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Kolumne: Berliner Republik
Keine Angst vor der Wahrheit?

Einbrecher, Nationalität und Presse: Wahrheit ist möglich
Unser Kolumnist Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins "Cicero". FOTO: RP
Der Versuch, Fremdenfeindlichkeit zu unterdrücken, indem man die Herkunft von Tätern nicht benennt, entmündigt den Leser. Die Wahrheit schreiben, ohne Vorurteile zu schüren, das geht.

Vergangene Woche hatte die "Welt" einen schönen Rechercheerfolg zu verzeichnen. Vorab vermeldete sie aus der Kriminalitätsstatistik des Jahres 2015: Die Wohnungseinbrüche seien im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent angestiegen. "Spiegel Online" griff die Geschichte auf und zitierte daraus. An einer Stelle wird vermerkt, dass in NRW die Herkunft der Täter aufgeschlüsselt werde. Und, Achtung, jetzt kommt's: "Mehr als die Hälfte der mutmaßlichen Einbrecher hat demzufolge die deutsche Staatsbürgerschaft", fassten die Kollegen diese Aufschlüsselung zusammen.

Was bitte, soll dieser Satz? Will mich da jemand auf den Arm nehmen? Genau solche Sätze sind es, die unserer Branche immer wieder einmal den Ruf einbringen, die Wahrheit zu verschleiern. Denn erstens liegt der Ausländeranteil in Deutschland nach den zuletzt verfügbaren Zahlen des Ausländerzentralregisters bei etwas mehr als zehn Prozent, was für die Relation der Täter bei den Wohnungseinbrüchen eine wichtige Bezugsgröße ist. Zweitens wäre interessanter gewesen, welche Tätergruppen für den erheblichen Anstieg der Einbrüche von 2014 auf 2015 verantwortlich ist. Möglicherweise haben die Ermittler von der Einbruchsfront auch Spon gelesen. Denn anderntags meldete sich der Bund der deutschen Kriminalbeamten zu Wort und stellte klar: Der starke Anstieg geht auf das Konto organisierter georgischer Banden, die Deutschland abgrasen.

Wir tun uns und der Gesellschaft keinen Gefallen, solche Wahrheiten nicht zu benennen. Die Kölner Silvesternacht hat uns das gelehrt. Wir sollten unsere Leser nicht bevormunden. Und zugleich keine Vorurteile schüren. Es hilft nichts, diese Wahrheiten zu unterdrücken. Der Versuch, Fremdenfeindlichkeit auf diese Weise zu unterdrücken, schürt ihn erst recht. Wir sollten unsere Leser nicht entmündigen, wie es "Spon" in seiner Meldung versucht. Wir sollten ihnen vertrauen darin, mit der Wahrheit verantwortungsbewusst umzugehen. Auch wenn es manche nicht glauben wollen: Die Wahrheit schreiben, ohne Vorurteile zu schüren, das geht. Es geht sogar besser, als wenn man die Wahrheit um das eine oder andere entscheidende Detail bereinigt.

Der Autor ist Chefredakteur des Magazins "Cicero". Ihre Meinung? Schreiben Sie an kolumne@rheinische-post.de

Quelle: RP
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