - zuletzt aktualisiert: 28.10.2006 - 15:59Düsseldorf (RP). Das deutsch-polnische Verhältnis ist gespannt. Am Montag kommt Regierungschef Kaczynski nach Berlin. Die Vertriebenen-Präsidentin, Erika Steinbach, rät ihm gegenüber zur Zurückhaltung.
Der polnische Ministerpräsident Kaczynski kommt am Montag als Staatsgast nach Berlin. Rechnen Sie damit, dass er wieder Vorwürfe gegen Ihr Projekt eines Zentrums gegen Vertreibungen im Gepäck hat?
Steinbach: Es gibt ja fast nichts, worüber man sich in Warschau derzeit nicht ereifert. Es gibt kaum einen Themenkreis, in dem von polnischer Regierungsseite nicht irgendein Angriff gegen Deutschland gefahren wird. Da ist das Thema Vertreibung nur eines von vielen - etwas, mit dem man im eigenen Lande Emotionen wecken will. Aber es steht in einer Reihe mit zahlreichen anderen Problemfeldern, die Polen sich selber aufgebaut hat.
Sehen Sie eine Chance, mit dieser Warschauer Regierung die deutsch-polnischen Beziehungen weiter zu entwickeln?
Der klügste Rat, den wir uns in Deutschland selber immer wieder geben müssen - auch wenn es manchmal wirklich schwer fällt - ist, Gelassenheit zu bewahren und das, was sich in der polnischen Regierung abspielt, überwiegend unkommentiert zu lassen.
In der Hoffnung, dass die Polen sich möglichst bald selbst eine bessere Regierung wählen?
In der Hoffnung, dass sich die Polen selber eine andere Regierung wählen. Derzeit ist das offenbar nicht möglich, weil Rechtsextrem und Rechtsradikal sich wieder zusammengeschlossen haben - also eine Mischung, die wir uns in Deutschland niemals wünschen. Aber man kann erkennen, dass diese Regierung in der Breite der polnischen Bevölkerung keine Mehrheit mehr hat. Denn die Umfragen zeigen, dass bei Wahlen eine andere Regierung gewählt würde. Gerade deshalb gibt es ja jetzt keine Neuwahlen.
Erklärt dieser Hintergrund auch die radikalen Töne aus Polen?
Diese Radikalisierung in der Sprache schadet am Ende den Regierenden selbst, das zeigen die Umfragen deutlich. Denn die Masse der Polen ist sehr vernünftig. Es gibt auch sehr viele freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen mit deutschen Heimatvertriebenen. Unsere Landsmannschaften und Landesverbände haben rege Kontakte zu polnischen Kommunen; auch zu Menschen, die heute in den Häusern leben, in denen früher Deutsche gelebt haben. Im alltäglichen Miteinander der Menschen funktioniert vieles wunderbar. Das hat sich nur noch nicht bis zur politischen Spitze in Warschau herumgesprochen. Da kultiviert man lieber Ressentiments, die gottseidank kaum Resonanz in der Bevölkerung finden. Ich erlebe tagtäglich, dass es gegenseitiges Verständnis für unterschiedliche Schicksale gibt. Das beruhigt mich auf der anderen Seite dann auch wieder.
Was wird aus der vielbeachteten Vertreibungs-Ausstellung „Erzwungene Wege”, die jetzt in Berlin ihre Pforten schließt?
Steinbach Wir werden daraus eine Wanderausstellung machen, die bis zum Ende des ersten Quartals 2007 starten kann. Es liegen schon Anfragen aus deutschen Städten und auch aus dem Ausland vor. Ich bin sehr glücklich über die glänzenden Zahlen von rund 60000 Besuchern, darunter mehr als 110 Schulklassen. Das Thema findet Eingang in den Unterricht, was mich sehr freut.
Woher kommen die ausländischen Anfragen?
Wir haben Anfragen beispielsweise aus Italien und aus Finnland. Die Ausstellung ist in Finnland geradezu euphorisch besprochen worden, weil die vertriebenen finnischen Karelier sonst erleben, dass ihr Schicksal in Europa gar nicht bekannt ist. Auch, dass es vertriebene Italiener gegeben hat, an denen nach dem Zweiten Weltkrieg im Grenzgebiet zu Jugoslawien sogar Massenmorde begangen wurden, ist vielen in Europa gar nicht bewusst. Darüber und über viele andere Vertriebenen-Schicksale sollen die Ausstellung und später das Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin informieren. Die deutschen Heimatvertriebenen haben sich damit in Solidarität an die Seite anderer europäischer Opfer von Genozid und Vertreibung gestellt.
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