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Kolumne: Gesellschaftskunde
Abgedriftet in die totale Selbstbespiegelung

Kolumne: Gesellschaftskunde: Abgedriftet in die totale Selbstbespiegelung
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Düsseldorf. Die Wirklichkeit mit all ihren Unzulänglichkeiten ist anstrengend. Und es gibt immer mehr Möglichkeiten, ihr zu entgehen – doch das macht es schwieriger, Empathie zu empfinden. Von Dorothee Krings

Nun tauchen all die Bilder auf vom Attentäter in Orlando, wie er sich selbst inszeniert hat, mit dem Handy vor dem Spiegel, als Bild vom Bild. Dazu gibt es immer neue Informationen über das Leben jenes Mannes, der 49 Menschen erschoss, weil deren Lebensstil ihm nicht gefiel. Vieles davon passt nicht zueinander, ergibt kein stimmiges Bild, wie so oft, wenn Menschen unmenschliche Taten begehen.

Aber die Bilder bleiben: Bilder vom Tatort, von getöteten Menschen, von schwer Verwundeten, von schockierten Angehörigen, die in Trauer versinken. Und die Bilder des Täters, der posiert, der gefallen will, der sich als Selfie betrachtet, als zurückgeworfenes Bild. Er muss auch sonst den Kontakt zur Realität verloren haben – muss in Menschen keine Menschen mehr gesehen haben.

Natürlich sind diese Bilder Symptom, nicht Ursache für die Taten eines wahrscheinlich zutiefst gestörten Menschen, dessen Motive man nicht mehr verlässlich wird erfahren können. Doch berühren einen diese Selfies auf unheimliche Art, weil einen etwas Leeres, in der unendlichen Spiegel-Brechung Verlorenes daraus anschaut. Die Gegenwart macht anfällig für das Abdriften in diese Leere. Virtuelle Welten werden immer perfekter, in immer mehr Lebensbereichen bewegen wir uns durch grafisch gestaltete Umgebungen.

Natürlich macht das Menschen nicht gleich zu Massenmördern, und es ist bequem und faszinierend, vor dem Hausbau schon durch das animierte Eigenheim zu spazieren oder sich beim Spiel mit der Virtual-Reality-Brille zu amüsieren. Doch der reale Kontakt zu Menschen, das Einlassen auf die raue Wirklichkeit wird immer mehr zu dem anderen Zustand, der viel anstrengender, unperfekter, unberechenbarer ist als die künstlich gestaltete Welt. Und der manche lieber aus dem Wege gehen.

Im Unperfekten aber liegt das Humane verborgen. Es macht aus Menschen mitfühlende Wesen, weil sie sich auf die Schwächen ihrer Mitmenschen einlassen, sich an anderen Sichtweisen, anderen Lebensrealitäten reiben müssen. Das schärft die Sinne und ist die Voraussetzung für Empathie. Die aber hat es immer schwerer in Zeiten, in denen so unverhohlen pauschal über Menschen in Not gesprochen wird. Den Einzelfall nicht sehen zu wollen, ist aber auch nur eine Form, vor der Wirklichkeit zu fliehen.

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