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Kolumne: Berliner Republik
Wenn Politik zur Komik verkommt

Kolumne: Berliner Republik: Wenn Politik zur Komik verkommt
FOTO: Quadbeck
Berlin. Die Satire lebt von der Politik. Und das ist auch völlig in Ordnung. Wenn aber Ex-Politiker von Satire leben wollen, leidet das Ansehen der Politik insgesamt. Von Eva Quadbeck

Norbert Blüm war der CDU-Arbeitsminister, der eigenhändig Plakate mit der Aufschrift "Die Rente ist sicher" an Litfaßsäulen klebte. Als Blüm dann nicht mehr Arbeitsminister war und sich herausstellte, dass die Rente auch nicht sicher ist, jedenfalls nicht in der von Blüm in Aussicht gestellten Größenordnung, wechselte der leutselige Sozialpolitiker ins Kabarettfach. Seitdem reiste er mit dem Schauspieler Peter Sodann übers Land. Sodann wiederum trat 2009 für die Linken als Bundespräsidenten-Kandidat an – meinte er aber auch nicht ernst. Wer Blüms späte Karriere ein wenig verstörend findet, muss nicht unbedingt humorlos sein.

Der frühere Finanzminister und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD), bei dessen Äußerungen man sich schon zu seinen aktiven Politiker-Zeiten gelegentlich fragte, ob der das eigentlich alles ernst meint, strebt eine ähnliche Karriere an. Im Sommer will er mit dem Berufskabarettisten Florian Schroeder die Bühnen bespielen und wahrscheinlich SPD-Witzchen reißen. So viel sei zu Steinbrücks Ehrenrettung an dieser Stelle gesagt: Trotz Stinkefinger-Fotos und einiger verbaler Ausrutscher war er ein ordentlicher Finanzminister, der während der Bankenkrise einen guten Job gemacht hat.

Es steht aber zu befürchten, dass Steinbrück mit seinem Kabarett-Programm für die SPD eine Neuauflage des Pannen-Wahlkampfs von 2013 liefert. Seit dem Wochenende jedenfalls steht fest, dass die Sozialdemokraten dabei sicherlich am wenigsten zu lachen haben. Denn Steinbrück legte los, als habe ihn die CSU zum Generalsekretär berufen. Er attestierte seiner ohnehin gebeutelten SPD "Realitätsverlust" und verglich Kanzlerkandidat Martin Schulz mit Erich Honecker. "Heulsusen" schob er auch noch hinterher. Dass die Genossen auf diese eigenwillige Werbung für Steinbrücks Kabaretttour humorlos reagierten, ist absolut nachvollziehbar.

Es ist ja erst vier Jahre her, dass Steinbrück als SPD-Kandidat Kanzler werden wollte. Man fragt sich, wie dick die Rechnung eigentlich ist, die er mit seiner Partei offen hat, dass er noch nicht einmal bis nach der Bundestagswahl damit warten kann, sich und seine Partei der Lächerlichkeit preiszugeben.

In Zeiten, da Rechtspopulisten Applaus bekommen, wenn sie auf die etablierten politischen Parteien schimpfen, sollten deren Politiker und auch ehemalige Politiker darauf verzichten, die eigenen Reihen lächerlich zu machen. Doch wenn Steinbrück jemals mehr Sinn für Etikette und ungeschriebene Gesetze dieser Art gehabt hätte, hätte er auch Kanzler werden können.

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