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Kolumne: Gesellschaftskunde
Das eigene Leben betrachten

Kolumne: Gesellschaftskunde: Das eigene Leben betrachten
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Düsseldorf. Gegen Jahresende wird den meisten besonders bewusst, wie schnell die Zeit verfliegt. Doch dem Gefühl der Flüchtigkeit lässt sich etwas entgegen-stellen: Dankbarkeit. Von Dorothee Krings

Wie flüchtig die Zeit ist, wird besonders sinnfällig, wenn die Tage kürzer werden und das Jahr sich neigt. Man steht im Dunkeln auf, kehrt im Dunkeln heim, dazwischen: beschleunigter Stress, angespannte Verkehrslagen, Lebensroutine. Wo sind nur die hellen Monate geblieben, in denen die Tage so verschwenderisch lang erschienen? War nicht gerade noch Sommer? Schon ist es Zeit, die Winterreifen aufzuziehen, und die ersten Freunde drücken einem Selbstgebackenes in Zellophantütchen in die Hand.

Im letzten Drittel des Jahres macht sich das Verrauschen der Zeit besonders bemerkbar. Für viele Menschen ist das ein bedrängendes Gefühl: Sie empfinden, wie die drängende Eile in all ihre Lebenszusammenhänge gekrochen ist, wie kaum Raum bleibt, um Haltepunkte in den Alltag zu verankern, die dem Vergehen der Tage etwas Bewusstes entgegensetzen. Punkte, an denen das Leben anhält, statt schneller dahinzutreiben.

Ein Mittel gegen diese Flüchtigkeitsgefühle ist Dankbarkeit. Denn Dankbarkeit verlangt einen wachen Blick für das, was ist, was sich jeden Tag ereignet und doch bemerkenswert ist und Leben ausmacht. Richtig verstandene Dankbarkeit bezieht sich ja nicht nur auf das Außergewöhnliche - das Geschenk, für das man Danke sagt, den Erfolg, der einem geglückt ist. Echte Dankbarkeit ist kein sporadisches Gefühl, das aufwallt, wenn einem Gutes widerfährt, sondern eine grundsätzliche Haltung zum eigenen Leben, die alles umfasst. Und darum ein Mittel gegen die Hast ist.

Denn Dankbarkeit hat mit Anschauen zu tun, mit Wahrnehmung und Verharren. Natürlich passiert in den meisten Leben genug Negatives, gibt es Enttäuschungen, Misserfolge, für die man keinen Dank empfinden muss. Dankbarkeit als Haltung bedeutet nicht, das Schlechte schönzureden. Es bedeutet aber, es neben das Geglückte zu stellen, das Gute wie das Schlechte anzuerkennen und die Sinne zu schärfen, um das Gute wertschätzen zu können. Das verhindert Melancholie, Hadern und vor allem das Gefühl, das eigene Leben gar nicht richtig mitzuerleben. Zeit will betrachtet werden, sonst stellt sich sofort das Gefühl ein, dass sie zerrinnt, verfliegt, sich in Nichts auflöst.

Gegen das beklemmende Gefühl der Flüchtigkeit hilft also nicht nur Muße. Oft ist es ja sogar besonders schwer, die innere Stimme zum Schweigen zu bringen, wenn man plötzlich Ruhe hat. Sich aktiv auf das eigene Leben zu besinnen, das Gute darin wertzuschätzen, ist leichter. Und im Dezember ist das Jahr dann nicht verflogen, sondern hat viele gute Momente gehabt.

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