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Kolumne: Gesellschaftskunde
Angriff auf die Besonnenen

Berlin trauert um die Opfer des Anschlags
Berlin trauert um die Opfer des Anschlags FOTO: afp
Düsseldorf. Es gibt Menschen, die nach der Bluttat in Berlin erst einmal sprachlos sind. Auf dieses Schweigen sollten wir hören. Von Dorothee Krings

Nun hat der Kampf um die Vereinnahmung des Anschlags in Berlin begonnen. Und angesichts des Leids, das an einem friedlichen Vorweihnachtsabend über so viele Menschen gekommen ist, haben Rechtspopulisten leichtes Spiel. Nicht nur darin, Hass auf Menschen fremder Herkunft zu schüren und mit neuem Eifer eine Gruppe von Leuten, die nicht viel mehr eint, als dass sie geflohen sind, zu Feinden zu erklären.

Vor allem versuchen sie, all jene zu verunglimpfen, die sich weiter für eine offene Gesellschaft einsetzen und dies nicht für eine Frage von Pollern vor der Fußgängerzone halten. Auf die Besonnenen haben sie es abgesehen, stellen sie als Verharmloser dar, die jetzt erleben, was sie angeblich verdrängen wollten.

FOTO: Krings

So sorgt ein Attentat, das eigentlich nur stumm machen kann vor Trauer und Bestürzung, dafür, dass Menschen sich gerechtfertigt fühlen, ihre Ressentiments offen auszusprechen und sich keiner Grobheit mehr schämen. Ist die Rhetorik der Ausgrenzung, sind infame Schuldzuweisungen aber erst einmal in der Welt und werden wiederholt und für politische Zwecke ausgenutzt, dann fressen sich die Denkmuster des Hasses ins Bewusstsein. Und gewinnen an Normalität.

Doch es gibt auch die Menschen, die Kerzen aufstellen, Blumen ablegen – und schweigen. Es gibt Menschen, die trotz des sich ändernden Klimas weiter daran mitarbeiten, dass die Integration von Flüchtlingen gelingt. Weil sie die Notwendigkeit sehen. Und sich nicht darauf zurückziehen, dass die Kanzlerin die Grenzen besser nicht geöffnet hätte.

Das Attentat in Berlin war eine grausame Tat. Jedem, der damit etwas beweisen will, ist zu misstrauen.

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