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Zum 50. Todestag: "Karl Arnold - das soziale Gewissen der CDU"

VON ANGELA MERKEL - zuletzt aktualisiert: 21.06.2008 - 12:21

Berlin (RP). Karl Arnold war einer der Gründungsväter der CDU, er war Mitbegründer des Deutschen Gewerkschaftsbundes, erster frei gewählter Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens und erster Bundesratspräsident. Eine klassische Politikerkarriere - könnte man aus heutiger Sicht bilanzieren. Aber das wird Karl Arnold nicht gerecht. Erst ein Blick auf die Persönlichkeit hinter diesen Ämtern zeigt uns seine Bedeutung, damals und heute.

Karl Arnold gehörte zu den Politikern, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg an entscheidender Stelle prägten.  Foto: RP/Repro: Busskamp
Karl Arnold gehörte zu den Politikern, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg an entscheidender Stelle prägten. Foto: RP/Repro: Busskamp

Aus einfachen Verhältnissen stammend, verließ der Vierzehnjährige die Volksschule und machte eine Lehre als Schuhmacher. Er hätte sein Leben lang ein geachteter Schuster in seiner schwäbischen Heimat sein können. Doch er lieh sich Bücher, besuchte Schulungsveranstaltungen des Katholischen Gesellenvereins und Kurse der Sozialen Hochschule Leohaus in München.

In der schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die dem Einzelnen nicht annähernd die Chancen bot, wie es unser Bildungssystem heute tut, schaffte er mit Mut, Neugier und Fleiß den Einstieg in ein völlig anderes Leben. Er schaffte den gesellschaftlichen Aufstieg hin zu einer Zukunft gestaltenden Persönlichkeit. Diese Persönlichkeit, viel mehr als seine Ämter, ist es, die uns heute noch beeindruckt.

Alle Kraft in den Wiederaufbau

Wenn es heute darum geht, aus Deutschland eine Bildungsrepublik zu machen, in der Chancen zum Einstieg und Aufstieg für jedermann im Mittelpunkt stehen, dann geht es genau darum: die Befähigung, seine Talente zu nutzen, die Verantwortungsfreudigkeit und die Durchlässigkeit der Gesellschaft.

Es ist ermutigend, wie weit sich der Wirkungskreis eines einzelnen Menschen erstrecken kann. Karl Arnolds Radius erweiterte sich stetig - von der Mithilfe auf dem elterlichen Hof in Herrlishöfen zum Engagement in der Jugendorganisation der Zentrumspartei in Biberach und später in der CDU in Düsseldorf, wo er nach dem Krieg Oberbürgermeister und ein Jahr später Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen wurde.

Er steckte alle Kraft in den Wiederaufbau des jungen Landes und bemühte sich mit großem Erfolg um das Zusammenwachsen der unterschiedlichen Landesteile mit ihren eigenen Traditionen und Mentalitäten. Er gab entscheidende Anstöße zur Gründung der Montanunion, des Beginns der europäischen Einigung. Wenn wir in diesem und dem nächsten Jahr das sechzigjährige Gründungsgeschehen der Bundesrepublik feiern, dann gehört Karl Arnold als einer der Gründungsväter unverzichtbar dazu.

Grundlagen in der katholischen Soziallehre

Er fand die Grundlagen für sein Wirken in seinem Glauben und der katholischen Soziallehre. Zugleich war er tief davon überzeugt, dass es einer christlich-demokratischen Volkspartei bedarf, die den Brückenschlag zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Schichten schafft. So half er an entscheidender Stelle mit, bei der Gründung der CDU Standesgrenzen ebenso zu überwinden wie konfessionelle Schranken.

Er hat damit dem Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft als Ganzes nach den Zerstörungen des Krieges große Dienste erwiesen. Heute wirken neue Fliehkräfte auf unsere Gesellschaft ein, aber die Aufgabe, durch das Überwinden von Schranken und den Blick auf das Ganze vor seinen Teilen den Zusammenhalt zu stärken, diese Aufgabe ist unverändert gültig.

Man sagt Karl Arnold nach, das soziale Gewissen der CDU verkörpert zu haben. Tatsächlich gehörten Partnerschaftlichkeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, eine breite Eigentums- und Vermögensbildung und Gerechtigkeit zu den Themen, die ihm am meisten am Herzen lagen. Wenn wir heute einen neuen Anlauf zur breiteren Verankerung von Investivlohn und Arbeitnehmerbeteiligung unternehmen, dann nehmen wir damit einen seiner zentralen Ansätze auf, der in den vergangenen Jahrzehnten zu stark an den Rand gedrängt worden war.

Auch heute bleibt richtig, was er damals wusste: Eine sozial gerechte Politik ist etwas grundlegend anderes als die Befriedigung möglichst vieler Einzelinteressen. Gerechtigkeit war für ihn stets mehr als eine populistische Worthülse und nicht in Euro und Cent zu beziffern. Eine sozial gerechte Politik schafft vielmehr den Rahmen für gelebte Solidarität und Menschlichkeit und damit die Voraussetzungen für eine eigenverantwortliche Lebensgestaltung. Das ist ein hoher Anspruch. In den Worten Karl Arnolds: „Gerechtigkeit erfordert Wahrheit gegenüber sich selbst und anderen.“


 
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