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Kolumne: Berliner Republik
Angst vor dem Last-Minute-Wähler

Berlin. Die Strategen für den Bundestagswahlkampf sind in einer schwierigen Lage: Etwa jeder dritte Wähler entscheidet erst ganz kurz vor dem Urnengang. Von Eva Quadbeck

Ihre Wahlversprechen horten die Parteien inzwischen wie Eichhörnchen die Nüsse vor einem langen kalten Winter. Vor allem Union und SPD rüsten sich mit dieser Taktik für den kurzen heißen Wahlkampfsommer. Immer mehr Wähler treffen ihre Entscheidung erst kurz vor der Wahl. Etwa jeden dritten Wähler zählen die Demoskopen inzwischen zu den Unentschlossenen, die erst kurz vor dem Gang zur Wahlurne entscheiden. Zudem existiert ein Reservoir von rund sechs Millionen Nichtwählern, die angesichts der gestiegenen Mobilisierung voraussichtlich wieder ein Kreuz machen werden. Offen aber ist, für wen sie sich nach einer Phase der Politik-Abstinenz entscheiden.

Für die Strategen in den Wahlkampfzentralen ist es schwierig, mit dieser Ausgangslage umzugehen. Mit von langer Hand geplanten Kampagnen ist ein relevanter Teil der Wähler nicht zu erreichen. Daher achten die Parteien darauf, für die heiße Phase vor der Wahl noch ein wenig Pulver trockenzuhalten.

Der Schulz-Hype, der im Februar und März die Umfragen der Meinungsforschungsinstitute durcheinanderwirbelte und im Mai ebenso schnell wieder verrauchte, hat nicht nur in der SPD Besorgnis ausgelöst. Auch in den anderen Parteizentralen sind die Wahlkämpfer ein wenig demütiger geworden. Der Wählerwille lässt sich immer weniger steuern und einschätzen, als dies zu früheren Zeiten der Fall war.

Für den raschen Aufstieg des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz in den Beliebtheitsskalen und seinen ebenso schnellen Abstieg lassen sich viele gute Gründe und überzeugende Erklärungen finden. Es bleibt aber ein Staunen über die Heftigkeit der Bewegung zurück, der etwas Irrationales anhaftet.

Eben dieser Rest Unerklärlichkeit in der politischen Meinungsbildung macht den Wahlkampfstrategen zu schaffen. Er verleitet sie dazu, mit Bangen auf das Ende des Wahlkampfs zu schauen.Trugen 2002 die Elbe-Flut und der Kampf gegen ihre fürchterlichen Auswirkungen für die betroffenen Menschen entscheidend zum Wahlsieg der SPD bei, so gibt es heute eine ganze Reihe an Unwägbarkeiten, die das Land treffen und die politische Stimmung beeinflussen könnten. Naturkatastrophen gehören immer noch dazu.

Aber auch Cyber-Attacken gegen einzelne Parteien oder Regierungseinrichtungen sind denkbar, ein Terroranschlag, eine erneute Zunahme der Zahl der Flüchtlinge, ein neuer internationaler Krisenherd - ein jedes dieser denkbaren Ereignisse kann eine Bundestagswahl entscheidend beeinflussen. Vorbereiten können sich die Wahlkämpfer darauf nur wenig.

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Quelle: RP
 
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