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Kolumne: Berliner Republik
In der Niederlage Größe zeigen

Berlin. Politische Niederlagen werden bei uns inzwischen als solche auch von den Betroffenen selbst so benannt. Das ist ein erfreulicher Kulturwandel. Von Eva Quadbeck

Eine Unsitte war es früher, wenn gewählte und abgewählte Politiker sich vor laufenden Kameras erst einmal für die Stimmen der Wähler bedankten. Selbstverständlich gibt es immer viele Bürger, die aus Überzeugung ihr Kreuz rechts oder links beziehungsweise auf dem Wahlzettel oben oder unten machen. Viele aber wählen jene Partei, die aus ihrer Sicht das kleinste Übel darstellt. Diese Wähler wollen keinen Dank, sondern tatkräftige Politiker, die sich ihrer Stimme als würdig erweisen. Zum Glück ist die Danksagerei auch dank der unermüdlichen Interventionen der TV-Moderatoren aus der Mode gekommen.

Überhaupt wird inzwischen im Umgang mit Wahlergebnissen mehr Ehrlichkeit an den Tag gelegt. Während es früher Teil des Rituals war, Wahlniederlagen in Siege umzudeuten, räumen die Wahlverlierer heute in der Regel ihre Schmach tatsächlich ein. Die SPD hat in dieser Frage eine gewisse Routine entwickelt. Dennoch gehört auch Größe dazu, vor laufenden Kameras zuzugeben, die eigenen Ziele verfehlt zu haben. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und die abgewählte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verdienten sich am Sonntagabend zumindest noch exzellente Haltungsnoten. Krafts rascher und schneller Rückzug von den Ämtern dürfte dazu beigetragen haben, den Schaden für die SPD zumindest ein wenig zu begrenzen.

Ganz anders Gerhard Schröder 2005 am Abend der Bundestagswahl, als er mit geschwollenem Kamm in der TV-Runde saß und Merkels Anspruch aufs Kanzleramt schlicht nicht gelten lassen wollte. Auch in Merkels eigener Partei fanden damals viele, dass sie es angesichts der komfortablen Ausgangslage ziemlich versemmelt hatte. Doch nach Schröders Auftritt schlossen sich die Reihen, und Merkel ist immer noch Kanzlerin.

Dass die Tradition der Schönrederei von Wahlergebnissen weitgehend ausgestorben ist, liegt auch an den heute rascher wechselnden Stimmungen. Während Politiker ihre Ergebnisse früher aufhübschten, um auf lange Sicht gut dazustehen, hat dies heute kaum noch Sinn. Etwa ein Drittel der Wähler entscheidet sich erst kurz vor der Wahl. Wäre Schulz nur zwei oder drei Wochen später nominiert worden, hätte der von ihm ausgelöste Hype für den Wahlsieg in NRW möglicherweise noch ausgereicht. Aus dieser Erkenntnis heraus verkneifen sich Wahlsieger heute auch übermäßiges Triumphgeheul und eine überlegene Haltung. Sie wissen, dass die Zustimmung für sie in wenigen Wochen wie Eis in der Sonne schmelzen kann.

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Quelle: RP
 
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