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Gipfel in Bonn
Klimawandel - aus der Perspektive der Fidschi-Inseln

Gipfel in Bonn: Klimawandel - aus der Perspektive der Fidschi-Inseln
Der Präsident der Fidschi-Inseln, Frank Bainimarama, und Umweltministerin Barbara Hendricks erhalten ein Willkommensgetränk von einem Ureinwohner der Inseln. FOTO: ap, MM
Bonn. Die Weltklimakonferenz ist am Montag in Bonn gestartet. Zwölf Tage lang sprechen die Unterhändler unter der Präsidentschaft der Fidschi-Inseln nun über die Zukunft des Klimaschutzes. Dabei gibt es überraschende Begegnungen. Von Lutz Warkalla

Einen kleinen Moment ist Barbara Hendricks dann doch etwas verunsichert. Da sitzt die Bundesumweltministerin am Montagvormittag bei der Eröffnung der Klimakonferenz auf dem Podium im großen Saal des Bonner Kongresszentrums neben dem Präsidenten von Fidschi, Frank Bainimarama, als ihr plötzlich eine überdimensionale Kette überreicht wird. Was tun damit? Diese Frage zeichnet sich kurz in ihrem Gesicht ab, bevor eine hilfreiche Hand sie erlöst und ihr die Kette abnimmt.

Unten im Saal haben sich junge Männer aus Fidschi in Baströcken und mit bunten Ketten aus Stroh um den Hals um eine große Schüssel aus Holz versammelt. Sie trommeln, stoßen laute Rufe aus und fabrizieren ein Getränk: Bula - auf Fidschi "Willkommen".

Es ist das erste Mal, dass ein kleiner Inselstaat die Präsidentschaft bei Klimaverhandlungen innehat, und allein mit dieser Tatsache verbinden sich hohe Erwartungen auf einen Perspektivwechsel, der eine neue Dynamik in die internationale Klimapolitik bringen könnte. Denn den kleinen Inselstaaten im Pazifik steht das Wasser buchstäblich bis zum Hals - sie gehören zu jenen Ländern, die schon jetzt am meisten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffen sind. Gelingt es nicht, den Anstieg der Erderwärmung auf weniger als zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen, werden die Ozeane die Inseln verschlingen.

"Paris war das Grundgesetz, jetzt kommt das komplizierte Kleingedruckte"

Kein Wunder, dass Bainimarama das im Pariser Klimaabkommen von 2015 verankerte Zwei-Grad-Ziel in der Regel gar nicht erst anspricht - für ihn sind 1,5 Grad das Maß der Dinge: "Das ist das Minimum, was wir erreichen müssen." Die Notwendigkeit, schnell zu handeln, sei unübersehbar. 2016 sei ein Rekordjahr an Treibhausgasemissionen gewesen. "Unser Job ist es, darauf Antworten zu finden", appelliert er.

Die Bonner Klimakonferenz ist mit bis zu 25.000 Teilnehmern die größte internationale Konferenz, die je in Deutschland stattgefunden hat. Die Aufgaben, die vor den Delegierten liegen, sind klar: Es gilt, das Pariser Klimaabkommen umzusetzen. "Paris war das Grundgesetz, jetzt kommt das komplizierte Kleingedruckte", erklärt Umweltminister Hendricks. In Bonn soll ein Regelbuch entworfen werden, in dem festgelegt ist, wie die Umsetzung der nationalen Klimaschutzziele gelingen kann.

Würde es bei den derzeitigen nationalen Klimaschutzzielen bleiben, läge das Zwei-Grad-Ziel in weiter Ferne. Die neuesten Studien sprechen von einer Erderwärmung von drei bis vier Grad. Auch Deutschland liegt nicht auf Kurs, wie die Umweltministerin offen einräumt: "Das Ziel, die Emissionen um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu reduzieren, stammt aus dem Jahr 2007. Jetzt sehen wir, dass maximal 32,5 Prozent möglich sind."

Erneut 50 Millionen Euro für den Klima-Anpassungsfonds

Auf 38 Prozent könne man kommen, wenn die richtigen Weichen gestellt werden, sagt sie mit Blick auf die Jamaika-Sondierungen: "Die neue Regierung muss 2018 Entscheidungen zum Kohleausstieg treffen, das steht so im Klimaschutzplan, den wir beschlossen haben." Klimaschutz dürfe kein Schreckgespenst sein, mahnt Hendricks. Vor allem aber: Ein Ausstieg aus der Kohle dürfe nicht Anlass für andere Bereiche wie Verkehr und Landwirtschaft sein, sich zurückzulehnen, und nichts mehr für den Klimaschutz zu leisten. Langfristig bleibt es beim Ziel, den CO2-Ausstoß Deutschlands bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) will dabei mitmachen: "Wir rütteln nicht an Paris." Aber eine klare Aussage zum Kohleausstieg scheut er. Für den Entwicklungsminister ist Klimaschutz auch eine Frage der Gerechtigkeit. Er begründet das mit einem Beispiel: In den Industrienationen betrage der Ausstoß an CO2 pro Kopf und Jahr 9,5 Tonnen, in Ländern wie Äthiopien weniger als eine Tonne.

Und so überrascht es nicht, dass sowohl Müller als auch Hendricks gestern neues Geld zusagten, um arme Länder bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen. Müllers Entwicklungsministerium gibt 50 Millionen Euro in den "Least Developed Countries Fund". Hendricks verkündete zudem, dass die Bundesrepublik erneut 50 Millionen Euro für den Klima-Anpassungsfonds zur Verfügung stellt. Mit dann insgesamt 240 Millionen Euro ist Deutschland der größte bilaterale Geber für den Fonds, der vor allem von Entwicklungsländern geschätzt wird.

Es war ein wohlgesetztes Zeichen von Hendricks, denn die Finanzfragen gehören neben dem Regelbuch zu den großen Themen der Konferenz. Und der Anpassungsfonds steht dabei ganz oben auf der Tagesordnung. Damit der Fonds dauerhaft etabliert wird, müsste er ins Pariser Abkommen überführt werden.

Ein anderes Erfolgserlebnis hatte die Klimaschutzgemeinde schon vor der Konferenz: Die Sorgen, dass die Ankündigung von Donald Trump, aus dem Pariser Abkommen auszusteigen, einen Dominoeffekt auslösen könnte, haben sich als gegenstandslos erwiesen. Viele US-Vertreter sind nach Bonn gereist. Ohnehin stellt sich bei diesem Thema ein Déjà-Vu-Effekt ein: Im Sommer 2001, als in Bonn auf der sechsten UN-Klimakonferenz der Weg für die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls freigemacht werden sollte, war George W. Bush einige Monate zuvor aus dem Klimazug ausgestiegen.

Quelle: RP
 
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