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Kanzlerkandidatur 2017
Angela Merkel entschied sich erst vor wenigen Tagen

Kanzlerkandidatur 2017: Angela Merkel entschied sich vor wenigen Tagen
Die Vereidigungen der Angela Merkel. FOTO: Zörner
Berlin. Lange habe sie überlegt - doch jetzt hat Angela Merkel ihre vierte Kanzlerkandidatur angekündigt. Als unersetzlich will sie aber nicht gelten. Von Eva Quadbeck

Eine Viertelstunde, bevor Angela Merkel vor die Presse trat, versammelten sich die CDU-Vorstandsmitglieder auf der Ballustrade im ersten Stock des Adenauer-Hauses und schauten auf die Dutzenden von Kameras und Reportern hinunter. Die Atmosphäre erinnerte ein wenig an einen Schulausflug, kurz bevor der Bus abfährt. Als Merkel kam, applaudierten sie kräftig.

Die gelöste Stimmung war der Nachricht des Tages geschuldet, dass Merkel "noch einmal", wie sie es selbst formulierte, als Kanzlerkandidatin antreten und Parteichefin bleiben will. Die Parteigremien nahmen Merkels Entscheidung sogar mit "Riesenerleichterung" auf, wie ein Vorstandsmitglied sagte. Erfreut und kampfesmutig sei die Stimmung gewesen, sagte ein Präsidiumsmitglied. Dabei sei allen bewusst gewesen, dass 2017 ein schwieriger Wahlkampf werde.

Über die nahenden Auseinandersetzungen mit Anfechtungen von rechts und links sagte Merkel: "Wir werden sie unter Demokraten führen und im Ton von Demokraten". Sie kündigte auch an, sie werde einen Wahlkampf führen, der sehr anders sein werde, als die bisherigen Wahlkämpfe. Diese Aussage darf als Absage an die bewährte CDU-Strategie gewertet werden, wonach die Anhänger des Gegners mit einer "Alles-ist-gut"-Botschaft demobilisiert wurden.

"Es wäre ein Witz gewesen, hätte Merkel hingeworfen" FOTO: qvist /Shutterstock.com/Retusche RPO

"Stunden über Stunden" nachgedacht

Aus Merkels Kindheit ist die Anekdote bekannt, dass sie vor dem ersten Sprung vom Dreimeterbrett immer wieder gezögert hat. Hin und zurück, nachgedacht, hinuntergeschaut und wieder hin und zurück. Am Ende ist sie doch gesprungen. So ähnlich muss es ihr bei der Entscheidung zur vierten Kanzlerkandidatur gegangen sein. Hinter verschlossenen Türen erklärte sie ihren Parteifreunden, sie habe "Stunden über Stunden" darüber nachgedacht.

Wie Teilnehmer der Vorstandssitzung weiter berichteten, schilderte Merkel, dass ihre Entscheidung tatsächlich erst in den vergangenen Tagen gefallen sei. "Ich brauche lange und die Entscheidungen fallen spät", sagte sie am Sonntagabend vor der Presse. Die größte Hürde für Merkels Ja zu einer Kanzlerkandidatur ist offenbar der Streit mit der CSU gewesen, wie auch Teilnehmer Merkels Ausführungen wiedergaben. Als Triebfeder, warum sie doch wieder antritt, sagte sie in dem Gremium unter anderem, sie wolle die "Ernsthaftigkeit der Politik und der Demokratie dem Populismus" entgegenhalten.

Für Ihre Entscheidung dürften sie neben der Auseinandersetzungen der Schwesterparteien die innen- wie die außenpolitische Lage und die gesunkenen Umfragewerte beschäftigt haben. Das Umfragetief, in das Merkel infolge der Flüchtlingskrise geraten war, ist allerdings nicht die einzige Beliebtheitsdelle ihrer Kanzlerschaft. Als die Bundesregierung die Euro-Rettungspakete beschloss, stand sie ebenso im Hagel der Kritik wie zu Zeiten der schwarz-gelben Gesundheitsreform. Doch weder die Euro-Rettung noch die Gesundheitsreform drohten die Gesellschaft auseinanderzutreiben, wie dies aktuell in der Debatte um Flüchtlinge, Integration, Wohlstandssicherung und innere Sicherheit der Fall ist.

Nach der langen Phase reiflicher Überlegung zögerte Merkel am Sonntag dann nicht mehr. Um 13 Uhr trat das Präsidium zusammen. Eine gute Viertelstunde später war durchgesickert, dass sie erneut als Kanzlerkandidatin und Parteichefin antreten möchte. Am Nachmittag kam auch der CDU-Vorstand zur Klausursitzung zusammen. Im Mittelpunkt stand die Beratung für den Leitantrag zum CDU-Parteitag am 6. und 7. Dezember in Essen. Das 17-seitige Papier wiederum soll die Grundlage für den CDU-Wahlkampf werden.

Steuerentlastungen als wichtigste Forderung

Die wichtigsten Forderungen im Leitantrag sind steuerliche Entlastungen kleiner und mittlerer Einkommen sowie für Familien. Zudem sollen mehr Ausgaben für innere und äußere Sicherheit getätigt werden. In der Flüchtlingsfrage legt die CDU fest, dass sich eine Situation wie 2015 nicht wiederholen darf. Diese Aussage vermeidet einen Gesichtsverlust Merkels im Streit mit der CSU um die Flüchtlingspolitik, wird in ihrer Deutlichkeit die Schwesterpartei CSU aber freuen.

In den vergangenen Wochen wurde die Frage, ob Merkel noch einmal antritt, immer mehr zum Katz- und Maus-Spiel zwischen ihr und den Medien. Mal direkt, mal raffiniert auf ihre Zukunftspläne angesprochen, gab die Kanzlerin stets die Antwort, sie werde dies zum "gegebenen Zeitpunkt" sagen.

Zustimmung aus der eigenen Partei

Aus ihrer Partei meldeten sich in den vergangenen Wochen etliche prominente Stimmen zu Wort, die sie zur erneuten Kandidatur aufforderten. Dazu gehörten die CDU-Vize-Chefs Julia Klöckner, Armin Laschet und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen - auch Saarlands Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer äußerte sich entsprechend. Sibyllinisch blieb in dieser Frage allerdings Finanzminister Wolfgang Schäuble, der als möglicher Kandidat galt, sollte Merkel nicht noch einmal antreten.

Selbst die amerikanischen Medien hatte Merkel schon neugierig gemacht. Beim Besuch des scheidenden US-Präsidenten Barack Obama wollte ein US-Journalist der Nachrichtenagentur Reuters wissen, ob Merkel noch einmal antreten solle. Obama ließ es in seiner Antwort an Klarheit nicht fehlen. "Wenn ich Deutscher wäre, wäre ich ihr Anhänger. Ich würde sie wählen", sagte er. Über diese Worte freute sich Merkel für alle sichtbar. Indirekt bat Merkel aber auch darum, dass man von ihr nicht zu viel erwarte. "Wie es auf mich ankommt, das ehrt mich zwar, ich empfinde es aber auch als grotesk", sagte sie. Kein alleine könne die Dinge zum Guten wenden, auch nicht die Bundeskanzlerin.

Quelle: RP
 
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