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Kolumne: Berliner Republik
Die kreative Kraft der Zerstörung

Kolumne: Berliner Republik: Die kreative Kraft der Zerstörung
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Berlin. Die europäischen Puzzleteile müssen sich nach dem Brexit-Votum neu ordnen. Das aber ist nicht schlimm, sondern gut. Das Referendum erinnert uns daran, was wir an der Gemeinschaft haben. Von Christoph Schwennicke

In seinem 1942 erschienenen Hauptwerk "Kapitalismus, Demokratie und Sozialismus" geht der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter dem Wesen unserer Wirtschaftsordnung auf den Grund und entdeckt dabei die schöpferische Kraft der Zerstörung. Diese sorge dafür, dass sich das Wirtschaftssystem von innen heraus revolutioniere, "unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft". Das sei der Wesenskern des Kapitalismus. Mit ihm müsse "jedes kapitalistische Gebilde leben".

Der 1950 gestorbene Schumpeter kannte das kapitalistische Gebilde Europäische Union weder in seinen montanen Ursprüngen noch in seiner heutigen Form. Und doch erleben wir gerade einen Prozess innerhalb dieses Gemeinwesens, auf den Schumpeters Wort von der kreativen Zerstörung treffgenau passt. Mit dem Referendum für den Ausstieg aus der EU sind die Puzzleteile ordentlich durcheinandergewirbelt worden. Sie ordnen sich nun neu. Das ist nicht schlimm, sondern gut. Die kreative Zerstörung, so martialisch der Begriff klingt, war bei Schumpeter positiv besetzt. Das Neue wird aus dem Alten geboren, ist dem Alten evolutionär überlegen und der Moderne gewachsen.

Die schöpferische Zerstörung hat zunächst beide großen Volksparteien Großbritanniens erfasst. Der retroselige Labour-Chef Jeremy Corbyn wird sich nicht halten können. Das ist gut. Bei den Tories muss Premier David Cameron seinen Platz räumen, und die Parteiräson sorgt dafür, dass an seiner statt nicht der Gaukler Boris Johnson inthronisiert wird. Denn das ist eine Lehre dieses Brexit: Politik ist kein Casino, das man eitlen und selbstverliebten Zockern überlassen sollte. Sie soll Spaß machen. Aber sie muss in ihrem Kern ernsthaft und verantwortlich bleiben. Allen Vernunftbegabten, die von politischen Scharlatanen in den Bann gezogen wurden, wird dies eine Warnung sein. Das ist gut.

Weil die Menschen nun sehen, was man davon hat, wenn man sich britisch-trotzig gibt – wie die Währung abstürzt, wie große Firmen ihren Rückzug ankündigen –, deshalb wird weder in Österreich noch in einem anderen europäischen Land ein Nachahmungseffekt einsetzen. Der Brexit wirkt abschreckend, nicht nachahmenswert. Und er wird noch mehr abschrecken, wenn er Realität wird. Das ist gut!

So gesehen hat der Brexit Europa gutgetan. Er war eine Erinnerung daran, was man an der Gemeinschaft hat. Die Vorzeichen stehen gut, dass Europa nach einer Phase der schöpferischen Zerstörung vor einem guten Neuaufbau steht.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des "Cicero" und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

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