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Kolumne: Berliner Republik
Magnolie Schulz

Kolumne: Berliner Republik - Magnolie Schulz
Kolumnist Christoph Schwennicke. FOTO: Schwennicke
Berlin. Die Magnolienblüte und das Aufblühen des Martin Schulz als Kanzlerkandidat der SPD sind in diesem Jahr zeitlich zusammengefallen und ähnlich verlaufen: Kurz, heftig und spektakulär. Von Christoph Schwennicke

Der einzige Unterschied vielleicht: Bei der Magnolie bleiben nach ihrem Farbfeuerwerk viele unansehnliche, matschig-braune Blütenblätter am Boden zurück. Die kurze Blüte des Martin Schulz verlief weitgehend rückstandsfrei.

Ihr jähes Ende ist eher erklärlich als ihr Beginn. Von Anfang an staunte man und wunderte sich, dass ausgerechnet Martin Schulz der Messias der Sozialdemokraten sein soll. Jetzt erweist sich, was als Erklärungsmuster gleich im Schwange war. Was wie Dünger auf ihn wirkte, war nicht zuerst Begeisterung für ihn. Sondern Abneigung gegen Sigmar Gabriel und Angele Merkel.

Es ist nun müßig, darüber nachzudenken, wie es um eine SPD als Herausforderer der Kanzlerin stellt wäre, hätte Sigmar Gabriel mit weichen Mitteln  auch immer etwas gegen seine Beleibtheit getan. Er sieht jedenfalls inzwischen aus wie der Gallier-Häuptling Majestix nach dessen Diät im "Avernerschild". Und auch wenn wir politischen Schlaumeier das nicht so gerne hören, weil es so banal ist: Die Optik speilt eine gewaltige Rolle. Gerhard Schröder hatte Gabriel schon vor Jahren zwei Dinge geraten, wenn er Kanzle werden will: Erstens endlich eine gerade politische Furche zu ziehen und zweitens 20 Kilo abzunehmen.

Auffallend am frühen Absturz des Martin Schulz: Er folgt einem länderübergreifenden Muster. Einem Muster dessen, was passiert, wenn Sozialdemokraten ihr Heil im Gestern suchen. In Frankreich hat Benoit Hamot, der Kandidat der altehrwürdigen Partie Socialiste 6,4 Prozent der Stimmen bei der Präsidentenwahl bekommen. In Großbritannien steht Retro-Labour-Mann Jeremy Corbyn nach knapp zwei erfolglosen Jahren an der Spitze vor einem schmachvollen Ende nach den Unterhauswahlen am 8. Juni. In den USA hatte es der demokratische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders mit Retro-Links versucht, aber auch nicht geschafft.

Schulz steht in eben jener Reihe. In einer Reihe jener Sozialdemokraten, die sich die Welt von vor 1973 zurückwünschen, eine Welt des permanenten Aufstieg für alle, die mit dem Ölschock für immer unterging. Die beiden Bestseller zu dieser Vergangenheitsseligkeit sind "Die Abstiegsgesellschaft" von Oliver Nachtwey, und "Rückkehr nach Reims" von Didier Eribon. Beide liefern auf ihre jeweilige Weise den gleichen Befund, ohne aber zu sagen, wie eine sozialdemokratische Politik unter den veränderten Rahmenbedingungen  aussehen müsste.

Genau das aber hatten Politiker wie Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder angeboten. Man kann über die Irrungen, die damit einhergingen, lange richten. Aber das, was Tony Giddens und andere Geistesväter dieser Schule anboten, wäre weit mehr als retroselige Rückkehr in ein Reims, das es so nie wieder geben wird.

Und nur mit einem solchen Ansatz können Sozialdemokraten genügend Leute hinter dem Ofen vorholen, anstatt sich an ihm zu wärmen. Tony Blair hat in Großbritannien dieser Tage zu erkennen gegeben, dass  er bereit wäre, wieder in die Politik zu gehen. Nach seinem Riesenfehler des Irakkriegs wird das nicht passieren. Aber dennoch ist die Frage: Wo sind die neuen Clintons, Blairs und Schröder bei der SPD, bei Labour und den amerikanischen Demokraten.  Die Franzosen könnten ihren Mann dieses Schlags möglicherweise in Emmanuel Macron gefunden haben.

Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des "Cicero" und schreibt regelmäßig an dieser Stelle im Rahmen einer Kooperation. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserem Autor: kolumne@rheinische-post.de

 
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