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Kolumne: Berliner Republik
Die CSU betreibt ruchlosen Populismus

Die Partei müsste in die Liste der Weltwunder aufgenommen werden - sie vertritt extremste Positionen zur gleichen Zeit. Unter Horst Seehofer aber wirkt das zuweilen peinlich.

Dieser Tage wäre Franz Josef Strauß 102 Jahre alt geworden. Ob der Bayer im Himmel wohl frohlockt auf seiner Wolke, wenn er seine CSU in ihrem Gebaren beobachtet? Da irrlichtert ein Karl-Theodor zu Guttenberg durch die Bierzelte und behauptet zugleich, keineswegs in die Politik zurückkehren zu wollen. Da schmust Horst Seehofer wieder mit seiner Angela, als hätte er sie für ihre Flüchtlingspolitik nie vor den Kadi in Karlsruhe zerren wollen, weil sie eine "Herrschaft des Unrechts" ausübe. Da steht Joachim Hermann, Bayerns Innenminister, wie selbstverständlich in dem sogenannten Fünfkampf der Kleinen, obwohl die Kanzlerkandidatin der CDU/CSUkurz zuvor im Duell mit Herausforderer Martin Schulz aufgetreten war, das eher einem Duett glich.

Die CSU ist ein Phänomen. Mal groß wie ein Ochsenfrosch, wenn es gilt, groß zu sein. Dann wieder klein wie ein Laubfrosch, nur nicht so grün, wenn es opportun ist, klein zu sein. Sehr bayrisch, aber auch deutsch. Vertreterin von Länderinteressen, Vertreterin von Bundesinteressen. Teil der Unions-Bundestagsfraktion, aber auch Fraktion in der Fraktion mit Sonderstatus. Opposition und Regierung in einem. Sie triezt und verspottet die Sozis und betont zugleich das S in ihrem Namen. Sie müsste in die Liste der Weltwunder aufgenommen werden.

Das war alles immer schon so. Bei Strauß, bei Stoiber, bei Seehofer. Aber erst unter letzterem spielt das Omnibus-Prinzip der CSU ins Realsatirische. Der Raum an dieser Stelle ist zu knapp, um umfassend zu erörtern, was das denn ist: Populismus. Ist Populismus, wenn man Themen anspricht, die die Bevölkerung umtreiben? Oder ist er der jeweiligen Situation geschuldet, erst diese und dann jene Position einzunehmen, weil sich das gerade als günstiger erweist? Für die erste Definition stand Franz Josef Strauß. Dem Volk nicht nach dem Munde reden, aber aufs Maul schauen. Nicht jedermanns Liebling sein zu wollen, weil man sonst jedermanns Armleuchter wird. Ein solcher Kurs ist streitbar, aber respektabel.

Erst unter Horst Seehofer aber ist die CSU zu einer populistischen Partei der zweiten Kategorie geworden: Was interessiert mich mein Tun von gestern? Jetzt ist jetzt, und jetzt ist diese Aussage gut für mich. Dieser situative Populismus ist der wirklich ruchlose. Peinlich und lächerlich wird er irgendwann obendrein. Bei Seehofers CSU ist dieser Zeitpunkt erreicht. Spätestens, seit er sich in seinen eigenen Dementis in der Frage der Obergrenze verheddert hat.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des "Cicero" und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
 
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