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Kolumne: Gesellschaftskunde
An die Zukunft glauben

Düsseldorf. Um erfolgreich zu sein, brauchen Menschen ein gewisses Selbstvertrauen. Daran mangelt es aber, wenn schon Kinder kaum Chancen auf gutes berufliches Auskommen haben. Von Dorothee Krings

Jede neue Bildungsstudie bestätigt einen alten, beschämenden Befund: In Deutschland entscheidet Herkunft über Chancen. Kaum ein Indikator beeinflusst den Bildungserfolg von Kindern so stark wie ihr familiärer Hintergrund. Zwar hat sich durch neue Schulformen und Ausbildungswege die Situation leicht verbessert. Doch noch immer ist Deutschland ein Land der feinen Unterschiede, in dem Menschen mit höherer Bildung alles tun, um den eigenen Kindern mindestens einen gleichen sozialen Status zu ermöglichen. Während andere in den Haupt- und Förderschulen hängenbleiben und oft keinen Weg aus der Bildungsfalle sehen.

Junge Menschen mit Migrationshintergrund etwa erreichen viel seltener die Hochschulreife und verlassen immer noch mehr als doppelt so häufig die Schule ohne Abschluss. Das hat mit sprachlichen Schwierigkeiten zu tun und mit mangelnder Unterstützung daheim. Es hat aber auch mit etwas zu tun, das sich viel schwerer erheben und noch schwerer verändern lässt: mit Selbstvertrauen.

Dinge für möglich halten. Das erscheint Menschen selbstverständlich, die aus Familien kommen, in denen Eltern und Geschwister dies und das gelernt und studiert haben. Mag auch bei ihnen nicht alles glatt gelaufen sein, sie leben in dem Bewusstsein, dass sie sich neue Chancen erarbeiten können. Dass ihnen schon etwas einfallen wird. Mit diesem Bewusstsein lassen sich Rückschläge verkraften. Man richtet sich auf, entwickelt neuen Mut, überlegt, was man als Nächstes anfangen könnte - und hält für möglich.

Doch es gibt Menschen, die diesen positiven Erfahrungsspeicher nicht besitzen. Die schon als Kinder mitbekommen, wie Erwachsene um sie herum in Sackgassen geraten. Und nicht wieder herausfinden. Das hat subtile Wirkung, es zerstört Selbstsicherheit, ein unbewusstes Zutrauen in die Welt, ein Mittel gegen die Verzagtheit.

Deutschland wird in den nächsten Jahren aber immer mehr spüren, dass es junge Menschen braucht, die Aufstiegschancen sehen und an ihre Zukunft glauben können. Die Undurchlässigkeit des Bildungssystems ist nicht nur ein bedauerliches Phänomen in einer alten Bildungsbürgerkultur. Es ist eine Ungerechtigkeit und Vergeudung von Potenzial, die sich in der längst angebrochenen Epoche des Fachkräftemangels kein entwickeltes Land mehr leisten kann. Es wird in den nächsten Wochen viel um den Zuzug qualifizierter Kräfte gehen. Den Menschen, die schon hier sind, unabhängig von ihrer Herkunft realistische Chancen zu öffnen, ist die erste Aufgabe.

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Quelle: RP
 
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